Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 66 (1902)
- Issue
- Heft 44 (31.10.1902)
- Date
- 1902-10-31
- Page
- Seite 522 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3228473-3228518--59168-3295669- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
522 Worten: „Gott schuf den Menschen in seinem Ebenbilde, im Ebenbilde Gottes erschuf er ihn?" Kann man die Menschenseele höher bewertheu, als wenn von ihr gesagt wird: Eine Leuchte Gottes ist die Menschenseele?" Und wollte ich über die „bessere Gerechtigkeit und das Gebot der Liebe" auch nur die bekanntesten und geläufigstell Stellen anführen, es würde den Rahmen einer Betrachtung weit überschreiten. Ich erinnere daher nur an den psalmistischen Sah, den wir in unser Selichagebet eingeschaltet: „Recht und Gerechtigkeit sind Deines Thrones Stützen, Liebe und Wahrheit ziehen vor Dir her," d. h. ohne Bild: Gott ist der Inbegriff aller Gerechtigkeit, Liebe, Wahrheit. Für den Menschell aber, soll er anders ein sittliches Abbild des göttlichen Urbildes werden, versteht es sich von selbst, daß er jene Tugenden sich zu eigell mache und bethätige, als deren Inbegriff und Idealbild wir uns die Gottheit denken. Und kann es eine bessere Gerechtigkeit geben als die Gerechtigkeit Gottes, eine höhere, umfassendere Liebe als die Liebe Gottes? Aber der Psalmist nennt hier noch ein drittes Prinzip: die Wahrheit, geht also über die angeblich neue Verkündigung von der Gerechtigkeit und Liebe noch hinaus. Soll etwa die Wahrheit „dieses Siegel Gottes", wie der Talmud sie nennt, auch zu dem „vielen Andern" gehören, das unsere gelehrten Gegner dem Judenthum Zum Vorwurf machen? Null, so mögen sie es denll vernehmen, die bei der Benrtheilung des Jndenthums das Streben nach Wahrheit vermissen lassen, daß nach der jüdischen Auffassung die Liebe und Gerechtigkeit nur im Bunde mit der Wahrheit erblühen kann. Liebe ohne Wahrheit wird zum wilden Haß, Gerechtigkeit, die nicht auf Wahrheit sich gründet, kann zum himmelschreienden Unrecht werden wie die Glaubensverfolgungen aller Zeiten bis auf unsere Tage herab bezeugen. Daß unsere Thora von solchen und ähnlichen Lehren überströmt, missen auch diejenigen, die Israels Lehre in den Staub zerren und doch dabei sagen: „Was mein ist, ist mein, und was dein ist, ist auch mein." Ebenso wissen sie, daß es unzutreffend ist, wenn sie behaupten, die Bekenner des Judenthums hätten kein rechtes Bewußtsein gehabt von der Hoheit ihrer Lehren, nicht das rechte Verständniß für den Schatz, der ihnen anvertraut worden. Muß doch schon ein Blick in unseren Gebetritus sie belehren, daß die Ideell der Thora die Grundlage und der wesentlichste Bestandtheil unseres Gottesdienstes geworden, der Ausdruck alles religiösen Denkens und Empfindens in Israel. Aber, so wenden sie ein, das Judenthum ist in eine „Gesetzesreligion" erstarrt, indem es mit vielen Ceremonien llnd Bräuchen sich umgeben. Sie vergessen jedoch, daß, so lange es Volksreligionen geben wird, auch deren Hilfsmittel, die Ceremottiell, nicht zu entbehren sein werden, damit sie die Lehre in das Leben einführen und darin heimisch machen, damit sie den Menschen stets unter Zucht und Sitte erhalten, ihn erfreuen und erheben, aber auch an Selbstbeschränkung und weise Mäßigung gewöhnen. Ja, die Bezeichnung „Eesetzesreligion" mit der man das Judenthum zu schmähen glaubt, sie gereicht ihm wahrlich zur Ehre, wenn sie auch einer einseitigen Auffassung entspringt. Denn unser Religionsbuch, die Thora, bedeutet in erster Reihe „Lehre", sie bedeutet aber auch „Gesetz", weil ihren Weisungen verpflichtende Gesetzeskraft