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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1902-10-31 · Heft 44 (31.10.1902) · p. Seite 524

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
66 (1902)
Issue
Heft 44 (31.10.1902)
Date
1902-10-31
Page
Seite 524 (sequence 10)
Language
German
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524 Studium heraus in die Politik hinein, Börne hatte sie nach Paris getrieben. Gutzkows erstes Buch, die „Narrenbriefe", war bei Börnes Verleger Hoffmann und Campe erschienen, und von seinen ersten literarischen Versuchungen und Bestrebungen, von seiner Zeitschrift „Forum" an, war er unwillkürlich theils, theils absichtlich den Spuren Börnes gefolgt. Als Stilist war er in Börnes Schule gegangen. Hatte er sich in seinen Ansichten von dem unermüdeten Republikaner beherrschen lassen — später hatte er sich losgerungen und objektiv ihn betrachten und dennoch würdigen gelernt. Was ihm vor allem blieb, war aber die tiefe Dankbarkeit für das Vorbild, das Börne als Charakter ihm gegeben; eine eherne Stütze war ihm dieser gewesen in manchen gefährlichen Schwankungen seines eignen Schicksals. Dieses Motiv läßt denn auch die Börnebiographie besonders stark hervorklingen; an manchen Stellen lautet sie wie eine Rechtfertigungsschrift Gutzkows für sich selbst, so in der Einleitung, die von dem Kainsmal des Märtyrers ausgeht, und in manchen Aussprüchen über Börnes Verhältniß zum weiblichen Geschlecht. Daher ist das Buch auch mit einem hinreißenden Schwünge geschrieben, einheitlich in einem Zuge, und wenn auch die Einzelheiterl durch spätere Veröffentlichungen vielfach verschoben und berichtigt wurden, bleibt Gutzkows Werk das beste, was über Börne erschienen ist.«) Alfred Klaar, der jüngst noch Börnes Schriften neu herausgab, erkennt dies arr, und die quellenmäßige Biographie von Michael Holzmann hat den Text Gutzkows, mehr als vielleicht gut war, zu Grunde gelegt. Gutzkow giebt seiner ganzen Darstellung eine zeitgeschicht- Grundlage, er betrachtet Börnes Wirksamkeit als eine Geschichte der öffentlichen Meinung in Deutschland und entwickelt seine Hauptideen aus seinen ersten Schriften heraus. Für seine Persönlichkeit ist ihm Börnes Judenthum der Ausgangspunkt der Betrachtung, es ist ihm das Symbol der allgemeinen Unfreiheit. Er skizzirt meisterhaft das ganze Milieu, in dem der junge Börne aufwuchs, und weist uns die Spuren früher literarischer Eindrücke in dessen Schriften nach, Eindrücke, von denen er den Jean Pauls selbst erfahren. Ueber den Politiker, den Stilisten, den Dramaturgen vergißt er den Menschen Börne nicht und weiß seine intimen Lebensbeziehungen, sein Berhältniß zu Frau Wohl in so zarten Linien zu schildern, daß jede plumpe Frage von vornherein abgewiesen wird. Und das alles, ohne Börne persönlich gekannt, ohne ihn je von Angesicht zu Angesicht gesehen zu haben, oder eben deshalb, wie er in der Vorrede sagt, unbeirrt durch persönliche Vorurtheile, nur den großen Zügen seines Charakters nachgehend, die er in dem wirren Skizzenbuch der Zeit stark hervorleuchten sah. Die Entstehung dieser Börnebiographie hat nun eine ganz interessante Geschichte, die sich in verschiedenen Briefen darstellt, die ihretwegen geschrieben wurden. Der erste Brief, der Gutzkows Absicht nur erst aukündigt, ist an den Frankfurter Advokaten Dr. Reinganum gerichtet und erzählt uns einiges Beachtenswerte von dem Erfolg der Börneschen Schriften im Allgemeinen und den geschäftlichen Zielen des zu schreibenden Buches im Besonderen. 