Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 66 (1902)
- Issue
- Heft 44 (31.10.1902)
- Date
- 1902-10-31
- Page
- Seite 521 (sequence 7)
- Language
- German
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521 keit entwickelt, die ihm in der Reichsverwaltung ein bleibendes, ehrenvolles Angedenken sichern wird." Das Leichenbegängniß des ausgezeichneten Mannes fand heute unter außerordentlich zahlreicher Betheiligung aller Kreise der Bevölkerung statt und legte ein stummberedtes Zeugniß ab für die Beliebtheit, deren sich der Heimgegangene in allen Schichten der hiesigen Bevölkerung zu erfreuen hatte. In den Straßen, durch die sich der Leichenzug bewegte, bildeten Tausende von Menschen Spalier. Im Trauerhause sprach zunächst Herr Adolf Wörmann, indem er ein charakteristisches Lebensbild des Verstorbenen nach allen Richtungen seines Schaffens gab. Dann nahm der Vizepräsident der Bürgerschaft Engel das Wort, um im Namen der Stadt der tiefen Trauer über diesen Verlust innigen Ausdruck zu geben. Auf dem Friedhofe in Ohlsdorf sprachen noch Dr. Eddelbüttel im Namen der Fraktion der Linken, der Hinrichsen 30 Jahre lang angehört hatte, und schließlich Rechtsanwalt Dr. Wolfsohn als Freund des Verstorbenen. Dann wurde der Sarg unter den üblichen Trauergebeten in die Gruft gesenkt — und manche Thräne sah man still Hinabrollen; sie galt dein ausgezeichneten Manne, dessen Andenken stets in Ehren fortleben wird. Nie Thora, ein Erbe der Gemeinde Jaksds. Eine Betrachtung von Dr. B. Ziemlich. »ir haben eben das Simchat Thora-Fest gefeiert. Wer, der noch echt jüdisches Leben kennt, fühlte nicht den Zauber, der in diesem Namen liegt. Was unsere Weisen von der Freude des Wasserschöpfens, mit dem es in Zusammenhang stehen soll, sagen: „Wer diese Freude nicht gesehen, kennt wahre Festesfreude nicht," gilt in gewisser Beziehung auch vom Freudenfest der Thora. In dieser Bedeutung ist es das volksthümlichste unter den heiligen Festen geworden, ein Freudenfest im besten, edelsten Sinne. Die Freude, sie gilt der Thora, deren Vorlesung an diesem Tage beschlossen und wieder begonnen wurde, sie gilt dem edelsten Besitz, dessen Israel sich rühmen darf, dem heiligsten Kleinod, das Israel schmückt, das sein Ruhm und Stolz ist vor den Augen der Völker. Der Festgedanke des Tages ist nicht dieser oder jener Ansspruch, diese oder jene Anordnung der Thora, sondern die Thora in ihrer Gesanimtheit, die Thora als Kultur- und Sittigungselement, die Thora in ihrer Bedeutung für Israel und durch Israel für dis Menschheit. Wahrlich, ein erhabener, gewaltiger Gedanke! Und will man schon für denselben einen Ausdruck in einem Satze suchen, so bietet sich uns von selbst der an diesem Feste zur Verlesung kommende Schriftsatz an: „Die Lehre, die Moses uns geboten, sie ist ein Erbe der Gemeinde Jakobs." Und wann wäre die Berufung auf die Wahrheit dieses Satzes dringender geboten als in unserer Zeit? Wird doch gerade in unseren Tagen der Gemeinde Jakobs das Erbe der Thora aufs Heftigste bestritten, bestritten von zwei entgegengesetzten Richtungen aus. Die Einen sagen: Die Thora ist zu alt. Ihre Lehren sind längst veraltet, abgelebt und verwelkt, sie sind ersetzt durch neuere, bessere und höhere Lehren. Und was etwa vom „alten Bunde" noch brauchbar geblieben, ist uns als Erbe zugefallen. Und die Anderen behaupten: Die Thora ist zu jung. Die Thora ist die Tochter Babels; was sie lehrt, war zwischen Euphrat und Tigris längst bekannt; ihren Inhalt kann die Gemeinde Jakobs nicht als ihr Erbe, als ihr eigenthümliches, ureigenstes Gut für sich in Anspruch nehmen. Was hat Israel auf diese entgegengesetzten Angriffe zu erwiedern? -ic * * Die Thora ist zu alt und abgelebt. Und welches sind die neuen Ideen und Verkündigungen, die bestimmt sein sollten, an die Stelle der alten Lehre zu treten? Nun, in einem jetzt viel gelesenen und viel gepriesenen Buche werden sie uns genannt. „Erstlich, das Reich Gottes und sein Kommen. Zweitens, Gott der Vater und der unendliche Werth der Menschenseele. Drittens, die bessere Gerechtigkeit und das Gebot der Liebe." Das soll die neue Verkündigung sein. Gibt es einen Israeliten, der in den Grundelementen seiner Religion einigermaßen unterwiesen worden, dem diese Lehren fremd und imbekannt geblieben? Werden sie nicht in unseren Schulen gelehrt, von unseren Kanzeln gepredigt? Lasset uns darum nur auf das Nächstliegende verweisen. Schließen wir nicht täglich unfern Gottesdienst mit der Hoffnung: „Daß ausgerichtet werde das Reich des Allmächtigen, daß alle Weltbewohner es erkennen und einsehen, daß jegliches Knie vor ihm sich beugen und jegliche Zunge ihm schwören müsse, daß sie Alle auf sich nehmen das Joch des Gottesreiches und sich erfülle des Propheten Verheißung: „Der Ewige wird König sein über die ganze Erde, an jenem Tage wird der Ewige einzig sein und sein Name einzig!" Und wem die Idee „vom Reiche Gottes und seinem Kommen" nicht schon in dieser Stelle deutlich genug hervortreten sollte, der kann sie sicherlich nicht übersehen in dem Gebete, das an den an uns vorübergezogenen hohen Festtagen verrichtet wurde: „So lasse denn kommen, Ewiger unser Gott die Furcht vor Dir über alle Deine Werke und eine heilige Scheu über alles, was Du erschaffen, daß Dich ehrfürchten alle Wesen und das Knie vor Dir beugen alle Geschöpfe, auf daß sie alle ein Bund werden, Deinen Willen zu thun mit ganzem Herzen, sowie wir es erkennen. Ewiger unser Gott, daß die Herrschaft bei Dir ist, Sieg in Deiner Hand, Kraft in Deiner Rechten und Dein Name erhaben über Alles, was Du geschaffen." Daß wir aber Gott nicht blos als König und Herrscher, sondern vor Allem als „Vater" anbeten, weiß Jeder, der an den zehn Bußtagen so oft das Gebet verrichtet hat, dessen jeder Satz mit den Worten beginnt. „Unser Vater, unser König." Wenn wir aber Gott als Vater anrufen, wer hat uns dies gelehrt, wenn nicht die Thora mit dem Satze: „Kinder seid ihr des Ewigen eures Gottes," wenn nicht Moses in seinem Liede: „Ist er nicht Dein Vater, der Dich erworben, Dein Schöpfer, der Dich gebildet?" Und daß die Menschenseele von unendlichem Werthe ist. kann dies schöner und erhabener ausgedrückt werden als mit den auf den ersten Blättern der heiligen Schrift verzeichneten