innewohnt; sie sollen nicht blos das Denken beschäftigen, sondern auch bestimmend einwirken ans die That, sie sollen nicht blos belehren, sondern auch erziehen. Würden in diesem Sinne auch die anderen Religionen als „Gesetzesreligionen" erfaßt und behandelt werden, es würden die edlen Lehren, die wir an ihnen zu würdigen wissen, sich allerwege auch ausprägen in entsprechenden Thaten. Und um wie viel besser wäre es um die Welt bestellt! Es könnte nicht mehr von Liebe geredet und Haß gesät werden man bedürfte keiner „besseren Gerechtigkeit", sondern würde der einzig möglichen, einfachen, schlichten Gerechtigkeit, die Allen ohne Ansehen der Person zu gute kommt, sich befleißigen, der unendliche Werth der Menschenseele würde auch in dem Andersgläubigen geschätzt, die Gotteskindschaft auch in ihm geachtet werden, Haß und Verfolgung um des Glaubens willen würden ein Ende nehmen und auch deren Quelle, die Schmähung und Verkleinerung des religiösen Besitzes Anderer, müßte versiegen, es würde mit einem Worte, das Gotte sreich auf Erden gekommen sein. * * * Und wie steht es mit der entgegensetzten Behauptung: die Thora sei zu jung, aus dem babylonisch-assyrischen Bildungskreise hervorgegangen? Was sollen wir Denen erwidern, die der Bibel Babel entgegensetzen, die ans Kosten der Bibel Babel aufs Schild erheben? Nun, nicht davon will ich reden, daß die Ergebnisse dieser Forschung sehr umstritten werden, indem, was der eine Forscher auf diesem Gebiet ausstellt, von einem anderen wieder umgestoßen wird. Aber selbst vorausgesetzt, daß manches, was die h. Schrift erzählt, auch bei anderen Völkern des grauen Alterthums im Umlaufe war, was würde dies beweisen? Doch nur, daß jene biblischen Erzählungen, wie die von der Sintfluth, auf historischem Hintergründe ruhen. Und was die Schöpfungsgeschichte betrifft, die am Simchat- Thora wie am Sabbath Bereschith verlesen wird, so zeigt die h. Schrift auch hier die Unvergleichlichkeit ihrer Auffassung. Ohne Geschichtserzählung sein zu wollen, spiegelt sich in ihr die erhabene Weltanschauung wieder, mit der Israel zum ersten Male vor die Menschheit getreten. Sie lehrt uns: „Im Anfang schuf Gott." Der Gottesgeist war vor der Materie da, er hat die Elemente der Natur ins Dasein gerufen, er hat den Werdegang ihnen vorgezeichnet, er hat die Gesetze, die wir Naturgesetze nennen, die aber in Wahrheit Gottesgesetze sind, bestimmt, nach denen sich alles Geschaffene zu entwickeln hat. Und was Gott geschaffen, ist gut, ihm steht kein Prinzip des Bösen gegenüber, dem Gott des Lichtes kein Gott der Finsternis;. Und den Menschen, die Krönung der Schöpfung und ihren letzen Zweck, hat er in seinem Ebenbild geschaffen und ihm damit ein sittliches Ideal aufgestellt, dem er nachzustreben hat. Findet sich Aehnliches in der Schöpfungsgeschichte Babels? Nach ihr hat der Schöpfungsakt unter einem grausigen Kampfe zwischen dein Urdrachen und dem obersten der Götter sich vollzogen, unter einem tobenden, heulenden, wuthschnaubenden Ringen, daß die Tiefe erbebte. Und zahllos waren die Götter und Göttinnen, vor denen Babylonier und Assyrer im Staube lagen, denen sie dieselben Laster und Leidenschaften zuschrieben, die sie in sich selber wahrgenommen. Mögen auch sittliche Regeln und Gesetze ihnen bekannt gewesen sein, aber wie wenig sie unter ihnen wirksam waren, das bezeugt die Kulturgeschichte des AlterthumS, die von Greuelthaten wiederhallt, deren sich Assyrer und Babylonier in Krieg und Frieden schuldig gemacht. Diese heidnischen Greuel zu bekämpfen, dazu ist Israel berufen worden. „Nach dem Thun des Landes Aegypten, darin