2) Die späteren Auflagen in den gesammelten Werken <1845 Bd. 6 — 1875 Bd. 12) enthalten übrigens manche Ergänzung. Sehr geehrter Herr und Freund*) Sie erinnern sich, daß ich bei meinem letzten Aufenthalte in Fft. das Vergnügen hatte, Sie als gewählten Mittelsmann in einer Angelegenheit zu besuchen, die ich den Sommer über nicht gut verfolgen und zu einem Ziele bringen konnte, da ich mit der Vollendung meines Romans „Blasedow" sehr beschäftigt war. Jetzt, wo ich freie Muße habe, möcht' ich nun die Verhandlungen wegen der Börne'schen Schriften wieder anknüpfen und Sie bitten, mit Mad. Wohl-Strauß über die Punkte Rücksprache zu nehmen, die ich Ihnen nochmals hier vortragen und in Erinnerung bringen will. Der hiesige Buchhändler Campe besaß das ausschließliche Verlagsrecht der 8 Bände Börne'scher Schriften, ich glaube bis zum Schluß des Jahres 1839; so jedoch, daß die ihm noch lagernden Exemplare von früheren Auflagen her zu allen Zeiten zu verkaufen gestattet bleiben mußte. Bei dem auffallend nur geringen Antheil den ungeachtet aller Größe des Börne'schen Geistes und der heftigen Debatten, die seine Erscheinung erregte, doch das Publikum kaufend an Börne's Schriften genommen hat. liegen dem Buchhändler noch 2000 Exemplare der Börne'schen Schriften aus seinem Leipziger Lager. Diese letzte Angabe soll nicht bloß Sache des Vertrauens sein, welcher Herr Campe Sie bittet, ihm zu schenken, sondern er stellt Ihnen und Mad. Strauß frei, durch irgend einen Agenten in Leipzig aus seinem dortigen Bücherlager Nachsehen zu lassen, um sich von der Wahrheit dieserAussage zu überzeugen. Es kann dem Verleger nicht anders als erwünscht sein, nicht nur diesen Rest früherer Auflage wo möglich schnell zu verkaufen, sondern selbst zu versuchen, ob nicht die Theilnahme des Publikums sich noch auf einen höhern Bedarf ausschwingen sollte, so daß es sich sogar der Mühe verlohnte, jetzt nicht, aber doch später, eine nene Auflage zu drucken. Um nun hierüber dem Publikum auf den Zahn zu fühlen, muß etwas geschehen, was in das den Börne'schen Schriften zugewandte Interesse ein neues Leben bringt, und dieser Impuls soll denn eine Biographie und Charakteristik Börnes sein, welche ich im Laufe des Winters schreiben werde. Diese würde mit dem verbunden, was sich etwa noch im Ungedruckten in Börnes Nachlaß ausfinden sollte oder mit den Sachen, die er noch nicht in die Sammlung seiner Werke ausgenommen hatte, eine Supplementlieferung zu den Schriften sein, welche der Absatz der noch vorhandenen oder im glücklichsten Falle noch einmal neu auszulegenden Werke Börnes nach sich ziehen müßte. Dasjenige nun, was uns Mad. Strauß als Erbin nicht untersagen könnte, wäre dieses Leben und der Verkauf der noch lagernden 2000 Exemplare, die Campe nach dem alten Kontrakte in jeder beliebigen Weise verkaufen kann. Indessen hat er das Vertrauen, daß sich bei dem Eifer, den er nochmal aufs Neue den Börne'schen Schriften widmen will, sich der Bedarf noch um mehr als die bereits vorhandenen Exemplare steigen dürfte. Hier also müßte die Mitwirkung der Mad. Strauß beginnen. Campe hat aber die Absicht, Mad. Strauß schon früher an dem Erfolge seiner erneuten Anstrengung partizipiren zu lassen, und ihr selbst von dem Verkauf der ihm noch gehörenden lagernden Exemplare einen Vortheil zuzuweisen, falls sie sich an der ganzen neuen Operation mit Liebe interessirte, der Biographie ihre Theilnahme zuwendete, und namentlich auch um die Supplementlieferung recht anziehend ausstatten zu können uns dasjenige zu benutzen erlaubte, was entweder sich wirklich noch im Börne'schen Nachlaß befindet oder was hier und da noch von ihm abgedruckt ist, ohne daß es in seine Schriften ausgenommen ist. Namentlich müßte ihm Mad. Strauß gestatten, wenn einmal die Zeit kommen sollte, wo es erlaubt wäre, den Franzosenfresser in die Reihenfolge der Börne'schen Werke mit auszunehmen. Jetzt ist freilich keine Zeit und Witterung dazu. Für diese Gefälligkeiten, macht sich Campe, anheischig, Mad. Strauß selbst an dem Absatz derjenigen Exemplarien zu interessireu, welche Campe ohnehin schon gehören. Sind nämlich 1000 davon abgesetzt, so würd' er ihr fl. 1000 zahlen, wird das zweite Tausend abgesetzt, so würd' er die Summe voll fl. 1000 nochmals zahlen. Ja, sollte der Erfolg ein so erfreulicher sein, daß es sich der Mühe verlohnte, eine " neue Auflage von den Schriften zu machen, so würde Campe gleichfalls für jedes Tausend, das b) Ich verdanke die Briefe an Auerbach und Reinganum der Liebenswürdigkeit des Neffen der Frau Wohl, Herrn Dr. Schnapper- Arndt in Frankfurt a. M., dem Besitzer des Börneschen Nachlasses.

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