Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 66 (1902)
- Issue
- Heft 43 (22.10.1902)
- Date
- 1902-10-22
- Page
- Seite 2 (sequence 16)
- Language
- German
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2 verflossenen Jahr. — Für die Wahl von Mitgliedern des Vorstands des Krankenhauses erbittet Herr Oppenheim die Vertagung, um den Mitgliedern Gelegenheit zu geben, sich in diese Materie, diekeine Personalfrage, sondern eine Prinzipienfrage sei, einzuleben. DieVertagung sei auch wünschenswerth, weil eine Vorlage des Gemeindevorstands in dieser Angelegel,heit in Aussicht gestellt sei. Herr Justizrath Lachmann erklärt, daß ihm hiervon nichts bekannt sei, und Herr Louis Sachs stellt vor aller Oeffentlichkeit darauf fest, daß ein Mitglied der Repräsentantenversammlung wisse, daß eine Vorlage im Schoße des Gemeindeverstandes zur Berathung gelangen solle. Es war ein Sturm im Glase Wasser, denn schließlich erbittet Justizrath Lachmann selbst die Vertagung, da Herr Jacoby eine neue Vorlage betreffs dieser Materie einbringen wolle. — Der interessanteste Punkt der Tagesordnung, die Jnterp ella tio n eines Mitgliedes der Versammlung in Sachen des jüdischen Religionsunterrichtes in den höheren Lehranstalten, mußte vertagt werden, weil der Interpellant Professor Blaschke gegen Schluß der öffentlichen Sitzung, der eine geheime folgte, noch nicht anwesend war. s. Berlin, 17. Oktober. Demnächst werden 50 Jahre verflossen sein, daß der „Talmud-Verein" (C. Kevvras Le dass), der in der Oranienburgerstraße ein eigenes Betlokal mit Vortragssaal unterhält, von einer Anzahl den, Studinm der Gotteslehre ergebener Männer ins Leben gerufen wurde. Trotz manchen Fährnissen ist dieses der jüdischen Gemeinde Berlins zur Ehre gereichende Institut unentwegt seinen Idealen treu geblieben und hat es verstanden. alle Parteien um seine Fahne zu schaaren. Bei den Sympathien, die der wackere Verein genießt, wird es daher mit Freuden begrüßt werden, daß der Vorstand beschlossen hat, dem 50jährigen Bestehen des Vereins durch eine am 2. November in den Sälen des Hotel Prinz Albrecht vormals Vier Jahreszeiten (Prinz ALbrechtstr. 9) zu veranstaltende Feier Ausdruck zu verleihen. Chorgesang. ein historischer Festvortrag und ein Festmahl werden das Programm des Abends bilden. Der Vorstand bittet alle Diejenigen, die an dem Jubiläumsfeste Theil zu nehmen wünschen, hiervon baldigst Herrn Aron Hirsch. Roonstr. 2, oder Herrn A. Präge r, Alte Schönhauserstr. 30. Kenntniß zu geben. U. Berlin, 20. Oktober. Der Rückgang der Geburtsziffer bei den Juden in Preußen muß sich in den verschiedensten Formen geltend machen. Die Zahl der jüdischen Schüler sinkt in allen Schulen! Dann geht die Ziffer der studirendeu Israeliten herunter, die jüdischen Soldaten werden weniger u. s. w. Durch diesen Rückgang entsteht eine Verschiebung in der Altersschichtung und dadurch eine wesentliche Differenz zwischen der Altersgrnppirung bei den Juden und bei den Christen. Es fehlen uns zwar die Ziffern für das ganze Deutsche Reich respektive Preußen noch hierüber, aber das Jahrbuch der Stadt Berlin weist diese Differenz für die Stadt Berlin nach, und da hier allein der vierte Theil der jüdischen Bevölkerung Preußens lebt, werden wir annehmen dürfen, daß es im ganzen Staat nicht anders ist als in Berlin. Die folgende Tabelle zeigt die Verschiebung der Altersklassen deutlich: Altersgruppen in der Gesammtbevölkerung Juden 1—5 Jahre 173 152 Seelen --- 9.3 Prozent 6633 --- 7,2 Prozent 6-10 „ 159 343 „ ---- 8.4 „ 6884 — 7.5 „ 11-15 ., 148 906 --- 7,9 „ 6891 ----- 8.8 16—20 „ 169 760 „ 9,0 „ 8137 — 7.5 21—25 „ 228 996 --- 12,2 „ 9939 --- 10.8 „ 26-30 „ 198 830 ---- 10.5 9342 --- 10.1 31-35 „ 174 653 9.2 8669 9.4 36-40 „ 146 003 --- 7.8 7480 8.1 „ 41-45 „ 123 905 --- 6,6 7004 ----- 7.6 46-50 „ 100 905 -- 5.4 5447 5,9 „ 51—55 „ 83 438 -- 4.4 4674 ---- 5.1 56—60 „ 62 574 — 3.3 3773 ----- 4,1 61—65 „ 40 046 -- 2.4 2838 ------ 6.1 66 -70 „ 29 796 1,6 „ 1805 ---- 2.0 „ über 70 „ 37 153 — 2,0 „ 2605 — 2.8 unbekannt 1488 ,, — 65 — I 888 848 Seelen — 100 Prozent 92206 ----- 100 Prozent Wir sehen also in den ganzen Klassen zu 30 Jahren die Juden wesentlich geringer vertreten. Am stärksten ist diese Differenz je jünger die betreffenden Gruppen sind, also am größten in der Altersstufe 1 bis 5 Jahre. Dagegen überwiegt von 31 Jahren an der Prozentsatz der betreffenden Gruppe bei den Juden, und zwar wieder um so mehr, je höher das Alter der bestimmten Stufe ist. Eine ganz besondere