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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1902-10-31 · Heft 44 (31.10.1902) · p. Seite 523

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
66 (1902)
Issue
Heft 44 (31.10.1902)
Date
1902-10-31
Page
Seite 523 (sequence 9)
Language
German
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523 ihr gewohnt habt, thuet nicht; auch nach dem Thun des Landes Kanaan, wohin ich euch bringe, thuet nicht, und nach ihren Satzungen wandelt nicht." Und wenn es wahr ist, was die Verehrer Babels behaupten, daß Kanaan „vollständig eine Domäne der babylonischen Kultur" gewesen, dann richtet sich die biblische Warnung mit allem Nachdruck gegen dieselbe, dann wird Israel wiederholentlich eingeschärft, der natürliche Widersacher, nicht aber der Nachahmer der unter dieser Kultur lebenden Völker zu sein. Babylonier und Assyrer sind an ihrer sinnlichen Weltanschanung und an den aus ihr hervorgegangenen Lastern zu Grunde gegangen, und Israel ist geblieben, weil die lauteren Lehren des Judenthums den Sieg davongetragen haben über heidnisches Götter- und Zauberwesen. Die Weltgeschichte hat auch hier als Weltgericht sich bewährt. Tausendjährige Grüfte müssen geöffnet, die tiefsten Schachte gegraben werden, um aus Verivitterter Schrift zu entziffern, was Babel gedacht und gelehrt hat, aber die Thora, die von Zion ausgegangen, sie lebt und blüht heute noch fort in der Mitte der Menschheit, sie beherrscht ihre Anschauungen, erfüllt ihre Herzen mit dem Erhabensten und Höchsten, sie „pflanzt den Himmel, sie gründet die Erde." Das ist der Unterschied zwischen Babel und Bibel. Der Glanz, der die Bibel umstrahlt, kann von dem Schatten Babels, den man jetzt heraufbeschwört, nimmermehr verdunkelt werden. Hat man doch schon früher bald die Aegypter, bald die Phönizier und Griechen, bald die Araber zu Urhebern der jüdischen Lehren gemacht, heute sind es Babylonier und Assyrer und morgen werden es vielleicht andere Völkerschaften sein, zu deren Gunsten dem Judenthum sein heiliger Erbbesitz entrissen werden soll. Aber alle diese Versuche müssen fehlschlagen, sie heben sich gegenseitig auf. Unsere Thora ist alt, uralt, ohne jemals zu veralten und zu verblühen, sie wird vielmehr ewig jung und frisch und lebenskräftig sein; wie seit Jahrtausenden wird sie auch in aller Zukunft der Eigenbesitz Israels bleiben, seine Weisheit und Einsicht und seine Rechtfertigung vor der Welt. Die Lehre, die Moses uns geboten, sie ist und bleibt das Erbe der Gemeinde Jakobs. Karl Gutzkows Börne-Biographie. Bon Dr. Heinr. Hub. Houbcn. I ^m 12. Februar 1837 war Ludwig Börne gestorben. Unter den Gedichten, die seinem Andenken gewidmet wurden, findet sich auch eines von Karl Gutzkow, eine zuerst im „Telegraph" veröffentlichte Elegie, die in die Worte ausklingt Du, Börne, ließest die Erde Tief im Frieden zurück, tief in gefesseltem Schlaf, Starbst nicht, wie du gewünscht, auf offnem Felde der Ehre, Starbst im Dämmerungslicht, starbst, wie die Sonne verlischt! Sprach wohl ein Zeichen dir Muth, daß von den zitternden Schatten So du die deinen genannt, Einer mit rüstigem Muth Trät' in die Weite des Schusses, wo eben du selber gefallen? Hörtest du Waffengeklirr oder nur feiges Geseufz? Ach, wie schmerzlich der Tod, wenn, nicht im rollenden Donner. Vor dem Gewitter ein Held, schwül und verzweifelnd, erlischt!