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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1902-10-22 · Heft 43 (22.10.1902) · p. Seite 510

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
66 (1902)
Issue
Heft 43 (22.10.1902)
Date
1902-10-22
Page
Seite 510 (sequence 8)
Language
German
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510 Erfolg haben, da die öffentliche Wohlthätigkeit durch andere Dinge in genügendem Maße in Anspruch genommen ist. Deshalb muß das so nothwendige Unternehmen ans diese Weise gewagt werden, denn nicht länger mehr dürfen wir uns auf Andere in der Erziehung unserer sgeistig zurückgebliebenen Kinder verlassen. Vergessen wir auch hierbei nicht: Selbst ist der Mann! Brief aus England. Von Rev. Dr. Chotzner. 8 möchte fast scheinen, als ob der königliche Psalmendichter in prophetischer Vision die modernen Antisemiten vor sich sah, als er den wohlbekannten sarkastischen Spruch uiederschrieb: „Sie haben Augen und wollen nichtsehen." (LnMm Isliem rv'Io ziru.) Denn wäre dies nicht der Fall, so würden sie nicht immerfort in der Oeffentlichkeit den Juden vorwerfen, daß diese ausschließlich nur für den Schacher leben und streben, für Litteratur, Kunst und Wissenschaft aber weder Sinn noch Neigung haben. Daß dieser Vorwurf ganz unbegründet ist, beweisen öfters die wahrheitsliebenden Tagesblätter aller Länder, und namentlich solche, die hier zu Lande erscheinen, indem sie die Leistungen mit Lob und Anerkennung nennen, die moderne Juden im Bereich des geistigen Wirkens und Schaffens und im Interesse der gesummten gebildeten Welt zu Tage gefördert haben. So inachten z. B. hiesige Blätter, als sie den jüngst in Hamburg abgehaltenen Kongreß der Orientalisten erwähnten, ans die werthvollen litterarisch-wissenschastlichen Arbeiten aufmerksam, die Prof. OftPertin Paris in der asshriologischen Sprachwissenschaft geliefert hat. Vor etwa fünfzig Jahren, heißt es daselbst, wußte man noch fast gar nichts von der Existenz einer uralten assyrisch-babylonischen Litteratur, die weitausgedehnt und zugleich auch höchst interessant ist, jetzt sind aber die kleinsten Details darüber von verschiedenen Fachmännern der Welt bekannt gemacht worden. Dies geschah durch die Entzifferung der im britischen Museum sich vorfindenden zahlreichen Tafeln, die man in den letzten Dezennien in verschiedenen Theilen deS Orients aus gegraben hat, welche Entzifferung ganz unmöglich gewesen wäre, hätte nicht Prof. Oppert nebst anderen Gelehrten die Schristzcichen der alten Babylonier und Assyrer zu deuten verstanden. Ein zweites eklatantes Beispiel von der nutzreichen Thätigkeit, die Juden ebenfalls in England auf litterarisch-wissenschaftlichem Gebiete entfaltet haben, lieferten die weltberühmten Bibliotheken im britischen Mnseum sowohl als auch die in Oxford, welch letztere das dreihnndertjährige Jahresfest ihrer Gründung und Entstehung vor Kurzem gefeiert hat. Männer wie Steinschneider, Neubauer, Emanuel Deutsch, Zedner, Goldzieher, Van-Strahlen u. A. haben in den besagten Bibliotheken jahrelang gearbeitet und litterarisch-wissenschaftliche Werke geschaffen, die sehr oft von Fachmännern lobend erwähnt und mit großem Nutzen gebraucht werden. All dies muß den moderen Antisemiten wohl bekannt sein, doch wie gesagt „sie haben Angen, wollen aber nicht sehen".