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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1902-10-22 · Heft 43 (22.10.1902) · p. Seite 513

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
66 (1902)
Issue
Heft 43 (22.10.1902)
Date
1902-10-22
Page
Seite 513 (sequence 11)
Language
German
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513 solche sehr negligiren und die schlechtesten Arbeiter, so sie nur finden können, des wohlfeilen Lohns halber annehmen, mithin nichts Tüchtiges an Maaren fertigen lasten, oder aber das; sie ganz geflissentlich ihren fabricirten Maaren zwar einigen guten Anstrich geben, aber zugleich an Güte und Farben sehr geringe machen und von der Länge oder Breite, so sonst an Ellenmas; von dergleichen Zeugen üblich ist, abbrechen, mithin den Käufer dadurch verkürzen und endlich die Maaren daher außer Kredit bringen, alle andere gute Fabriken aber, in welchen gut und wohl gearbeitet wird, inzwischen übern Hansen werfen. Diesemnächst finde ich zu Meinem Vergnügen, daß die Seidenfabrikannten, welche zu Berlin sowohl als zu Potsdam und anderen Orten durch Kaufleute und andere dergleichen Entrepreneurs etablirt worden, sich mehr und mehr aufnehmen. dergestalt, daß dadurch Mein Bedenken, denen Juden dergleichen Fabriken von neuem zu bewiligen, gestärket wird. Jh<habt also obenerwähnten Inden Samuel Jacob vor de'r Hand noch abzuweisen." Wen will es übrigens Wunder nehmen, wenn die Juden, fortgesetzt drangsalirt und in ihrer Existenz gefährdet, gezwungen, unter viel ungünstigeren Bedingungen als ihre christlichen Konkurrenten der; Kampf ums Dasein zu führen, auch zu unlauteren Mitteln griffen? Der Acciseinspektor Dien hatte sich 1753 an den König mit einer Eingabe gewandt, in der er ausführlich auseinandersetzte, in welcher ungeheuren Weise seitens der Judenschaft geschmuggelt wurde. Er erbot sich, den Beweis dafür anzutreten, daß die Juden — statt des Quantums von 13 000 Thaler, das sie bei der Accise angegeben Hütten — etwa für 60 000 Thaler jährlich importirten, und Gotzkowsky bestätigte in einer von ihm eingereichten Denkschrift diese Angabe mit dem Hiuzufügen, daß er den Werth der durch Kontrebande ins Land gebrachten Waarenmenge noch für viel, viel größer halte. Friedrich war im höchsten Grade entrüstet ' und sorgte dafür, daß Dieu bei seinen Anordnungen, die er zur Verhinderung des Schleichhandels traf, vollkommen freie Hand erhielt. Thatsächlich stellte es sich denn auch heraus, daß nunmehr in einem einzigen Monat etwa der gleiche Betrag für eingesührte Seidenwaaren versteuert wurde als sonst in einem ganzen Jahr. Die Folge dieser Ermittelung war, daß nach den; Vorschläge Gotzkowskys den jüdischen Seidenhändlern anfgegeben wurde, die Hälfte ihres Gesammtbedarfs aus den Berliner Seidenfabriken zu entnehmen; zwei Jahre später erging eine ähnliche Verordnung auch an die christlichen Kaufleute; freilich wurden sie immer noch insofern besser gestellt als die Juden, als sie nur ein Drittel ihres Bedarfs aus den heimischen Etablissements zu beziehen gehalten waren. Aber alle diese Maßregeln brachten der Industrie noch mmer nicht die gewünschte Förderung, was schließlich die Veranlassung dazu wurde, im Jahre 1756 kurzer Hand ein Einfuhrverbot für fremde Seidenwaaren überhaupt zu erlassen. das indessen nur für einige Provinzen Geltung erlangte und überhaupt niemals so recht in Wirksamkeit trat. Warum der allmächtige Gotzkowsky, der große, allgemein als ungeheuer reich geltende Kaufmann, so eifrig bemüht war, die inländischen Händler, vor allem die Juden, zu zwingen, aus den heimischen Seidenfabriken, d. h. vor allem von ihm selbst zu