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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1902-10-22 · Heft 43 (22.10.1902) · p. Seite 514

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
66 (1902)
Issue
Heft 43 (22.10.1902)
Date
1902-10-22
Page
Seite 514 (sequence 12)
Language
German
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514 schwerer als die Juden von hellte, die doch nicht mehr in der Knechtschaft unserer Vorfahren von damals schmachten, aber gerade darum verdienen der unermüdliche Eifer, die zähe Energie, mit der Jene trotz der Ketten, die ihre Bewegungsfreiheit hemmten, vorwärts und immer vorwärts strebten, unsere höchste Bewunderung. Allerdings ist die Berliner Seidenmanufaktur bald ins Stocken und schließlich in gänzlichen Verfall gerathen, - wiederum ein Beweis dafür, daß industrielle Schöpfungen großen >wtils nicht aus der Initiative des Staates hervorgehen, sich nicht durch behördliche Reglements zu Kraft und Ansehen entfalten, sondern einzig und allein durch die freie Kraft der Gesellschaft, wie dies z. B. bei der Krefelder Seidenindustrie der Fall gewesen ist. Für die Juden Berlins aber war der Antheil, den sie an der Entwickelung der Seidenfabrikation und des Seidenhandels nahmen, ein Hauptmittel, auf wirthschaftlichem und sozialem Gebiete allmälig emporznsteigen aus der tiefen Stellung, in der sie sich befanden. Auch Moses Mendelssohn und David Friedländer, die auf geistigem Gebiet hervorragendsten Vertreter der damaligen Juden, sind aus den Kreisen der jüdischen Seidenindustriellen hervorgegangen und trugen — trotz aller gegnerischen Agitation — dazu bei, in große Theile der Bevölkerung eine andere, bessere Meinung als die bisher gehegte von dem jüdischen Kaufmann und dem jüdischen Gelehrten hineinzutragen. — Und so hat die Betheiligung der Juden an der Seidenindustrie einen kräftigen Anstoß dazu gegeben, ihrer Emanzipation, die freilich noch manches Jahr auf sich warten ließ, allmälig die Wege zu ebnen. S. Cohn L. Sohn. Erzählung von I. Zangwill. IV. ie ersten Neuigkeiten von Simon erhielt sie durch Briefe' die in St. Vincent auf die Post gegeben waren. Er schrieb nur an die Mutter, indem er in einer scherzhaften Bemerkung die Hoffnung aussprach, daß sein Vater durch das, was er auf der Reise allsgestanden habe, zufrieden gestellt sein werde. Nicht nur, daß die See stürmisch war, er hatte auch Höllenqualen durch die Impfung gegen den Typhus ausgestanden, so daß, als er sich ans Deck gerade fest auf den Beinen fühlte, er in seiner Kajüte festgehalten war und einen „Versöhnungstags-Durst" ausstand. „Aha," knurrte Herr Cohn, „er sieht jetzt, was er für ein Narr gewesen ist und wird mit dem nächsten Dampfer znrückkehren." „Aber das würde Desertion sein." „Nun, hat er sich doch nichts daraus gemacht, vom Geschäft zu desertiren." Mit jedem Briefe wurde für Herrn Cohn die Sache unverständlicher. Der Junge schlief in regendurchweichten Laufgräben, oft sogar ohne Decke, und statt darüber zu klagen, war nur sein Kummer, daß sein Regiment nicht ins Vordertreffen kam. Hitze und Frost, Regen und Wirbelwind — alles ertrug er ohne Murren. Dabei schrieb er, daß er sich kräftiger als je fühle und spottete über den ärztlichen Weisheitskasten, der es versucht hatte, ihn auszumnstern. „Bei alledem hoffe ich," seufzte Hannah, „daß sie ihn nur verwenden, die Verbindungslinien zu bewachen." Sie hatte in unverdrossenem Eifer mit der Kriegswissenschaft sich vertraut gemacht, so daß sie mit einer erstaunlichen Geläufigkeit von Basutoponies, Mauserkugeln, Pontons und dergleichen plapperte; sie kannte die geilaue Stellung der Armeen und markirte sie aus ihrer Karte vom Kriegsschauplatz mit bunten Stecknadeln. Auch Simon hatte unter dem Einfluß des anregenden neuen Lebens ein gewisses litterarisches Talent entwickelt, und durch seine aufheiternden Briefe erfuhr sie manches, was die Zeitungen nicht brachten, besonders in jenen spannenden Tagen, als die „C. I. Vs." schließlich an die Front kamen — und dort blieben. Berichte über Pferde, aus Mitleid erschossen, und über Schafe, ohne Mitleid vergiftet, von Ochsen, die beim Fortschleppen von Proviantwagen todt hinfielen; Erzählungen von Durcheinander und Unglücksfällen, über englische Soldaten, von ihren eigenen Kanonen, die sie beschützen sollten, getödtet, während sie hinter Ameisenhaufen dem Feinde gegenüberlagen; Schilderungen aus Lazareth und Feldlager und all des verborgeneil Elends, erzeugt durch Unreinlichkeit und gesundheitsschädliche Einrichtungen — Vorkommnisse und Zustände, welche die unvermeidlichen Begleiter des Kriegsruhmes bilden. Die Mittheilungen über Quartierrationen pflegte sie ihrem Manne nicht vorzulesen. aus Furcht, die Erwähnung von Ochsenfleisch möchte ihn daran erinnern, daß sein Sohn verbotene Speisen esse. Einmal waren sogar in einer Hungerszeit zwei fette Schweine für das Bataillon eingefangen worden. Doch eines Tages bemächtigte sich Herr Cohn der Briefe und las sie zuerst. Er begann von seinem Jungen im Krieg zu sprechen — nein, er las sogar die Briese gespannt aushorchenden Gruppen in der Vorhalle der Synagoge vor — Gruppen, die das in Simons Regüuentskesfel gekochte Fleisch ohne Gewissensbisse hinunterschluckten. S. Cohn fühlte, als ob er wieder der Gabbe von ehemals fei. Was den stolzen Vater mit fast religiöser Befriedigung erfüllte, war Simons Ansicht über den Buren, die genau mit der öffentlichen übereinstimmte: „Ein scheinheiliger Heuchler, ein Psalmsinger, der selbst den Teufel hintergeht; er hat keine erwähnenswerthe Civilisation, und feilte Lebensgewohnheiten sind schmutzig-gemein. Seit den, großen Treck (Umzug) hat er durch langen Umgang mit seinen Kafsersklaven manche der wilden Charakterzüge angenommen. Kurz gesagt: er ist ein geborener Lügner, gräßlich unwissend und dumm." „Ja, gräßlich unwissend und unbegreiflich dumm," wiederholte S. Cohn, indem er eine eindrucksvolle Pause machte, „habe ich das nicht immer gesagt? Der Junge bestätigt nur, was ich wußte, ohne dorthin zu gehen. Doch hört weiter: Kann mail sich wundern, daß der Bur, abgeschlossen auf der weiten, wellenförmigen Fläche seines endlosen Veld mit Frau Kindern und Sklaven, jedes Verständnis) für andersartige Verhältnisse verliert und unbekannt mit der Außenwelt bleibt, voll der nur dann und wann spärliche Nachrichten aus Johannisburg aus ihm zufließen?" Als S. Cohn eine kurze dramatische Pause machte, durchdrang wie ein Lichtstrahl die Erkenntniß plötzlich seine Frau,

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