— Augenblicklich wird in einem der ersten Theater Londons ein Stück unter dem Titel Ltsriml Oitz" (Die ewige Stadt) ausgeführt, dessen Ursprung und Entstehung in diesen Blättern erwähnt zu werden verdienen. Das fragliche Theaterstück ist einer gleichnamigen Novelle nachgebildet, die gleich bei ihren» y Erscheinen viel Aufsehen gemacht, und ist daher auch selb M x auf der Bühne sowohl als auch im Buchhandel höchst populär.» > Der Verfasser dieser beiden litterarischen Erzeugnisse nt» ' Mr. Hall Caine, einer der bedeutendsten und gefeiertesten» j englischen Novellisten der Neuzeit, der eine interessante Einleitung» dazu geschrieben, wovon ein Theil ungefähr folgendermaßen! z lautet: I j „Vor etwa zehn Jahren unternahm ich eine Reise nah! , Rußland, mit der Absicht (die ich nachträglich aufgab), ein» < Buch zu schreiben und zu veröffentlichen, das manches von dem» , bunten Thun und Treiben der zeitigen Machthaber in Rußland! § schildern sollte, welche letztere darauf hinzielen, die Juden von! > dort zu vertreiben. Die schauerlichen Szenen, die die dort» c! , Administration zum besagten Zwecke verursachte, und wovon! ich selbst Augenzeuge war, machten einen recht peinlichen und! nie zu vergessenden Eindruck auf mich, und diese tauchten selb)! des Nachts in meinen Träumen wieder lebhaft auf. Einecl Nachts träumte ich, ich hörte auf offener Straße einen rasenden! Juden feiner Frau laut fluchen, weil sie ihn bei der russischen! Polizei als den Rädelsführer einer geheimen aufrührerischen! Gesellschaft Verratheu, nachdem ihr offiziell versichert wurde! daß dies das einzige Mittel wäre, das Leben ihres Gatten zu! retten. Letzterer wollte aber keine Entschuldigung von seiner! heftig schluchzenden und auf den Knien liegenden Frau! aunehmen und fuhr vielmehr fort, sie mit neuen Flüchen z>! überhäufen, indem er sie zugleich auch als ein ganz verworfene! Wesen erklärte, da sie in einem Moment» weiblicher Liebe mir I Schwäche ihre Pflichten ihm selbst gegenüber derart vergas! daß sie ihn in so schmählicher Weise seinen Todfeinden verriet!-! Diese rührende Szene, die ich im Traume gesehen, blnw I nnverwischt in meinem Gedächtnisse, und sie erinnerte mir)! lebhaft an die biblische Geschichte von Simson und Delill! Das ganze Sujet erschien mir derart interessant, daß ich es I gleich nach meiner Rückkehr nach England in einer Novell I litterarisch verwerthete, der ich den Titel /Ille Lterual Litv! gab." — » In letzter Zeit liest mar» zuweilen in den englischen! Tagesblättern größere oder kleinere Berichte, die für jüdisch I Leser keineswegs erbauend sind. So liest man z. B. daselbst! daß jüdische im Osten von London wohnende Frauen in! den Jargonblättern Annoncen veröffentlichen, worin sic! ihre fortgelaufenen Männer auffordern, daß diese sie für Gell- I und gute Worte von dem Ehebündnisse befreien sollen, indem I sie ihnen einen „6et" (Scheidebrief) zuschicken. Ferner, daß! wenn ein solcher Scheidebrief richtig augelangt ist, die betreffe»! den Frauen keine Schwierigkeiten haben, recht „fromme I Landsleute zu finden, die sie, sobald sie einen neuen Man»! gewählt, wiederum für Geld und gute Worte im „Stillen! verheirathen. Und endlich, daß manche dieser sogenannten! „Rabbonim" meist i» dein Polizeibüreau recht gut bekam«! sind, da sie schon zu verschiedenen Malen mit den englischen! Gesetzen in Kollision gerathen sind. —! Der vor wenigeil Monaten in London gegründete! Centra l-V er ein für alle in England bestehenden! j ü d is ch - li t t e r a ri s ch en Gesellschaften, von dem! s. Z. in diesen Blättern ein Bericht erschienen ist, hat nunmeh-! seine Thätigkeit begonnen. Letztere besteht darin, daß ver I schiedene bekannte jüdische Gelehrte in England eingeladen » wurden, ihre Dienste hinsichtlich der Haltung von öffentlichen I

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