Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 66 (1902)
- Issue
- Heft 42 (15.10.1902)
- Date
- 1902-10-15
- Page
- Seite 3 (sequence 17)
- Language
- German
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3 )en Verein jüdischer Lehrerinnen aufgetreten sei. Es entspann sich ine Debatte über die Berechtigung solch einer Interpellation, einige Damen meinten, Niemand sei verpflichtet, ein Glaubensbekenntniß ab» zulegen. Die Vorsitzende des Bundes, Frau Marie Streit, erkannte jedoch die Berechtigung der Frage an. Frl. Lisch ne vska erklärte, sie sei nur eine prinzipielle Gegnerin konfessioneller Sonderbestrebungen jeder Art innerhalb der Frauenbewegung und werde stets für un* zetheilte, gemeinsame Kraftentfaltnng Vorgehen. Als Menschen achte sie alle gleich, und sie wolle ganz besonders auf die große Arbeit, die n der Frauenbewegung von jüdischen Frauen geleistet worden sei, Hinweisen. Bei der nunmehr erfolgten Vorstandswahl wurde Fräulein öischnevska nicht wiedergewählt. 6. Hürden, im Oktober. Die letzten Tage unseres dahingeganzenen Zahreshaben dereinstso berühmten „frommen Gemeinde" Würben — in politischer Beziehung wenigstens — das Lebenslicht gelöscht. Hürben hat sich mit der Nachbargemeinde Kr u mbach unter iesem Namen zur Stadt vereinigt. Die anläßlich dieser Vereinigung uf den 1. Oktober angesetzten Feierlichkeiten wurden durch anerkennensoerthes Entgegenkommen der Behörden den jüdischen Mitbürgern uliebe bereits am 28. und 29. v. M. begangen und verliefen im Beisein >es Negierungspräsidenten. des Bezirksamtmannes, der sonstigen königichen und städtischen Beamten, der Geistlichkeit aller Bekenntnisse, der lultusvorsteher rc. in glänzender Weise. Dem Gottesdienste in der Synagoge folgte der in der Kirche, und daran schlossen sich die nancherlei sonstigen Festveranstaltungen. Wir wünschen, daß das seit nelen Menschenaltern mnstergiltige Zusammenleben und Zusammenwirken christlicher und jüdischer Bürger der bisher politisch getrennten Gemeinden Krumbach und Hürben für alle Zeiten in der nunmehrigen Bereinigung bestehen bleiben möge. — Wieselten schön diese Harmonie ost zu Tage trat, davon nur ein Beispiel, an das Schreiber dieses gelegentlich seiner Sommerfrische kürzlich in Hürben erinnert wurde. Auf das Hungerjahr 1847 folgte 48 in Bayerisch-Schwaben eine übereiche Ernte. Die Krumbacher und Hürbener Bauern wollten sich mrch einen besonderen Festgottesdienst dankbar erweisen, aber der lnwirsche Pfarrer von Krumbach verweigerte das Oeffnen der Kirche; a wandte man sich an den damaligen Rabbiner Schwarz, und der eranstaltete in der Synagoge, nachdem die Bauern mit ihren eschmückten Erntewagen vorgefahren, einen noch heute von den Alten Mel besprochenen Dankgottesdienst. Vieles dergleichen ließe sich noch rzählen — wenn der Verfasser Ihrer „Reiseplaudereien" einmal n das vormalige Hürben käme, er entdeckte dort eine wahre Fundgrube fesselnden Stoffes aus alter und neuer Zeit. Und von dieser letzteren möchte ich zum Schlüsse nur das in diesem Sommer rbaute Münchener Ferienheim erwähneil, um das sich nicht nur Münchener Herren und Damen, sondern auch die Hürbener Frauen ganz besonders verdient gemacht haben. ---- Neu-UlM, 12. Oktober. Der hiesige Bürgermeister Kolliiaun hat an den neuernannten Bischof von Augsburg, Dr. Lingg, us Anlaß von dessen erstem Besuch ein Begrüßungsschreiben gerichtet, ur dem er von dem Stifter des Christenthums sagt, daß dieser „einer rerz losen, kurzsichtigen, selbstgefälligen und von liebeleerem Höhenwahu erfüllten jüdischen Büreaukratie, Hierarchie und Weltweisheit, die später seinen Geist mit einem Leibe am Kreuze zu vernichten versuchten, eine ruf den Flügeln des Glaubens und der Liebe sich aus dem Sumpfe! -meiner Sinnlichkeit emporhebende Sünderin als Jdealgestalt hin- ' ellte mit dem göttlichen Worte: „Ihr wird viel vergeben, weil sie ' el geliebt hat." Wenn es iu dem Schreiben des Herrn Bürgermeisters lveiterheißt, daß die „magna ellaita wahrer, allgemeiner Freimut, der Grundfaktor der Kultur und des Fortschrittes die Thatsache daß wir eine Religion mit dem Gesetze der Liebe besitzen," so muß man doch andererseits sagen, daß diese Religion der Liebe doch unmöglich darin bestehen könne, die Religion, aus der sie selbst hervoregangen, irr solcher Weise anzugreifen, wie es indem obenerwähnten Aassus geschieht. Oesterreich - Ungarn. LH Wien, 13. Oktober. Das Jubiläum unseres Kultusvorstehers, oes kaiserlichen Raths Kling er,'ist in sehr würdiger Weise gefeiert worden. Auch der Ministerpräsident und der Statthalter