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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1902-10-22 · Heft 43 (22.10.1902) · p. Seite 509

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
66 (1902)
Issue
Heft 43 (22.10.1902)
Date
1902-10-22
Page
Seite 509 (sequence 7)
Language
German
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Ein geringer Dankeszoll war es, als drei Lehrer ihm unter Überreichung einer verkleinerten Bronzenachbildung der Mosesstatne Michelangelos die Glückwünsche der ehemaligen Zchüler darbrachten. Wer das freudige Leuchten seilles Auges lei Darbietung dieses kleinen Angebindes gesehen, der empfand es klar, welch edles Herz in dieses Mannes Brust schlägt, dem luard es deutlich, daß hier eine unscheinbare, zuweilen gar barte Schale den echten Kern umschließt. Möchte es dem wackern Manne vergönnt fein, noch lange!l gleich vortrefflicher Weise zum Wohle der Anstalt zu wirken! -»K<- Wieder einmal ein Heim für schwachsinnige Kinder. Von Siegfried R o sen b an ui, Erziehungsinspektor in Repzin. Ms^ls vor etwa zwei Jahren in dieser Zeitschrift Artikel über Lß/M ein Heim für schwachsinnige Kinder erschienen, hörte man von Interessenten vielfach die Hoffnung aussprechen, der fromme Wunsch des Schreibers dieser Artikel möchte in Erüllung gehen. Allein es sind zwei Jahre verflossen — eine ange Zeit —aber ein Heim für geistig zurückgebliebene Kinder ndischen Glaubens besteht noch nicht. Wohl sind Versuche, cin solches zu gründen, gemacht worden, jedoch bisher ohne Erfolg. Da drängt sich doch die Frage auf: Woran liegt dies? Sind nicht jüdische Kinder in genügendem Maße Vorlanden, um eine Anstalt lebensfähig zu erhalten, oder fehlt es m der geeigneten Persönlichkeit, eine solche Anstalt zu leiten, oder aber ist schon in geeigneter Weise für unsere geistig zurückgebliebenen Kinder gesorgt? Ich muß alle diese drei Fragen mit einem entschiedenen „Nein" beantworten. Wohl die meisten mdischen Lehrer haben unter ihren Schülern eines, oder leider oft lnehrere Kinder, die durchaus nicht vorwärts kommen, die einen Hemmschuh für alle anderen besser gearteten Kinder bilden. Da der Lehrer jedoch weiterschreiten muß, um sein Ziel zu erreichen, bleibt das arme Geschöpf zum Theil unberücksichtigt, wird geistig immer schwächer und vegetirt dahin zum Unglück für sich, zum Kummer und Schmerz für seine Familie und jeden Menschenfreund. Kommt das Kind dann noch — und es geschieht ganz sicher — in schlechte Gesellschaft (Schreiber dieses kennt solche Fälle), so wird es zu bösen Streichen veranlaßt, verfällt der Fürsorgeerziehung und endet oft im Zuchthause. Wohlhabende Familien lassen ihren geistig zurückgebliebenen Kindern vielleicht Einzelunterricht ertheilen, jeder Einsichtige aber weiß, daß durch Einzelunterricht niemals fertige Menschen herangebildet werden können. Doch nicht nur dieses allein beweist, daß ein Bedürfniß vorhanden ist, sondern die große Anzahl der in unter christlicher Leitung stehenden Instituten unlergebrachten Kinder. Und dennoch hat bisher kein Pädagoge das Unternehmen gewagt! Woran liegt dies? Fehlt es dem Lehrerstande etwa an dem nöthigen Idealismus, da, wie s. Z. in einem Artikel richtig bemerkt war, der materielle Gewinn kein hoch anzuschlagender sein wird? Ich glaube nicht! Lebt doch der jüdische Lehrer geradezu von Idealen. Vermuthlich scheuen die Lehrer das Risiko, das sie für sich und ihre Familie übernehmen. Wie, wenn ein solches Unternehmen fehlschlägt? Der Betreffende hätte sich nicht nur um seine Ideale, sondern womöglich um sein Brod — vielleicht nur trockenes — gebracht. Oder fehlt es an einer Person, die genug pädagogisches Talent besitzt, solche der Liebe doppelt bedürftigen Geschöpfe zu erziehen? Oder gar, wie Herr Seelig-Nordhausen, in seinem Artikel zu meinen scheint — an einem Lehrer, der genügend praktisch ausgebildet ist für diesen Beruf? Nun auf diese Gefahr hin kann eine solche Anstalt begründet werden. Nicht Alle, um nicht zu sagen Keiner, waren zu Anfang Meister, die es in ihrem Berus zu hoher Fertigkeit gebracht. Da brauchen die Eltern noch nicht zu fürchten, daß ihre Kinder Versuchsobjekte seien. Ein Lehrer, der eine Erziehungsanstalt für schwachsinnige Kinder gründet, dürfte außer angelernter Pädagogischer Fertigkeit noch angeborene Liebe zu den armen Kleinen und Unglücklichen besitzen, und wir wissen ja: die Liebe ist der beste Lehrmeister, und daß der Liebe alles gelingt, wenn sie sich selber bezwingt (omnia viueit amor). Und nun zum dritten Punkte: Ist schon in geeigneter Weise für die jüdischen Schwachsinnigen gesorgt? Es mag ja recht tolerant klingen, wenn in einer christlichen Anstalt die vorhandenen jüdischen Kinder besonderen Religionsunterricht erhalten und sogar geplant wird, jüdische Küche einzurichten. Und dennoch ist dies nicht der Fall! Oder ist das Toleranz, wenn für 7 katholische Kinder ein katholischer Lehrer vorhanden ist, für 11 jüdische aber nicht? Und dann, werden die jüdischen Kinder in den christlichen Anstalten nicht nur „geduldet" sein? Wenn auch nicht von den Lehrern, so doch sicher von einem der Domestiken. Kann einem solchen Kinde nicht dasselbe passiren, was dem Schreiber dieses während der Lehrzeit im christlichen Seminar passirte, daß der Pedell gelegentlich eines unschuldigen Scherzes zu ihm sagte: ..Sie dulde ich doch nur im Seminar!" Davor müssen wir unsere jüdischen Kinder bewahren, und deshalb muß eine Anstalt für geistig zurückgebliebene Kinder gegründet werden. Schon vor Jahren hatte ich die Absicht, ein solches Heim für schwachsinnige Kinder zu gründen. Was mir damals nicht gelang, will ich jetzt aussühren. Wenn erst der Anfang gemacht sein wird, darin wird, so hoffe ich, auch ans dem für uns Juden neuen Gebiete der Fürsorge für schwachsinnige Kinder ein Erfolg winken. Zum 1. April 1903 will ich eine Anstalt eröffnen in einem Vororte Berlins. Natürlich kann es sich zunächst nur nur Kinder bemittelter Elter handeln, die einen Pensionspreis von mindestens 1000 Mark zahlen köirnen und wollen. Um aber auch den unbemittelten Klassen den Segen der Anstalt zu Gute kommen zu lassen, soll bei zehn Zöglingen eine Freistelle eingerichtet werden für ärmere Kinder. Wer von den geehrten Lesern in der Lage ist, zu dem mit Gottes Hilfe erfolgreichen Werke hilfreiche Hand zu bielen, den bitte ich, die später in diesem Blatte erscheinende Annonce beachten zu wollen und Prospekte über die Anstalt zu verlangen. Das Beste wäre ja, eine Anstalt aus freiwilligen Spenden zu errichten, allein dieses dürfte zur Zeit wohl kaum Aussicht auf

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