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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1902-10-22 · Heft 43 (22.10.1902) · p. Seite 515

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
66 (1902)
Issue
Heft 43 (22.10.1902)
Date
1902-10-22
Page
Seite 515 (sequence 13)
Language
German
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515 daß er eine Schilderung seiner selbst lese — ja auch ihrer selbst. Ihre Gedanken wurden durch die kräftige Stimme ihres Mannes wieder unterbrochen: „Er hat viele Nächte im Anflehen seines Fetisches zugebracht und ist noch immer nicht überzeugt, daß sein Gott der Schlachten schläft." Der Lesende kicherte, und ein Schmunzeln der Befriedigung verbreitete sich über die Vorhalle der Synagoge. „Sie sind tapfer, ja, aber es ist nicht, was wir unter Tapferkeit verstehen, sie sind gute Kämpfer, weil sie holländisches Blut und eine tiefe Verachtung für uns in sich haben. Ihr ganzes Leben haben sie in dem offenen Veldt verbracht (wir kämpfen stets mit ihnen auf einer offenen Farm, deren Besitzer jeden Zoll des Terrains kennt), und sie wagen nie etwas, ausgenommen, wenn sie so manövriren können, uns irgend eine Falle zu stellen. Der tapfere Ansturm unserer Jungen ist ihnen unbekannt, und ihre hinterlistige Natur würde deren kühlen Anmarsch zu einer Todesfälle — wie zu einem Spiele — als eine Tollheit ansehen. Hat es je zwei unähnlichere Rassen gegeben?" schloß der jugendliche Philosoph in seinem Zelte. „Ich kann wirklich nicht einseheu, wie sie nach dein Krieg Zusammenleben können." „Das hat keine Schwierigkeit," hatte S. Cohn seiner Frau mit Entschiedenheit schon früher erklärt, als ob sie nicht die nämliche Morgenzeitung lese. „Gemischte Ehen! In einer Generation oder höchstens in zwei Generationen wird eine verfeinerte, englisch-afrikanische Rasse aufwachsen. Das ist die Lösung — merk' Dir, was ich sage! Und Du »lagst dem Jungen das mittheilen — nur sage nicht, daß ich Dich ersticht habe, es ihm zu schreiben." „Vater sagte, ich solle Dich wissen lassen, daß „Gemischte Ehen" die Lösung sei," schrieb Frau Cohn gehorsamlich. „Er wird wirklich täglich milder gegen Dich." „Sage Vater, das ist Unsinn," schrieb Simon zurück. „Die schlimmsten Individuen, mit denen wir zu thun haben, stammen von einer Burenmutter und einem englischen Vater, die hier seit dem ersten Krieg sich ansässig gemacht haben." S. Cohn schnaubte ärgerlich über diese Botschaft: „Das war die Folge der Doppelregierung; er vergißt, daß jetzt nur ein „Vereinigtes Reich" sein wird. Er war nicht versöhnt, bis der Gemeine Cohn befördert wurde und die aufregende Schilderung eines Abenteuers nach Hause sandte, welche der stolze Vater sich von der Vorhalle bereden ließ, dem Gemeindeorgan zur Veröffentlichung einzusenden. Das Blatt erbat sich auch Simons Photographie. Nun war S. Cohn nicht blos Gabbe, sondern auch Stadtrath! Dieser wundervolle Brief, von dem S. Cohn mit Gönnermiene Abdrücke an seine Angestellten vertheilte, lautete„Wir sind jeden Tag ausgerückt — ich spreche von meiner eigenen Schwadron! — jeder Offizier, wenn die Reihe an ihn kam, mit zwanzig bis fünfundzwanzig Mann die einige Meilen entfernt liegenden Farmen umkreisend. Wir kehrten selten zurück, ohne einige Buren zu sehen, die eine Gelegenheit ausspähten, uns eins zu versetzen, oder abwarteten, uns eine Falle zu stellen, falls wir zu weit Vorgehen sollten. Ihr Lokalkommando attakirte neulich unsere Viehwache, es waren einhundertfünfundzwanzig gegen unserer Fünfundzwanzig, und wir erlitten Verluste. Da war ein junger Bursche, Namens Winstay, ein