haben in herzlichem Schreiben gratulirt. In dieser Woche steht uns noch das Jubiläum eines nicht minder verdienstvollen Mannes bevor, des Bauraths Wilhelm Stiaßny. Ich komme in der nächsten Woche ausführlicher darauf zurück. — Während die Antisemiten noch immer in Entrüstungsorgien über den jüdischen Defraudanten Jellinek schwelgen, kommt aus Prag die Nachricht voll den kollossalen Unterschlagungen des klerikal-tschechisch-antisemitischen Monsignore Dzord, die 4 Millionen Kronen betragen. Der fromme Herr war also dem ketzerischen Juden noch über. Ist das nicht die reine Chadgadja? — Interessant ist der Bericht des ungarischen Ministeriums des Innern über die Magyarisirung der Namen im ersten Halbjahr 1902. Am unzufriedensten scheinen danach die Kohns mit ihrem Namen zu sein, da in der ersten Hälfte des Jahres 1902 alles in allem 95 Kohns neue Namen annahmen. Die Glücklichen! — In Sera je wo fand in der vorigen Woche die Einweihung des neuen Tempels der österreichischungarischen Kultusgemeinde in Gegenwart der Behörden und vieler Notabelen in festlicher Weise statt. Rabbiner Dr. Wessel hielt eine glänzende Rede, die allgemein tiefe Begeisterung hervorries. üelgien. H. Brüssel, im Oktober. Am 28. v. M. fand in der hiesigen Synagoge eine Seelenseier für die verstorbene Königin Marie Henriette statt. Das Innere der Synagoge war ganz mit schwarzem und silberdurchwirktem Tuch ausgeschlagen, unzählige Gasflammen erhellten das Gotteshaus, und bot dieses einen sehr feierlichen Allblick. Die Synagoge war gedrängt voll. Die königliche Familie war durch hohe Würdenträger, welche iu voller Uniform erschienen waren, vertreten. Von dem Vorstand der jüdischen Gemeinde waren anwesend die Herren Baron Lambert de Rothschild, Consul Franz Philippsoll, Senator Sam. Wiener rc. Die Feier war sehr eindrucksvoll. Nachdem der Chor billige Psalm?» gesungen und der Vorbeter die üblichen Gebete recitirt hatte, hielt Herr Armand Bloch, 6ran<1 Uabbm de IZelgilino, eine ergreifende Rede, in der er die große Herzensgute der Königin hervorhob, und wie sie während beinahe fünfzig Jahren mit den Freuden und Leiden ihres Volkes eng verbunden war. Mit Wünschen für das fernere Wohlergehen Belgiens schloß der Rabbiner seine Rede, welche auf alle Anwesenden einen tiefen Eindruck machte. — Am zweiten Neujahrstage hielt Herr A. S chw a r z, der neue Orand Habbiu de UruxelteZ, seine Antrittsrede, welche allgemeinen Beifall fand. Non Nah und Fern. — Der Präsident der Handelskammer, Geheimer Konunerzienrath Wilhelm Herz, feierte am 10. d. M. seine goldene Hochzeit. Er entzog sich allen ihm zugedachten Ehrungen durch eiue Reise nach Düsseldorf. Wie der „Conf." erfährt, hat der Jubilar 10 000 Mark der Handelskammer zur Unterstützung bedürftiger Kaufleute gestiftet. Eine gleiche Summe ist der Korporation der Aeltesten überwiesen worden. — Am 6. d. M. ist hier der praktische Arzt Dr. Carl Saulmann im 44. Lebensjahre gestorben. Er war Vereinsarzt der Gesellschaft jüdischer Handwerker und Künstler zur Unterstützung in Krankheitsfällen. — Am 6. d. M. ist hier der Musiklehrer und Chordirigent Ely Philipp Marcus im 79. Lebensjahre verschieden. — Die Beschlagnahme der Broschüre von Paul Koch „Der Nitnalmord, eine Forderung des Alten Testaments", ist. wie die „Deutsche Hochwacht" mittheilt, lediglich deshalb erfolgt, weil der Name des Druckers gefehlt hat — ja nicht etwa wegen des eine anerkannte Religionsgesellschaft verletzenden Inhalts. Am 8. d. M. ist der Hauptmann der Landwehr Julius Stern aus Posen im Alter von 61 Jahren gestorben. — Zum Rabbiner in Schildberg wurde Dr. Kraus in Schönlanke gewählt. — Zum Waisenhausiuspektor sür das Waisenhaus der Wolffsohn'schen Stiftung in Jnowrazlaw wurde der Kantor und Lehrer I. H. Alexa über - Pr. Friedland gewählt. — Am 2. d. M. ist in Breslau während des Gottesdienstes der Chordirigent der alten Synagoge, Ignatz I äger, am Herzschlag gestorben. Derselbe war früher Opernsänger. — In Köln ist im Israelitischen Asyl der frühere Lehrer JsaacSteinweg ans Lüdenscheid im Alter von 76 Jahren am 30. v. M. gestorben. — Die Wahl des Rabbiners Dr. Bamberger-Schrimm in Ki ssinge n wurde endgiltig bestätigt. — Wegen der Czenstochauer Krawalle enthob das russische Ministerium den Pölizeimeister und den Kreischef in Czenstochau ihrer Aemter, weil sie in der Benachrichtigung an den Warschauer- Gouverneur vom Ausbruch des Krawalls nachlässig waren. — Die bisherigen jüdischen Lordmayors von London waren Sir David Salomons, Benjamin Philipps, Sir Henry A. Isaaks (1889/90) und