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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1902-10-31 · Heft 44 (31.10.1902) · p. Seite 520

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
66 (1902)
Issue
Heft 44 (31.10.1902)
Date
1902-10-31
Page
Seite 520 (sequence 6)
Language
German
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5L0 Brief aus Hamburg. Hamburg, 26. Oktober. ine erschütternde Kunde haben wir mitzutheilen: der Präsident der Hamburger Bürgerschaft, Siegmund Hinrichsen, istam22. d. M., Abends 9 Uhr in der Sitzung der Bürgerschaft, während er seines hohen Amtes waltete, Plötzlich von einem Schlage betroffen worden, gegen den die von den ärztlichen Mitgliedern Dr. Oehrens und Dr. Rumpel sofort angewandten Hilfsversuche machtlos waren. Wenige Minuten später konnten die Aerzte nur konstatiren, daß der Tod eingetreten sei. So ist das Haupt der hamburgischen Bürgerschaft vom Tode dahingerafft, mitten aus der Erfüllung seiner freiwillig übernommenen Pflicht, aus dem höchsten Amt, das die gesetzgebende Körperschaft unseres Staates dem bewährtesten Mann aus ihrer Mitte verleihen kann, aus einer Arbeit, für die er in hervorragendster Weise befähigt war, und die er in idealer Wahrung aller Interessen mit staunenswerther Geisteskraft und Freudigkeit zum Heil und zur Ehre der Vaterstadt vollführte. In welcher Weise er aber dieses hohen Amtes waltete, das möge die sehr objektive Stimme eines Blattes beurtheilen, das auch der verbissenste Antisemit nicht für ein „Judenblatt" halten oder ausgeben wird. Der „Hamburger Korrespondent" sagt in einem Leitartikel über Hinrichsen: „Unter den Präsidenten der hamburgischen Bürgerschaft ist er eine ganz eigenartige Erscheinung. Abgesehen von einer nur wenige Monate dauernden Zufalls-Präsidentschaft eines hochverdienten unstudirten Mitgliedes war er bisher der einzige Kaufmann neben sechs Juristen auf dem Präsidentenstuhl, den er fast ein Dezennium, seit Dezember 1892, immer wieder unter freudiger Zustimmung aller Fraktionen, ja aller Mitglieder des Hauses einnahm. Seine geradezu wunderbare Beherrschung aller Feinheiten der Geschäftsordnung, sein scharfer Verstand, seine nie wankende Unparteilichkeit, sein gewandtes Wort, noch mehr aber als alles dies die echte Humanität und warme Freundlichkeit seines Wesens gewannen ihm die höchste Achtung und Verehrung aller Mitglieder. Niemand verstand es besser als er, einen Ausgleich der Gegensätze auf praktischer Basis herbeizuführen, und gern hörte man auf seine Vorschläge, weil man fühlte, daß sich in ihnen Klugheit und wahre Herzensgüte paarten. Seine gewissermaßen autoritative Stellung in der Bürgerschaft stützte sich zum Theil auch auf die sehr lange Zeit seiner Mitgliedschaft. 1871 wurde er in den allgemeinen Wahlen zum Mitglieds erwählt, und in ununterbrochener Folge wiederholten seine Wähler bis heute die Verleihung des Mandats, das noch bis 1906 lief. Rasch erkannte die Bürgerschaft seine bedeutenden Fähigkeiten. 