Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 66 (1902)
- Issue
- Heft 43 (22.10.1902)
- Date
- 1902-10-22
- Page
- [Seite] (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3228473-3228517--59154-3295654- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
66. Jahrgang. Nr. 43. Gerlin, 22 Oktober 1902 Weikage zur „Allgemeinen Zeitung öes IuöenLHums^. Korrespondenzen und Nachrichten. Deutschland. 8. Berlin, 19. Oktober. Die heutige, gut besuchte Repräsen lautende rsam mluug brachte in ihrem geschäftlichen Theil die Mittheilung verschiedener Verwaltungskommissionen über den am 1. Jan. erfolgenden Ablauf der Amtsperiode ihrer Mitglieder. Aus der Mitte der Versammlung wird hierzu der Wunsch geäußert, den Repräsentanten eine Liste der Ausscheidenden eine geraume Zeit vorher zugänglich zu machen, um sich über die Wiederwahl oder eine Neuwahl nach sorgsamer Sichtung schlüssig zu machen. Dieser Vorschlag ging von der rechten Seite des Hauses aus. Herr Oskar Berlin wurde alsdann in den Ausschuß I gewählt und nahm das Amt an. Eine Reihe von Zuwendungen wurde debattelos genehmigt. Herr- Heinrich Eisner hat der letzterrichteten III. Altersversorgungsanstalt 15 000 Mark überwiesen. Die Leopold Sophie Troppau-Stiftung ist seitens des Herrn Max Jaffe um den Betrag von 3000 Mark vermehrt worden. Die Bedingungen der Stiftung haben insofern eine Aendernng erfahren, als die bisher gewährten Brautausstattungsgelder erst in zweiter Linie in Betracht kommen sollen, hauptsächlich aber aus der Stiftung Unterstützungen für die berufliche Ausbildung junger Mädchen gegeben werden sollen. Der jüngst verstorbene Herr- Julius Grünwald hat letztwillig der Armenkommission 4000 Mark testirt; die Erben des Testators, haben sich eilt Vorschlagsrecht für die zu Unterstützenden ausbedungen. Frau Adele Czellitzer hat zur Begründung einer Stiftung, aus der in erster Linie Verwandte der Spenderin unterstützt werden sollen, 2000 Mark gegeben. Die im Jahre 1892 verstorbene Frau Flora Fließ hat bei der Gemeinde ein Legat von 1000 Mark zum Zwecke der Grabeserhaltung errichten lassen. Der Religionsverein Adaß Jeschurun hat auf seine Petition hin für das Jahr 1902/03 1000 Mark bewilligt erhalten. Der Abbruch der Häuser Kaiserstraße 29 und 30, auf deren Terrain bekanntlich die neue Mädchenschule errichtet werden soll, ist an eine hiesige Firma für den Preis von 4300 Mark vergeben worden. Die meistbietende Firma, welche für den Abbruch 4800 Mark angeboten hatte, körnte nicht berücksichtigt werden, weil sie nicht auf die von der Gemeinde gestellte Bedingung, die Arbeiten von Freitag Nachmittag bis Montag früh ruhen zu lassen, eingehen wollte. Der Abbruch soll, wie der Referent Maurermeister Fräukel ans Anfrage erwidert, innerhalb sechs Wochen erfolgen. — Die gemischte Deputation zur Leitung des Shnagogenbaues in der Rykestraße soll aus Wunsch der Kommission um ein Mitglied aus der Baukommission verstärkt werden. In die Debatte über die harmlose Vorlage brachte Herr Oskar Berlin eine sensationelle Ueberraschung. Er empfahl der Deputation, vor allem den Charakter der jüdischen Gotteshäuser zu wahren, welchen er bei den von der Gemeinde errichteten Altersversorgungsanstalten zu seinem lebhaften Bedauern vermisse. Er beklagt es, daß die zehn Gebote aus den Tafeln nicht mehr in hebräischen Lettern figurieren, sondern mit deutschen Ziffern in der Reihenfolge von links nach rechts aufgesührt seien. In den Betsälen der Altersversorgungsanstalten seien auch nicht einmal die Männervon Frauenplätzeu getrennt, was ganz und gar gegen den Ritus verstoße. Essei eben erforderlich, daß die Mitglieder einer solchen Kommission nicht nur bautechnische Kenntnisse zur Errichtung eines Gotteshauses mitbrächten. In lebhaft erregter Weise lehnte Justizrath D r. Lachmann, der Vorsitzende der Baukommission, diese Anregung dankend unter der Motivirung ab, daß die Kommission sehr gut wisse, wie ein jüdisches Gotteshaus auszusehen habe, und erachtete es nicht sür erforderlich, der Empfehlung irgend welche Folge zu geben. In gewohnter ruhiger Weise erwiderte Herr Eisner, daß auch ihm nicht bekannt sei, daß die Vorstände der Altersversorgungsanstalten umstürzlerische Neuerungen hätten einführen wollen. In der Hauptsache sei die Tendenz vertreten, an dem alten Baustil festzuhalten. Daß die Gesetzestafeln