kaufen, wurde klar, als der siebenjährige Krieg mit der Unruhe und Verwirrnng, die er naturgemäß im Gefolge hatte, Handel und Wandel ins Stocken gerathen ließ. Gotzkowsky fiel als eines der ersten Opfer' der wirthschaftlicheu Katastrophe, die nun eintrat. Wie sich herausstellte, hatte er auch riesige Geldgeschäfte gemacht und in enormem Maße spekulirt. Jetzt, in den kriegerischen Zeiten, konnten natürlich kolossale Verluste für ihn nicht ausbleiben. Der König selbst hatte ihm schon einmal unter tiefster Diskretion, um ihn zu arrangiren, eine größere Summe Geldes vorgestreckt, auch hatte er ihm die von ihm begründete Porzellanfabrik — die noch heute unter dem Namen „Königliche Porzellanmanufaktnr" besteht — für einen sehr hohen Preis — 225 000 Thaler — abgekauft; nichts konnte ihn indeß mehr retten, er mußte 1764 mit seinen Gläubigern auf 50 Prozent akkordiren, und wenn er vorläufig auch den Betrieb der Fabriken weiter führte, so sah er sich doch bereits im nächsten Jahre veranlaßt, an den Verkauf seiner Unternehmungen zu gehen. Niemand wollte die ins Stocken geratheneu Etablissements erwerben, und er war froh, sie an Juden los werden zu können; Meyer Benjamin Levi, bereits Besitzer einer Kattunfabrik, kaufte die Seidenzeugfabrik, und Moses Ries übernahm die Sammetfabrik. Gotzkowsky selbst starb im Jahre 1775 in bescheidenen Verhältnissen; es hat natürlich nicht an Leuten gefehlt, die seinen Sturz jüdischen Machinationen zuschrieben. Auch in diesen ungünstigen Zeitläuften waren es Inden und immer wieder Juden, die mit Eifer und Fleiß an die Gründung neuer Etablissements gingen lind sich keine Mühe verdrießen ließen, die Industrie vorwärts zu bringen. Der König bemühte sich, eine Vermehrung der Seidenstrurnpffabrikation nr Berlin herbeizuführen, und es erbat sich der Sohn des verstorbenen Hannoverschen Hofjnweliers Moses Levi, der die Tochter der Wittwe des Berliner Schutzjuden Moses Meyer Bendix geheirathet hatte, ein derartiges Unternehmen einzurichten, worauf er von Friedrich dem Großen 8000 Thaler Unterstützung erhielt, die dieser zu dem Zweck der Förderung eines solchen Etablissements schon früher hatte bereitstellen lasseir. Auch in Potsdam etablirte sich wieder ein Jude, Moses Jsaac, mit einer Sammetfabrik, selbstverständlich nachdem er die Konzession dazu von dem Regenten erhalten hatte. Zwar remonstrirten Hirsch und Moses Ries, der Nachfolger Gohkowskys, heftig gegen die Nenanlage, indem sie sich auf das ihnen gewährte Monopol beriefen, aber es nutzte ihnen nichts: der König schnitt ihre Einwünde mit der Erwiderung ab, daß sie ihre Bedingungen nicht erfüllten, da sie die in dem Kontrakt festgesetzte Anzahl von Stühlen nicht errichtet hätten. Es ist hier nicht der Ort, die einzelnen Phasen der Entwickelung der Berliner resp. der preußischen Seidenindustrie genau zu schildern, jedenfalls dürfte aus den vorstehenden Ausführungen klar hervorgehen, daß das, was auf dem in Rede stehenden Gebiete erreicht wurde, nicht zum wenigsten der thätigen Antheilnahme der Juden zugeschrieben werden muß. Etlvas ganz Aehnliches haben wir übrigens etwa 100 Jahre später zu beochachten Gelegenheit gehabt: die Konfektion und die Wäscheindustrie, die in der Reichshauptstadt sich zu stolzer Höhe entwickelten, die jetzt auf dem Weltmarkt eine allererste Stellung einnehmeu, und die das ihrige dazu beigetragen haben, Berlin den Stempel einer Weltstadt aufzudrücken, — sie verdanken ihr Gedeihen und ihre Blüthe in erster Linie jüdischem Fleiß und jüdischem Unternehmungsgeist. Freilich hatten es unsere Vorfahren im achtzehnten Jahrhundert etlvas

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