Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 66 (1902)
- Issue
- Heft 44 (31.10.1902)
- Date
- 1902-10-31
- Page
- Seite 527 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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527 rothes Obergewand trug (ihrer erregten Einbildung erschien es als ein militärisches) und — oh. sogar noch ein seltenerer Anblick! — ein behelmter Soldat folgte ihm, welcher den Vorhang zur Seite zog, die geschmückten Thorarollen enthüllend. Mitten in der Feier wurde ein Klang gehört, der sie mit Entzücken erfüllte. Eine Orgel! eine Orgel in der Synagoge! Ah! Dies war in der That „Ganz englisch!" Das Instrument hatte selbst für ihr unmnsikalisches Ohr einen dünnen, Pfeifenden Ton; im Vergleich mit den vollen, erschütternden Tvnwellen der großen Orgel in der St. Panlskathedrale war es ein schwächlichklingender Versuch, bescheidentlich an den Grenzen des Gottesdienstes verweilend und nicht verbunden mit dem Gemeindegesang. Sie las später, daß es nur ein Harmonium war, und doch erzeugte es ein wunderbares Gefühl der Erhebung, ja ein Emporquellen von Thräneu bei Offizieren in glänzenden Uniformen und mit nickenden Federn. Simons Augen begegneten denen seiner Mutter, und ein Blick, in dem die alte kindliche Liebe aufblitzte, wechselte zwischen Beiden. Es wurde auch gepredigt. Der Rabbiner hatte seinen Text mit doppelter Anwendung der Makkabäer-Geschichte entnommen. Wenigstens Einer aus Zehn der jüdischen Freiwilligeil wäre ansgerückt, den frechen Eindringling in das Reich der Königin auszntreiben. Ihr geliebtes Vaterland habe keine ergebeneren Bürger wie die Kinder Israels, die sich unter seiner Fahne niedergelassen hätten. So wären Engländer und Jude eins im Geist und im Streben; des Juden Schriften wäre die Quelle, aus welcher der Engländer tief geschöpft habe. Nicht ein Zufall wäre es, daß die Feinde der Engländer in Enrvpa auch zugleich Antisemiten seien Dann erhob sich die Gemeinde, während der Prediger halb verdeckt von der Reichsfahne, die Namen der Juden verlas, die in den weit entfernten Ebenen Südafrikas für England den Tod erlitten hatten. Jedes Haupt war gebeugt, als die Menschen schweigend den laut werdenden Namen lauschte. Das Verlesen der Liste wollte kein Ende nehmen — jedes geschiehtliehe Blutfeld stellte seine Opfer, jedes Regiment, ob britisch oder kolonial, war vertreten in dein langen Todenreigen — gewaltig ertönte der schauerliche Bericht inmitten des ehrerbietigen Schweigens, bis ein schwarzes Leichentuch sich niederzulassen schien, das Zoll für Zoll über die Versammlung, über die ganze Synagoge sich ausbreitetc. Nie hatte Frau Cohn geträumt, daß so viele ihrer Brüder da draußen gestorben wären. Als die Soldaten aus der Synagoge marschirten, drückte sie sich zn Simon hin und ergriff für einen Augenblick seine Hand, indem sie ihm aufgeregt zuflüsterte: „Mein Lamm, heirathe sie — wir sind alle jetzt gleich Englisch." Sie wußte nie, daß sie diese Worte in „Jiddisch" gesprochen hatte! (Schluß folgt.) Kpvechsaat. Sehr geehrter Herr Redakteur! ^Kserr Dr. Jelski findet die Talmudisten zwiespältig. Wer Form und Inhalt sürverschiedenhält, findet denzwiespältig.derbeiden die gleiche Aufmerksamkeit widmet, wer aber den Zusammenhang von Form und Inhalt empfindet, muß den für zwiespältig halten, der den Formen nicht genügende Bedeutung bemüht. Ebensowenig, wie der Künstler zwiespältig wäre, der einen Moses malen Witt und den kleinen Falten seines Gewandes kunstvolle Aufmerksamkeit widmet, ebensowenig ist der Talmud zwiespältig, der zwar anerkennt, daß das Ein und Alles der Religion die Nächstenliebe sei, und der trotzdem den minutiösen rituellen Vorschriften das eifrigste Studium zu Theil werden läßt. Ritual und Moral verhalten sich wie Körper und Geist. Zwiespältig lDualist!) ist nur Derjenige, welcher beide für verschieden hält. Dagegen war ein Hillel, der davon überzeugt war, daß die rituellen Vorschriften zur Verwirklichung moralischer Ideen dienen sollten, nicht zwiespältig, sondern einheitlich