Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 66 (1902)
- Issue
- Heft 43 (22.10.1902)
- Date
- 1902-10-22
- Page
- Seite 508 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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508 „Die großen Konfektionshäuser in Newyork sind, wie der „Daily Expreß" von dort meldet, infolge des Mangels an Feuerung genöthigt, hren Betrieb einzustellen. 25 000 Personen aus den niedrigsten Schichten der eingewanderten Bevölkerung, darunter namentlich eine große Anzahl osteuropäischer Juden, werden dadurch beschäftigungslos. Da diese Leute in tiefer Armuth leben und durch Arbeitslosigkeit in die äußerste Noth gerathen müssen, werden ernste Unruhen bejürchtet." Diese Befürchtungen sind glücklicherweise grundlos gewesen, da die Beendigung des Riesenstreiks in sicherer Aussicht steht. Gin Dsppeljilbilmnn an der jüdischen Lehrerbildungsanstalt zu Berlin. Von Dr. I. Galliner. s müssen Seminarien angelegt werden, Lehrer für die Schulen, für das Haus, für die Synagoge zu erziehen. Vermittelst guter Seminarien werden die Schulen tüchtige Lehrer erhalten, die einen gleichmäßigen Bildungsgang zurückgelegt und nicht ihr Geschäft als ein gelegentliches Gewerbe betreiben. Dann muß nach und nach der Uebelstand schwinden, daß der Unterricht verschiedener, schnell einander ablösender Lehrer, auf Stückwerk gebauet, durch »nzusammenhängenden Stoff, durch sich widersprechende Prinzipien sich gegenseitig schwächt und stört. Dann werden insonderheit die minder zahlreichen Gemeinden mit größerem Vertrauen der Berufung eines Lehrers entgegensetzen, ihm bei seiner Anstellung bereitwilliger die Hand bieten; die Achtung gegen jüdische Schullehrer wird zunehmen." Was Zuuz in seiner Rede vom 18. November 1840 anläßlich der Eröffnung des jüdischen Seminars erhoffte, es ist in reichstem Maße in Erfüllung gegangen. In kleinen und großen Gemeinden Deutschlands, insbesondere Preußens, wirken ehemalige Zöglinge der jüdischen Lehrerbildungsanstalt zu Berlin als Lehrer und Kantoren und rechtfertigen vollkommen das Vertrauen, das die Gemeinden ihnen rückhaltlos entgegenbringen, gerade weil sie auf der Berliner Anstalt ihre Ausbildung empfangen haben. Mit einem gewissen Stolze können daher die Lehrer auf die Anstalt selbst blicken, die sie fähig gemacht, an der Erziehung der deutschen Jugend mitzuarbeiten, die ihnen aber auch zugleich die Kenntnisse und den Drang vermittelt hat, zur Ehre und zum Heile des Judenthums zu wirken. In freudiger Dankbarkeit gedenken die ehemaligen Zöglinge ihrer Lehrer und nehmen gern die Gelegenheit wahr, ihnen diese bei ihrem Jubiläum zum Ausdruck zu bringen. Am 1. Oktober d. I. konnten zwei Lehrer auf eine 25jährige Thätigkeit am Seminar zurückblicken, Herr Dr. S. Sonnenschein und Herr Marcuse. Beide Lehrer wirken nicht nur durch ihre Unterweisungen, sie stehen vor uns auch als in sich gefestigte ganze Menschen, die ihren Beruf als ein von Gott ihnen übertragenes Amt mit heiligem Ernste, in freier Freudigkeit üben, als Träger eines heiligen Feuers, das sie auch in unserer Seele zu entfachen, zu schüren und zu erhalten sich mühten, aus daß wir befähigt würden — wozu und wohin auch immer Gott uns beriefe — in demselben Sinne der Freiheit und Freudigkeit zu wirken als ganze Menschen wie sie. Es wäre für den Schreiber dieser Zeilen als ehemaligen Schüler eine dankbare Aufgabe gewesen, die Thätigkeit beider Lehrer vergleichend gegenüberzustellen; nachdem aber bereits in der letzten Nummer dieses Blattes Herrn Marcuses Wirken a Seminar geschildert worden,') will ich im Folgenden zeige!,» was Herr Dr. Sonnenschein seinen Schülern ist.! Herr Dr. S. Sonnenschein ist der erste Seminarlehrer, d » seine ganze Thätigkeit nur dem Berliner Seminar gewidm t» hat. Erstreckt sich diese auch auf die verschiedensten Disziplinen,,! so verehren ihn seine Schüler doch besonders als Lehrer d> A Hebräischen. Man muß selbst Zögling der Präparandie g?