mit Zahlen anstatt mit hebräischen Lettern hergestellt seien, sei erst nach Fertigstellung des Baues zur Wahrnehmung gelangt. Die Trennung der Männer- und Frauenplätze habe sich im Betsaal des sehr beschränkten Raumes wegen nicht durchführen lassen. Es sei in der Altersversorgungsanstalt die Einrichtung getroffen, die vorderen Bänke sür die Männer und die Hinteren Bänke sür die Frauen frei zu halten; er könne nicht annehmen, daß diese Anordnung gegen den Ritus verstoße. Herr Manheimer weiß auch nichts davon, daß bisher irgend Jemand an dieser Einrichtung Anstoß genommen hätte. Die lebhafte Erregung des Dezernenten wurde als „deplacirt",von Geheimrath Blumen thal, der seinem Fraktionsgenossen völlig beipflichtete, Zurückgewiesen. Die linke Seite des Hauses hatte keine Veranlassung, in eine derartige Erörterung einzugreifen; im Grunde ihres Herzens machte sie wohl tue Ansicht des Dezernenten zu der ihrigen. Schwarz ist Trumpf! Die Debatte wurde erst zum Schluß auf ihren Ausgangspunkt zurückgesührt und endete mit der Genehmigung der Verstärkung der gemischten Deputation. — In die Subventionskommission wurde an Stelle des Herrn Hermann Schätzer Herr Adolf Lewinski gewählt, der als Vorsitzender des Verbandes der Religionsvereine nach Angabe des Referenten Herrn Oppenheim überaus geeignet zu diesem Amte ist. — Es folgen alsdann mehrere Rechnungsabschlüsse pro 1901/1902. In den beiden Altersversorgungsanstalten konnte das verflossene Jahr als günstig bezeichnet werden. Die Gesammtunkosten beliefen sich auf 109 000 Mark, die Einnahmen aus den Zinsen betrugen 96 000 Mark, die Jahresbeiträge 11 780 Mark. Das Gesammtvermögen — ohne die Häuser — stellt die stattliche Summe von 2 548 890 Mark dar. — Die Ausgaben der Fürsorgekommission stellten sich auf 6914 Mark, darunter befinden sich 1179 Mark, die als baare Unterstützung gegeben wurden. Die Fürsorge ist auf Grund des neuen Fürsorgegesetzes nunmehr auch aus die jugendlichen verwahrlosten wie von der Verwahrlosung bedrohten Personen ausgedehnt worden. Die Kommission setzt sich aus 20 Mitgliedern und vier Pflegerinnen zusammen. Geheimrath Senator zollt der Thätigkeit der Kommission volle Anerkennung, wünscht jedoch die Hinzuziehung unserer Rabbiner, namentlich zur Seelsorge. für die jugendlichen Personen. Vorsichtigeweise fügte er hinzu, daß unsere Rabbiner hoffentlich hierzu Zeit und wohl auch das Interesse hätten, milzuarbeiten. Landgerichtsrath Pleßner theilt mit, daß zu diesem Amt Rabbiner Dr. Blumenthal vom Gemeindevorstand delegirt ist. Geheimrath Blumenthal vermißt auch die Thätigkeit der Rabbiner in den Krankenhäusern, während die evangelischen und katholischen Geistlichen sehr um die Zukunft der Kranken und Genesenen bemüht seien. Professor Baginsktz möchte die Frage nicht allgemein für die Krankenhäuser bejahen und hält es für erforderlich, sich alsdann in jedem einzelnen Falle mit dem Vorstand des Krankenhauses in Verbindung zu setzen. Geheimrath Senator setzt dagegen voraus, daßz.B.von der Charite aus einer derartigen Einführung bereitwilliges Entgegenkommen bezeigt werden würde. — Bei der Kommission zur Unterstützung hilfsbedürftiger durchreisender Juden sind Gesuche von 1730 Parteien eingegangen, von denen nur 1109 berücksichtigt werden konnten. Der Referent Herr Bert hold Israel bittet um Aufklärung betreffs der großen Zahl der Abweisungen und fragt gleichzeitig an, ob die Beschlüsse der Breslauer Konferenz über Wanderbettelei strikte innegehalten werden. Herr Kommissar Martin Simon erwidert, daß die Kommission kein bestimmtes Prinzip habe, jugendliche Personen abzuweisen, und ihrer Pflicht sich voll bewußt sei, jungen Leuten zur Beförderung zu verhelfen, wenn für diese irgendwie auswärts Stellung vorhanden sei, während für die nur im Lande Umherreisenden keine Unterstützung gewährt werden könne. Die Breslauer Beschlüsse würden voll innegehalten, und es werde Niemand nach Hamburg und überhaupt nach Seeplätzen befördert, der sich nicht im Besitze einer Schiffskarte befinde. Syndikus Dr. Minden weist im Anschluß an diese Debatte auf die Arbeiterkolonie in Weißensee hin, rühmt deren Erfolge und empfiehlt deren Bestrebungen zur eifrigen Förderung. — Die Quellbadverwaltung hat an Mehrausgaben 32,74 Mark. In dem Berichtsjahre sind 18 Proselytenbäder mehr verabfolgt worden als im