Bedeutung hat diese Altersschichtung noch für die Beurtheilung der Kriminalität. Diese ist eigentlich nicht nach der Seelenzahl an sich zwischen Juden und Christen zu vergleichen, sondern nach der Zahl der Strasmündigen bei Juden, respektive Christen. Die Strafmündigkeit beginnt nun mit dem zwölften Jahr, und aus obiger Tabelle geht unzweifelhaft hervor, daß demnach auf 1000 Seelen bei den Juden mindestens 35 Strafmündige mehr kommen als bei den Christen. Obwohl die ganz genaue Ziffer nicht vorhanden ist. gestattet doch die obige Tabelle den Schluß, daß auf 1000 Seelen bei den Juden ca. 823 Strasmündige kommen, bei der christlichen Bevölkerung Berlins nur 788. Diese Differenz fällt sehr namhaft in das Gewicht. Berlin, 20. Oktober. Der Verein „Jüdisches Kinder- Genesungshei m", dem seit der kurzen Zeit seines Bestehens bereits eine große Anzahl Damen und Herren aus allen Kreisen und Ständen als Mitglieder beigetreten sind, veranstaltet am 4. November d. I. in den Gesannuträumen des „Hotel Imperial" (Schlaraffia) ein großes Wohlthätigkeitsfest, zu dem die ersten und namhaftesten Künstler ihre Mitwirkung in liebenswürdigster Weise zugesagt haben. Der Verein hofft, daß die Einnahmen aus diesem Fest mit dazu beitragen werden, recht vielen armen und schwachen Kindern die Wohlthat eines Landaufenthaltes zu verschaffen, da im kommenden Sommer der Anfang mit der Hinaussendung der Pfleglinge gemacht wird. Nähere Auskunft und Billets in der Geschäftsstelle ^V. 30, Eisenacherstraße 81, Fernsprecher Amt 6a No. 12670. k'r. Memel, im Oktober. Die Jugend des kürzlich zu Grabe getragenen jüdischen Philanthropen Rabbiner Dr. Rülf — denn in dieser Eigenschaft als Menschenfreund wird er bei Tausenden fortleben, die ihn, ihre Existenz verdanken — Zeigte einen bekannten typischen Zug aus der Zeit des Vormärz. Rülf hatte keine regelmäßige Schulbildung erhalten, und ebenso wie z. B. David Cassel. Aaron Bernstein, Eduard Laster, Berthold Auerbach und viele bedeutende Gelehrte, den harten, aber wie es scheint, desto mehr fördernden Weg des Autodidakten gehen müssen, der sich die Grundlage des gelehrten Wissens selbst verschafft. Es wird in den folgenden Mittheilungen über den Entwickelungsgang des eigenartigen Mannes auch interessiren, daß Nülf mehrere Jahre Jeschiwah-Bocher bei dem Kreisrabbiner Wetzlar in Gudeusberg (bei Kassel) war und erst mit vollendetem 23. Lebensjahr die Universität beziehen konnte. Nülf war am 10. Februar 1831 in Rauisch Holzhausen, etwa 1'/> Meilen von Marburg entfernt, geboren. Ueber 11 Jahre alt, kam der Knabe, dessen Vater eine kleine Ackerwirthschaft besaß und hauptsächlich Viehhändler war, zum ersten regelmäßigen Unterricht in die jüdische Dorfschule, welche im Jahr 1842 errichtet wurde. Die Schule bestand etwa ein Jahr, da kam der ordentliche Professor der Theologie von Marburg, Karl Wilhelm Justi, auch als Dichter und Orientalist bekannt, nach der Schule und Prüfte in allen Fächern des Elementar- und Religionsunterrichts. Als er die Schule wieder verließ, wandte er sich zunächst an die Schüler mit den Worten: „Ihr Kinder von den Nachkommen Abrahams seid doch eine ganz besondere, gottbegnadete Saat. Ihr bedürft nur ein klein wenig Wartung und Pflege und sofort entwickeln sich nutzbare Gewächse." Und sich speziell an den jungen Nülf wendend, sprach er: „Und Du, kleines, schwächliches und häßliches Männlein, in Dir scheint der große Geist Deiner Ahnen wieder lebendig geworden zu fein . . ." Ans der Zeit seines sich vom 14. Jahre an erstreckenden Bocherthums erzählte Rülf, daß die fünf Zöglinge des Rabbiners, bei dem sie lernten, vor 2 Uhr Nachts nie zu Bett kamen, und alle Donnerstag Nacht wurde die ganze Nacht hindurch stndirt. Nachdem Nülf das Lehrerexameu bestanden, wurde er als Hilfslehrer wieder nach Gudensberg zu seinem Talmudlehrer berufen, und er benutzte diesen dreijährigen Aufenthalt, um sich selbst zur Universität vorzubereiten. Ostern 1854 bezog er die Universität Marburg, an der er schon im Dezember die Prüfung als Rabbiner bei einer damals bestehenden besonderen „Kommission für Bewerber um Rabbinerstellen" bestand. Bis Oktober 1859 trieb Rülf dann noch in Marburg eifrig philosophische Studien, bei denen er von Eduard Zeller gefördert wurde, wirkte dann bis November 1865 als Religionslehrer in Mecklenburg-Schwerin. Während seines Aufenthaltes in Schwerin benutzte Rülf die Gelegenheit, um an der Landesuniversität Rostock 1864 mit einer philosophischen Arbeit zu Promoviren, qua