-I wesen sein, um diesen Meister des hebräischen Unterrichts! werthen zu können. Es ist herzlich wenig, was die jung,,,! Präparanden an hebräischem Wissen mitbringen, und d,s! Wenige hat oft keine Stütze im jüdischen Leben selbst gehabt! Sonnenschein versteht es trefflich, Lehre und Leben zu ve -! einigen, eines durch das andere zu stützen. In der erst,,! hebräischen Stunde einer jeden Woche fragt er nach denl schönsten Stellen des am Sabbath verlesenen Thora- und! Prophetenabschnittes, die ein Jeder nach Belieben sich au-I gewählt und seinem Gedächtuiß als kostbaren Schatz sich ei, I geprägt hat. Und naht ein ausgezeichneter Tag des jüdischen Kalender;! heran, so werden die Zöglinge mit den kleinsten und kleinlichsten Bestimmungen des jüdischen Kultus vertrant gemach, Die Nvthwendigkeit solcher Kenntniß lernen ganz besonders di - jenige» Lehrer schätzen, die in kleinen Gemeinden als Kantor,,, und Neligionslehrer wirken. Wie oft kommt es wohl vor, doch der jnnge Lehrer erst durch genaue Kenntniß des jüdisch, >, Kultus ersprießlich in seiner Gemeinde wirken kan», weil r gerade dadurch das Vertrauen auch derjenigen Gemeinde»,,,- glieder erwerben kann, denen der religiöse Brauch alles ist, d , religiöse Geist wenig oder nichts bedeutet. Doch das Ziel seines Unterrichts geht weit, weit über dos Maß des Nothweudigen hinaus. Bei der Lektüre der prophetisch, ,, Bücher, besonders des Buches Jesaia, bei der Behandlung d> , Psalmen, der Sprüche führt er die Schüler mit wahrhal stamienswerthein Geschick in den Geist, in das Wesen d,r hebräischen Sprache ein. An zahllosen Beispielen zei, t er das Werden und Wandeln der Sprache; jeder Bedeutungswandel, jede sprachlich oder grammatisch interessante Eigenthümlichkeit wird mit Bibelstellen belegt, und dabei werden alle Bücher der hl. Schrift berücksichtigt. So lernten wir die Bibi in ihrer Gefammtheit und bis ins Einzelnste kennen, so wurden wir — mit einem Worte — „bibelfest". Und bei all diesen sprachlichen Studien wurde noch immer genügender Werth aus den Inhalt, ans die Hoheit und Reinheit, die Erhabenheit uiw Größe der religiösen Ideen gelegt. Unser Jubilar Herr Dr. Sonnenschein ist aber nicU nur der Lehrer seiner Schüler, sondern auch zugleich ihr väterlicher Berather. In dieser Eigenschaft unterstützt ihn seine au - gezeichnete Meuschenkenntniß, sein scharfer Blick für die Fehl,, und Vorzüge seiner Schüler. Wird doch die Fähigkeit, sich >n den Zustand junger Seelen hineiiizuversetzen, durch die E - innerung an die eigene Jugendzeit mehr gefördert als dur b noch so große pädagogische Erfahrung. Er, der in sein,, Jugend mit äußerer Noth schwer ringen mußte, richtete von h De», Verfasser des Artikels ist dabei allerdings ein klein., Jrrthum unterlaufen; nicht um ei» Süjähriges Jubiläum handelt -e sich, sondern »m ein 25 jähriges; anch nicht durch eine „Indiskretion" erfuhren die Schüler von dem Jubiläuinstag. sondern durch tn» Direktor Herrn Dr. Holzman, dem sorgsamen Pfleger der Geschickte der Anstalt.