in seinem Denken. Gerade darin besteht meiner Ansicht nach der Unterschied von Christen- Lhurn und Judenthum, daß jenes sich aus die abstrakten moralischen Vorschriften beschränkt, dieses die Moralideen konkretisirt nnd zu verwirklichen sucht. Das sogenannte praktische Christenthum ist das Eingeständniß, daß es an der Einheit von Leben und Lehre, von Recht und Moral gefehlt hat. Dr. Jelski muß die Talmudisten nicht aus seiner, sondern aus ihrer Seele beurtheilen. Ihnen war die Fülle von rituellen Vorschriften keine Last, sondern eine Lust. Wie Claude Montefiore (ULbbert I^6eture8 S. 535) sehr treffend 'ausfnhrt: „Gerade das Ceremonialgesetz wurde vor allem um seiner selbst willen und ans Liebe zu Gott beobachtet. Die Nackten zu kleiden, die Hungrigen zn speisen, ist zum Theil utilitarisch mit Rücksicht auf die gewollte Wirkung. Aber der Sabbathsegen. das Legen der Tefillin oder die Reinigung des Hauses vor Pessach trägt die Genugthunng in den Handlungen selber. Ein geistiger Segen wurde gefühlt in der Ausführung jedes göttlichen Gebotes, ein religiöser Enthusiasmus ausgelöst bei der Ausübung der scheinbar lächerlichstell Gebräuche." In diesem Sinne hieß es vom Sabbath, daß er eine Lust sein soll und keine Last: nicht aber in dem Sinn, daß man nicht beobachten sollte, was einem unbequem ist. Es ist merkwürdig, daß Dr. Jelski, in der Absicht spiritualistisch zu sein, die Begriffe Last nnd Lust materialistisch vergröbert. Nicht darin besteht die Lust des Sabbath, daß Jeder thnt, was ihn: Vergnügen macht, ohne Rücksicht aus Andere, daß man das abschafft, was einem Unbequemlichkeiten verursacht, sondern daß man die Gebote und Verbote, die sich auf deu Sabbath beziehen, nicht als Last, sondern als Lust empfinden soll. Dr. Jelski findet es räthselhast, wie man heute noch, zumal in großen Städten und z. B. im Winter oder bei Unwetter, das Verbot des Fahrens rechtfertigen will. Meiner Ansicht nach sehr einfach damit, daß es bei Unwetter für Kutscher und Vieh noch unangenehmer ist, unterwegs zu sein, und im Gegensatz zu Dr. Jelski meine ich, daß es in solchen Fällen menschenfreundlicher ist, daß man nicht fährt. Besondere Fälle natürlich außer Acht gelassen, wie das Fahren des Arztes über Land, wenn bei einem Patienten Gefahr im Verzüge ist, oder dergl. Fälle, in denen auch nach Ansicht der an der Tradition hängenden Glaubensgenossen das Fahren erlaubt ist. In Schottland würde Dr. Jelski finden, daß die Christen das Verbot, am Sonntag zu fahren, einigermaßen genau befolgen. Dampfer und Omnibusse verkehren nicht, Eisenbahnen haben einen sehr beschränkten Dienst. Daß ein anständiger Mensch am Sonntag seinen eigenen Wagen benutzt, ist in England oder Schottland so gut wie ausgeschlossen. Während ich diese Zeilen schreibe, kommt mir eine ehrwürdige Gestalt ans dem alten Berlin in Erinnerung. Der alte Geh. Sanitätsrath L. pflegte bis in sein spätes Alter am Sonnabend alle seine Krankenbesuche zu Fuß zu machen. Bedauerlich finde ich, daß Dr. Jelski als ein Argument für seine Reformationsideen anführt, man solle Satzungen für unverbindlich erklären, die nicht den modernen Verhältnissen und Anschauungen entsprechen und unsere Religion bei der Mehrheit der Glaubens- und Nichtglaubensgenossen in ein falsches Licht stellen. Abgesehen davon, daß die treue Bewahrung alter Bräuche, wie sie z. B. der erwähnte Geheimrath L. befolgt hat, nur zur Ehre gereichen könnte, muß doch entschieden dagegen Protestirt werden, daß wir bei Vornahme von Reformen nach rechts und links schielen. Mag man bei Gabriel Rießer Nachlesen, was dieser von Reformen denkt, die mit Rücksicht auf Nichtglaubensgenossen vorgenommen werden. Bei Gabriel Rießer wird man auch lernen können, daß gerade dieses Gebiet der Reform verschlossen ist. Indem wir in Neligionssachen die Majorisirung verwerfen und das Gewissensrecht des einzelnen Individuums anerkennen, erklären wir auch eine Reform durch Majoritätsbeschluß für unzulässig. (Abgesehen vom Gottesdienst, der nicht Sache des Individuums, sondern