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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1902-10-22 · Heft 43 (22.10.1902) · p. Seite 516

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
66 (1902)
Issue
Heft 43 (22.10.1902)
Date
1902-10-22
Page
Seite 516 (sequence 14)
Language
German
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b16 Fitterarische Mittheilungen. S. Gelbhalls: Nehemias und seine sozialpolitischen Bestrebungen. Wien 1902. N. Löwit. Ein sehr werthvoller und ver- - dienstlicher Beitrag zur Geschichte und Litteratur des zweiten jüdischen Staatswesens, also einer Periode, die bisher im Grunde genommen von unseren Gelehrten nur wenig beachtet wurde. Aus dieser Zeit tritt die Gestalt des Nehemias besonders stark hervor, und dennoch nicht ist sie noch immer eine in ihren Umrissen nicht klar erkannte Erscheinung. Es war deshalb ein sehr schwieriges Unternehmen, die Quellen zu erforschen und auf Grund dieser das Leben und die Thätigkeit des Nehemias im Zusammenhänge darzustellen. Dieses Unternehmen kann als gelungen bezeichnet werden. Daß dabei auf die nichtjüdische Geschichtsforschung, namentlich auf die Arbeiten von Meyer und Wellhausen, manches interessante Streiflicht fällt, ist selbstverständlich. Gelbhaus ist auch der Allsicht, die er mit überzeugenden Gründen durchführt, daß Nehemias der Autor respektive Verfasser und Redakteur des Buches, das seinen Namen führt, ist, aber sein Werk sei nicht vollständig auf die Nachwelt gekommen. Es sind nur Fragmente, die wir besitzen. Am Schlüsse entwirft Gelbhaus folgendes Bild von dem Charakter des Nehemias: Er war rücksichtslos, aber aufrichtig, er war stolz aus seine dynastische Abkunst, aber ohne Hochmuth. er war gottesfürchtig. aber ohne Heuchelei, er war gesehestreu, aber am strengsten gegen sich selbst. Er verlangte Opfer von Anderen, war aber selbst opferwillig und opferfreudig, er forderte nationale Gesinnung von den Großen in Israel, war aber selbst erfüllt von glühender Liebe für sein Volk, für sein Vaterland und für seinen Gott, weil die Wahrhaftigkeit sein Lebensideal war. Dieses durchaus zutreffende Urtheil wird Jeder unterschreiben, der einen tieferen Einblick in die Quellen gethan hat. — I. S. Neng er: Die Hauptpersonen des Nichterbuches in Talmud und Midrasch. I. Simson. S. Calvary L Co., Berlin 1902. Wie mal, in neuerer Zeit vielfach sich bemüht hat, die sagenhaften Elemente der biblischen Erzählungen hervorzuheben, so wird es sicherlich allen Bibelforschern von Interesse sein, auch die Anschauungen des Talmuds und Midraschs znsammengestellt zu finden, die von der rein geschichtlichen Auffassung abweichen. Der Verfasser der vorliegenden Arbeit hat sich nun der dankenswertsten Aufgabe unterzogen, die acht Hauptpersonen des Nichterbuches n, dieser Hinsicht zu behandeln, indem er mit Simson begann. Zur Voranstellung Simsons bewog ihn wohl der Umstand, daß gerade in der Snnsongeschichte vielfach Saget,Haftes gefunden wurde. Zum besseren Verständniß einzelner Stellen ist oft in den Noten die altarabische Sage herangezogen. Besonders bemerkeuswerth an der Arbeit Dr. Nengers ist die Einleitung, in welcher er sich bemüht, die Priorität der Volksagada vor der Kunstagada zu zeigen. Goldziher hatte bereits in seinem Werke „Der Mythos bei den Hebräern" bemerkt, daß vieles in der Agada sich au Alter mit den mythologischen Quellen der Bibel messen könne. Non Nenger wird nun behauptet, daß viele agadische Aussprüche, die bestimmten Lehrern zugeschrieben werden, im Grunde ans echte Produkte der Volkspoesie zurückzuführen sind. Die agadischen Lehrer haben die im Volke vorhandenen Motive an die Bibel angelehnt, wodurch allerdings eine festere Grundlage geschaffen wurde, andererseits aber bei den, gewaltsamen Anpassen an den Text der Schrift Verstümmelungen der ursprünglichen Sage entstanden. An einen, agadischen Thema, das in sechs verschiedenen Quellen vorhanden ist, sucht der Verfasser seine Behauptung deutlich zu machen. Wie nun durch Bacher in seinen grundlegenden Arbeiten die Agada der Tanaiten und der babylonische!, und palästinensischen Amoräer zusammengestellt und geordnet wurde, so hält es der Verfasser für wünschenswertst, daß wir bald eine „Agada des Volkes" erhalten, die nach seiner Ansicht den klassischen Theil der Agada bildet, und die geeignet wäre, die wahre jüdische Volkspoesie im rechter, Lichte erscheinen zu lassen. Dr. Leopold Stein. --- Dr. med. Selig: Reflexionen zu Walther Rathenaus Impressionen : „Höre Israel". Eine Erwiderung. Worms 1902. H. Kräuter. — So heißt das Büchlein, das mir heute ans den Schreibtisch ge. flogen ist, das mir werth erscheint, in größeren, Kreise bekannt zu werden. Nur klein an Umfang ist es, aber was da auf den wenigen Seiten mit kurzen Sätzen gesagt wird, ist inhaltlich mehr, als manch dickleibiges Buch in sich schließt. „Eine Erwiderung", so nennt der Verfasser das