1872 wurde er schon zum Schriftführer, 1886 in den Bürgerausschuß, 1880 und dann ununterbrochen bis 1892 zum ersten Vizepräsidenten und von 1892 ab zum Präsidenten gewählt. Im Bürgerschaftssaal des neuen Rathhauses schließt sein Bildniß den Kranz der acht Präsidenten von der Eröffnung der neuen Bürgerschaft 1859 bis heute, und die Annalen seiner Vaterstadt nennen seinen Namen bei allen Ereignissen, die in den letzten Jahrzehnten von Bedeutung für ihre Fortentwickelung waren. Weit klafft die Lücke, die der Tod so plötzlich gerissen hat, in der Familie wie in der Vaterstadt des Verewigten. Wer könnte in diesem Augenblick des ersten Schmerzes alle die Stellen aufzählen, an denen sein Rath und seine Unterstützung in Zukunft fehlen wird! Wo es galt, etwas zur Ehre der Vaterstadt zu thu», ein künstlerisches Unternehmen zu fördern, Noth zu lindern und gute Werke zu schaffen, da fehlte sei» Name und seine thätige Beihilfe nie. Bei freudigen Ereignissen, die die Oeffentlichkeit berührten, war er ebenso sicher zu finden, wie bei harter Arbeit für das Wohl der Stadt und am Sarge der Männer, die Gutes für die Vaterstadt geleistet hatten. In hohem Maße beherrschte er die Rede, sei es, daß er bei einem patriotischen Anlaß schwungvoll und markig sprach, sei es, daß er einem verstorbenen Kollegen warme Worte der Theilnahme widmete, oder durch fröhlichen Scherz eine heitere Feier verschönte. Schlicht und einfach war sein Auftreten, aber umgeben von jener Würde, die einer in sich gefestigten, zielbewussten Persönlichkeit anhastet. Bei seiner großen Arbeitslast war er doch stets zu gütigem Rath und freundlicher Förderung des Einzelnen bereit. Siegmund Hinrichsen war als Sohn des bekannten Schreibnnd Rechenlehrers Hinrichsen, dessen sich die älteren hambnrgischen Kaufleute als des Verfassers früher auf allen Kontoren gebrauchter Umrechnungstabellen noch erinnern werden, am 17. Januar 1841 geboren, stand also im 62. Lebensjahr. Der Vater war Lehrer an der Stiftungsschule von 1815, und der Sohn bewahrte dieser trefflichen Anstalt, der er auch seine Schulbildung verdankte, stets die treueste Anhänglichkeit. Seit 1870 war er Mitglied und seit 1894 Präses des Schulvorstandes, und das war nicht etwa ein reiner Ehrentitel, sondern alle Einzelheiten der Verwaltung gingen durch seine Hand, und in zahllosen Fällen mußte er entscheiden, was gethan werden sollte. Hinrichsen widmete sich dem Bankfach und war bis 1879 bei der Norddeutschen Bank, zuletzt als Prokurist, thätig. Dann begründete er mit Dr. Hardy die Bankierfirma Hardy L Hinrichsen, die hochgeachtet und bedeutend dasteht. Seiner glücklichen Ehe sind Kinder nicht entsprossen. „Man Pflegt wohl zu sagen, daß ein Mann, der in der Fülle der Thätigkeit ohne vorherige Krankheit plötzlich vom Tode ereilt wird, glücklich zu Preisen sei, weil ihm ein schönes Ende bescheert gewesen sei. Das ist aber ein recht schwacher Trost für die Zurückbleibendeu bei einem Verlust, dessen ganze Größe erst hervortreten wird, wenn der tiefe, brennende Schmerz wehmüthiger Betrachtung weicht. Eins aber steht fest heute und für alle Zeit: Männer wie Siegmund Hinrichsen werden einem Gemeinwesen nur selten bescheert. Desto höher wird er aber auch eingeschätzt, und mit leuchtender, unverlöschlicher Schrift füllt sein Name ein Blatt im Buche der Geschichte unserer Vaterstadt, auf das die Augen der spätesten Geschlechter noch mit ehrfurchtsvoller Bewunderung blicken werden." So urtheilen objektive Nichtjuden über die öffentliche Thätigkeit eines deutschen Mannes, auf den die Gemeinschaft, der dieser angehörte, wohl mit berechtigtem Stolz blicken darf. Die höchsten Reichsbehörden haben in ihren Kondolenzschreiben ihre Anerkennung Hinrichsens in gleich schwungvoller Weise ausgesprochen. So heißt es in dem Schreiben des Grafen Posadowskh u. A.: „Der Verstorbene hat auch als Mitglied des Börsenausschusses und der Berufungskammer in Börsen-Ehrengerichtssachen eine überaus verdienstvolle Thätig

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