*) Eine warme persönliche Antheiluahme ist in diesen Versen unverkennbar; die Apostrophe an die junge Generation aber weckt die Vermuthung, als ob der Dichter jener Elegie sich selbst als Börnes Erbe gefühlt, sich selbst als den Nachfolger des großen Todten erkoren habe. Und kaum waren zwei Jahre vergangen, da trat „von den zitternden Schatten", von den jungen Schriftstellern, die alle Börnes Evangelium gehört, aber nicht wagten, offen als seine Jünger aufzutreten. Gutzkow „mit rüstigem Muthe" auf den Plan, um ein Zeugniß für den Verbannten abzulegen. Anders zwar, als er vielleicht im ersten Pathos der Trauer, im Gefühle gemeinsamen Schicksals mit dem Todten geträumt, trat dies Zeugniß hervor. Vor der Uebernahm« einer rein politischen Mission bewahrte den Autor der „Wally" doch eine zu starke dichterische Basis, die wohl andere Elemente duldete, aber nicht ausschließlich von ihnen beherrscht werden wollte. So war es denn ein Zeugniß litterarischer Art, mit dem Gutzkow einen Theil der Dankesschuld der deutschen Nation an Börne abzutragen versuchte, eine Biographie. In einem Feuilleton der „Frankfurter Zeitung" habe ich vor einiger Zeit (11. und 12. September 1901) die Beziehungen beider Männer zu einander dargelegt. Persönlich waren sie nur flüchtig mit einander in Berührung gekommen. Börne hatte über Gutzkows Erstling, die „Briefe eines Narren an eine Närrin" in den Pariser Briefen eine dithyrambische Kritik veröffentlicht. Als der junge Berliner dann 1835 mit Ludolf Wienbarg ein neues litterarisches Blatt, die „Deutsche Revue" Plante, war an Börne eine der ersten Einladungen ergangen, und er hatte wenigstens eine prinzipielle Zusage gegeben. Die „Revue" wurde durch das Einschreiten des Bundestages unterdrückt. Auch im folgenden Jahre hatte Börne seine Mitarbeit an einer von Gutzkow geleiteten Frankfurter Börsenzeitung in Aussicht gestellt. Darüber war er weggestorben. Schon in den Briefen, die ich in diesem Zusammenhänge mittheilte, fühlte sich Gutzkow nicht ohne Selbstbewußtsein als denjenigen der Jungdeutschen, der Börnes Rolle übernommen, weil unter Menzels Anführung die allgemeine Entrüstung der „Gutgesinnten" sich ihn zur Zielscheibe erkoren, wie es einst dem Verfasser der „Briefe aus Paris" nicht anders ergangen. Wenn aber der Vierundzwanzigjährige außerdem dem älteren Meister versichert, daß er von ihm öffentlich sprechen und denken gelernt und ihn seit seiner Jugend als seinen Genius verehrt habe, so war das keine wohlfeile Phrase, keine eriptatio dontzvolentine. Nannte sich Gutzkow in der Vorrede zur Biographie einen der wenigen jetzt wirkenden Schriftsteller die „zu einer Entwickelung der Lebens- und Autorenmvmente Börnes einen gewissen Beruf haben", so brauchte er sich nur aus seine ganze eigene Entwickelung zu berufen, die vor uns heute allerdings klarer liegt, als sie den damaligen Zeitgenossen einleuchten wollte. Schon die Fülle der gemeinsamen Berührungspunkte ließen die erst geplante ausführlichere Charakteristik zu einer Biographie auswachsen; die genaue Kenntniß des Bodens, auf dem Börne wuchs und reifte, gab dann den Ausschlag zur Inangriffnahme eines größeren! Werkes; auch Gutzkow war ja durch seine Frau und deren Familie, durch viele Freunde aufs Engste mit Frankfurt verbunden. Er hatte die tiefe Wirkung der Börneschen Schriften auf die deutsche Jugend an sich selbst erfahren; eine Weltanschauung hatte er aus diesen zwanglosen Fragmenten geschöpft; sein erstes Auftreten in der Litteratur stand im Zeichen der „Briefe aus Paris"; ihn riß die Julirevolntion, die gleichsam Börnes Vollendung bedeutete, aus dem theologischen und ästhetischen 1 Vgl. Gesammelte Werke. Jena 1872-76, Bd. 1. S. 315.

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