Schriftchen. jedoch es ist mehr als eine Erwiderung auf die „Impressionen", es ist eine Anklageschrift, gerichtet gegen die, die gleich Walther Rathenau sich abseits stellen von der Gesammtheit, der sie durch Geburt und Erziehung angehören, die sich im Gefühl eigener Vollkommenheit ein Urtheil anmaßen über Andere: „Sie sind ein Typus, sehr geehrter Herr, darum geht meine Erwiderung nicht so sehr auf Ihre Person; aber Sie Habei, es gewagt, im Namen der Wenigen Ihrer Art zu sprechen und zwar zur Gesammtheit; Sie rufen laut und vernehmlich Ihr „Höre Israel!" Israel hat gehört und antwortet Ihnen." lS. 18.) In dem ersten Haupttheil, der die Gedanken „eil,es, der ein Heißsporn ist", wiedergiebt, tönt Herrn Walther Rathenau immer wieder der Vorwnrs des semitischen Antisemitismus entgegen. Und zwar der Vorwurf nicht etwa des sogenannten wissenschaftlichen Antisemitismus, nein der viel schwerere des Antisemitismus, der ohne Neberlegnng des unangenehmen Aeußeren des einen Juden wegen gleich die ganze „asiatische Horde" vom Erdboden vertilgt sehen möchte. Und dabei die Erwägung, daß dies alles nicht einmal ein reiner, waschechter Arier sagt, nein, ein Nochjude, einer, der von Eigenlob trieft und selbstbewußt betet: „Ich danke dir. mein Schöpfer, daß du mich nicht gemacht hast wie diese!" Der Verfasser versteht es wahrlich, dieses Treiben ins richtige Licht Zu setzen. Aber auch als Nachbeter antisemitischer Unwahrheiten und grundfalscher Hypothesen bekommt jener Herr manches wahre Wort zu hören. „Schwer ist es schon, mit Polen und Dänen den Prozeß der Assimilation zu bewerkstelligen, mit den Juden unmöglich?! Was berechtigt Sie zu der Verdächtigung, als ob die Juden sich nicht voll und ganz als Deutsche fühlten, als ob sie gleich Polen und Dänen ein fremdes Joch abzuschütteln strebten und sich in, Heimathlaude als Fremde fühlten? Das ist eine Denunziation, für welche Sie den Beweis schuldig geblieben sind." (S. 11.) Man sieht, der Verfasser besitzt in seiner ehrlichen Entrüstung mehr echt deutsches Gefühl als jener Herr in seinem Judenhaß. Allein keine wilde Kapuzinade, die nur Vorwürfe kennt, bietet uns der Verfasser. Der Schluß seiner Ausführungen erinnert uns unwillkürlich an Antigonens herrliche Worte: „Nicht mitzuhassen, mitzulieben, bil, ich da!" Man lese nur folgende Sätze: „Ob Ihre Schilderung unseres Aeußeren, unserer Manieren, unserer moralischen Qualitäten zutreffend ist, lasse ich dahingestellt sein; wenn ich leugnete, daß es solche Individuen gäbe, würde ich mich des Fehlers der Uebertreibung schuldig machen wie Sie, wenn Sie generalisiren!" <S. 21.) „Und nun kommen Sie und gehen Sie mit uns in die Sitzungen der von Ihnen so perhorreszirten Gemeinschaften zur Pflege assoziirter Interessen und Glaubensbegriffe, in denen mit selbstlosester Hingebung an der materiellen und sittlichen Hebung Ihrer und unserer Stammesgenossen gearbeitet wird, zu unserer und der Menschheit Wohl. Das geht nicht auf Märkte und Gassen, sondern wirkt still und bescheiden und heischt nicht Dank und Anerkennung. Der legt seinen Thaler auf den Altar, und Jener wirkt durch Beispiel und Belehrung. Was Sie wollen mit rascher That, streben wir an mit bedächtiger Kulturarbeit, die Affin,ilirung. Sie schätzen Ihr Material spröd und minderwerthig ein, wir aber formen und formen.-Haben Sie an dieser Auffassung patrizischen Wesens etwas auszusetzen? Wenn nicht, dann stelle:, Sie, der Sie ein Rufer und Streiter gelten wollen, Ihre glänzende Begabung und Veranlagung mit uns in den Dienst der guten Sache, unser Weg ist derselbe, die Enkel werden unsere Spuren segnen!" (S. 22.) Ob Herr Walther Nathenan diesem Nus folgen wird? Die Sprache des Büchleins ist ofl kurz, manchmal abgerissen. meist schwungvoll. Man höre nur folgende Stelle: „Und nun mein Gewährsmann aus dem Volke: Wir sind wie der Prellstein an der Straßenecke. Der ordinäre Lastwagen und die vornehme Karosse fahren jeweilig an uns an. Ein jeder Anprall kostet uns ein Stück unseres Bestandes, und eines Tages liegen wir achtlos hingeworfen, verbeult und formlos unter den, Bauschutt einer Abladestelle. Wir verlangen nichts Unbilliges vom Lastwagen, aber die Karosse sollte doch wohl mit mehr als äußerem Firniß und gleißendem Hochmuth an uns vorüber- und noch viel weniger uns anfahren. Und gar in ihrem Fond ein glänzendes Feuerwerk prasselnder Witzraketen abbrennen, nur um den armen Prellstein in seiner nackten Häßlichkeit der schaulustigen, johlenden Menge zu zeigen? Ich weiß nicht — ob er nicht auch eine Seele hat, die bluten kann." iS. 19.) Ans alledem wird der Leser gesehen haben, daß das Schriftchen wohl des Lesens werth. ist. Daß es geschrieben werden mußte, bedauern wir — daß es geschrieben ist, wird Manchen erfreuen. Litbos. Druck und Verlag von Rudolf Mo sfe in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.

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