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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1902-10-31 · Heft 44 (31.10.1902) · p. Seite 526

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
66 (1902)
Issue
Heft 44 (31.10.1902)
Date
1902-10-31
Page
Seite 526 (sequence 12)
Language
German
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526 sagte ihr, daß das, für eine größere Sache gewagte Leben von den Beschränkungen der geringeren befreit sei. Beinahe zwei Monate nach Simons Rückkehr sollte ein besonderer Kriegergoltesdienst, in Verbindung mit dem Chanukahfest in der großen Synagoge abgehalten werden und die jüdischen C. I. V.'s waren unter den eingeladeneu Soldaten. Auch Frau Cohn erhielt eine Eintrittskarte für die großartige Feier, die ans Samstag Nachmittag festgesetzt war. Als sie an diesem erregten Tage beim Mittagsmahl saßen, fragte Frau Cohn plötzlich: „Rath', wer mich gestern besucht hat?" „Der Himmel weiß wer!" sagte Simon. „Herr Zuckermann," entgegnete Frau Cohn mit einem nervösen Lächeln. „Zuckermann?" wiederholte Simon in Verwunderung. „Der — der — ja, der Heiratsvermittler." „Welche Frechheit! Ehe Dein Trauerjahr zu Ende ist!" Fran Cohns blasses Gesicht wurde feuerroth. „Nicht für mich! Für Dich!" Platzte sie heraus. „Für mich? — Diese Unverschämtheit ist großartig." Und Simons Wangen glichen an Röthe denen seiner Mutter. „Oh! es ist gar nicht so unvernünftig," murmelte sie beschwichtigend. „Ich nehme an, daß er dachte, Du würdest in Kurzem Dich nach einer Frau umsehen und natürlich," fügte sie, kühner werdend, hinzu, „ich möchte Dich gern häuslich niedergelasseil wissen, ehe ich Deinem Vater Nachfolge. Was ich noch sagen will: Tu bist keine gewöhnliche Partie. Zuckermann sagt, es giebt kein Mädchen, sogar in Bayswater, die Dich ausschlagen würde." „Genügender Grund, sie auszuschlagen," ries Simon hitzig. „Welch' ein häßlicher Gedanke, daß meiner Frau ein Anderer mit dem nämlichen Einkommen ebenso willkommen gewesen sein würde!" Obwohl Fran Cohn bei diesem Hohn znsammenfuhr, fühlte sie doch eine innere Erhebung wie bei den Klängen der Orgel in St. Paul, und die Erinnerung an ihre eigene jugendliche Vergangenheit füllte ihre Augen mit Thränen, die ihre Aufregung noch verstärkten. Sie gedachte der Zeit, da man sie aus Polen hierherbrachte, den ihr gänzlich unbekannten S. Cohn zu heirathen. „Ach! wie diese junge Generation die alten Fesseln zerbricht! Welch' frisches, göttliches Blut in ihren Adern fließt!" „Ich werde nur ein Mädchen heirathen, das ich liebe, Mutter, und es wird wahrscheinlich keins dieser jüdischen Mädchen sein, das sage ich Dir offen." Sie zitterte. „Keins welcher jüdischen Mädchen?" stammelte sie. „Oh, irgend Eines! Sie sagen mir nicht zu." Ihr Gesicht wurde blasser. „Ich bin froh, daß Dein Vater nicht mehr lebt, das zu hören!" stieß sie hervor. „Aber Vater sagte, gemischte Ehen sei die Lösung," entgegnete Simon. Frau Cohn war sprachlos. „Er dachte damals, durch dieses Mittel die Buren mit der Zeit zu Engländern zu machen," sagte sie endlich. „Und hat er nicht gesagt, daß auch die Juden völlig englisch werden müßten?" „Giebt es nicht genug jüdische Mädchen, die englisch sind?" fragte sie mit einem Gefühl von Weh. „Du meinst solche, die sich gar nicht um die alten Gebräuche kümmern! Wo ist dann der Unterschied?" gegenfragte Simon. Die Mahlzeit wurde in drückendem Schweigen beendigt, und Simon ging, seine Khakiuniform anzuziehen, um die Synagogenparade mitzumachen. Frau Cohn war das Herz schwer, als sie sich für das nämliche Schauspiel ankteidete. Sie zermarterte ihr Gehirn, sich zusammenzureimen, wie dies alles gekommen sei. Ja, die ganze Sache war ihr jetzt klar! — Diese anhaltenden Besuche in Harrow an Samstag- und Sonntagnachmittagen! Also lebte diese Christin in Harrow, diese dankbare Schwester des vom Tode geretteten Winsay. Die hatte ihn also zu einer so regelmäßigen Lebensweise gebracht! Von ihr kamen jene dicken Briefe mit dem schwachen Aroma! Welch' wunderbare Kraft mußte diese ungewöhnliche Leidenschaft haben, die mit ihrem geheimnißvollen Zauber den Sohn von seinem Volke lockte! Und dann: welch einen Skandal wird es in Highbury absetzen, einen so erwünschten Heirathskanditaten sich entführt zu sehen! Ihre Schwiegersöhne — durch sie reich geworden — würden ihr die Schande vorwerfen, die sie über die Familie gebracht habe — über sie, die so unerschütterlich an ihrem alten Glauben festhielten. Doch was ihr furchtbarer erschien als alles andere, war das Urtheil ihres früheren Wohnorts, des Seehafens, auf dessen Achtung und Zuneigung sie noch immer unwillkürlich einen großen Werth legte. Doch auf der anderen Seite glaubte sie den Spott ihres Heldensohnes zu hören, mit dem er diese durch viele Generationen sanktionirten „kontraktlichen" Ehen geißelte. Was indeß dieses fremde Mädchen von Harrow betraf, er würde nie mit ihr glücklich sein! Nein, nein — das „Ganz englisch" hat seine Grenzen! * * * Erst als sie in dem alterthttmlichen Gebäude saß — nachdem sie durch die den Soldaten sich nachdrückende Menge sich hindurchgewunden hatte — siel ihr das Fremdartige der ganzen Situation auf. Sie saß thatsächlich wieder unter den Männern — gerade wie in St. Paul. Und was für Männer! Ueberall rothe und graue Uniformen, der Schimmergoldener Tressen und Quasten. — Inden schienen unter ihnen Allen zu sein! Und überdies als Freiwillige! „Oh, was würde der arme Salomon davon gedacht haben!" Das Innere der großen Synagoge zeigte einen gewissen modern-englischen Aufputz, etwa wie der Speisesaal eines Hotels, frisch vergoldet, seines historischen Dämmerlichtes beraubt, die vormalige Kerzenbeleuchtung durch elektrisches Licht ersetzt, dessen Glanz das zunehmende Dunkel des Winternachmittages mit einem weißlichen Schimmer erhellte. Die Kanzel — ja die Kanzel! — war mit der englischen Neichsfahne bekleidet, und als sie nach den Synagogenstühlen des Präsidenten und des Schatzmeisters der Gemeinde blickte, sah sie, daß dieselben von Offizieren mit goldenen Schärpen eingenommen waren. Ist es möglich! Hier war thatsächlich ein Offizier mit einem weißen Kreuz am Aermel! Und vor den Angen dieser Fremden begann der Kantor ans den Stufen zur heiligen Lade seinen hebräischen Gesang und zündete die Kerzen an dem großen, vielarmigen Leuchter an. Wahrlich, die Welt änderte sich zusehends. Als dann an den Oberrabbiner die Reihe kam, sich zur heiligen Lade zu begeben, bemerkte sie, daß er ein weißes und

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