guter Kamerad von mir, der von einem Schuß in die Brust niedergestreckt wurde und mit genauer Noth davonkam. Es gelang mir, ihn sicher in das Lager zurückznbringen — Gott weiß wie! Ich wurde zum Korporal befördert, und der Einfaltspinsel sagt, ich hätte ihm das Leben gerettet, doch was ihn wirklich rettete, war ein dicker Brief von seiner Schwester — nicht einmal von seiner Geliebten! Wir necken ihn, daß er einen so romantischen Ausgang vermißte. Ich kam mit einer Fleischwunde davon, aber an dem Brief ist ein großer Klecks rother Tinte. Ihr könnt Euch kaum vorstellen, wie wir sehnlichst darauf warteten, unseren Kameraden zu rächen. Da meine Vorgesetzten krank oder anderweitig in Anspruch genommen waren, wurde mir erlaubt, einen Nachtmarsch mit fünfnnddreißig Mann zu der neun Meilen entfernt liegenden Farm zu machen, nur um di? Sache auszugleichen. Als wir einige Meilen von dem Lager der dreihundert Mann zählenden Buren waren — noch dazu war Heller Mondschein, dieser seltsame, stille Ritt erschien mir wie ein Traum, nur dann und wann wurde der regelmäßige, dumpfe Schall der Pferdehufe durch das Straucheln eines Pferdes unterbrochen — umzingelten wir die Farm in tiefstem Schweigen, nachdem wir in der Entfernung von einigen tausend Schritten abgestiegen waren und unsere Bajonette aufgesteckt hatten. Ich sagte den Leuten, nicht zu schießen - das würde das Kommando uns auf den Hals gebracht haben - nur bloße Klingen und Stillschweigen! Wir schlichen näher und zerstörten die Farm — es war ein unheimliches Stück Arbeit! Zu unserem groben Bedauern waren die Bewohner auf der Suche nach Beute. Die Mannschaft war wüthend — doch wir leben in Hoffnung." Ter Schluß war ein wenig enttäuschend, aber auch S. Cohn lebte in Hoffnung — auf irgend eine ungeheure und denkwürdige Metzelei. Sogar seine Frau hatte sich an das Feuer der Angriffslinie gewöhnt, da jetzt weder Kugel noch Bombe ihrem Sohn ein Leid anthun konnte: „Denn er wird seine Engel über Dich befehlen." Der Gedanke, daß ihre tägliche geheime Wiederholung des einundneuuzigsten Psalms als ein Talisman wirke, hatte sich mit der Zeit in ihr festgesetzt. Als Simon die Schachtel, welche die von der Königin geschenkte Schokolade enthalten hatte, nebst einer Bureukugel und anderen Kuriositäten nach Hause schickte, legte S. Cohn dieselben in seinem Ladenfenster aus. Die Menge Beschauer und die Kundschaft, die sie brachten, verstärkten mehr und mehr seine Sympathie mit Simon und dem Reich. Er drückte in der Unterhaltung mit seinen Glaubensgenossen seine Verachtung des unmilitärischen Geistes aus: „Wenn ich selbst noch ein junger Mann wäre, Herr .. .." In der Nacht nach dem Ersatz von Mafeking war das Geschäftslokal von oben bis unten mit Flaggen dekorirt, indeß in den Schaufenstern nichts als Khakianzüge zu sehen waren. Obwohl der gute Mann seiner Frau gegenüber noch immer seine schmollende Miene beibehielt, konnte er sie dadurch doch nicht täuschen, so daß. als der Tag herannahte, an dem Simon zurückkehren sollte, sie mit glücklichem Herzen der Zeit entgegensah, in der die Familie in herzlichem Einverständniß beisammen leben würde. In den dunkelsten Momenten ängstlicher Besorgniß war ihr nie der Gedanke gekommen, daß ihr Mann ihr zuerst durch den Tod entrissen werden könne. Und doch ließ die Ironie des Schicksals gerade dies sich ereignen. In dem nie endenden Feldzug, den der Tod gegen das Leben führt, fiel S. Cohn, und Simon kehrte unverletzt aus dem Kriege zurück, das Kaddischgebet zu seinem Gedächtniß zu sprechen. (Forts, folgt.)

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