Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 66 (1902)
- Issue
- Heft 42 (15.10.1902)
- Date
- 1902-10-15
- Page
- Seite 2 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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2 1<p. Aus der Provinz Posen, im Oktober. Der bisherige Kuliusbecunte Hehmann in Adelnau ist als Kantor an die Synagogengemeinde in Grätz berllfen worden. — In Posen ist der Begründer des dortigen Kreditvereins, Herr W. Rothh olz, gestorben.— Der Kantor Go rd on inW o l l stein ist zum zweiten Kantor der Brüdergemeinde in Posen gewählt worden; die Gemeindevertretung in Wollstein hat dem scheidenden Kantor, der dort 16 Jahre lang amtirte, einen Pokal zum Andenken geschenkt. — Kaufmann Jacob Unger in Schildberg ist zum Schriftführer des Stadtverordnetenkollegiums gewählt worden. (D Insterburg, 3. Oktober. Anläßlich der Einweihung der hiesigen katholischen Kirche durch den Weihbischof Dr. Herrmann hatte unser Rabbiner Dr. Beermann Gelegenheit, in einerbesonderen Audienz seine Glückwünsche darzubringen. In seiner Ansprache gab er der Hoffnung Ausdruck, daß die neu erbaute Andachtstätte eine der Felsenburgen werde, an denen sich der Wogenschwall verderblicher Zeitströmungen breche, und daß aus diesem neugegründeten Heiligthum der Geist der Duldung und Menschenliebe eindringe in die Herzen und Gemüther der Gläubigen. Sichtlich gerührt und tief ergriffen antwortete der Bischof, daß ihm mit jedem dieser Worte aus tiefster Seele geredet sei; es gäbe für die verschiedenen Religionen wohl verschiedene Wege, aber ein Ziel: die sittliche Läuterung der Menschheit. Unter wiederholter Versicherung herzlichen Dankes entließ der Weihbischof den Rabbiner. ---- Hannover, 9. Oktober. Ein Akt vornehmer Rücksichtnahme auf die ungestörte Ausübung des jüdischen Gottesdienstes seitens eines hohen Militärs in unserer Stadt verdient Erwähnung in der Oeffentlichkeit. Es war am zweiten Tag Nosch haschonoh, als die Kapelle des Königs-Ulanen-Negiments Nr. 13 dem Kommandeur der zwanzigsten Kavalleriebrigade Generalmajor v. Pfuel anläßlich seines Geburtstages vor dem „Fürstenhofe" an der Langestraße, in dem der Herr Generalmajor wohnt, ein Ständchen bringen wollte. Ganz in der Nähe des Fürstenhofes aber befindet sich auch die Synagoge. Als nun unter großem Alldrange des Publikums die Militärkapelle ihr reichhaltiges Programm zu absolviren im Begriffe war, und in der benachbarten Synagoge zu dieser Stunde gerade die Predigt begonnen hatte, in deren Andacht die Zuhörer durch die Musik natürlich gestört wurden, meldete sich der erste Vorsteher der Synagogengemeinde, Senator Fischer, bei dem Jubilar, der dem Herrn Generalmajor von dem Sachverhalt Mittheilnng machte. Sofort gab Generalmajor v. Pfuel Befehl, das Ständchen abzubrechen, eine Anordnung, die natürlich sofort befolg! wurde, und die lebhafte Zustimmung und dankbare Anerkennung nicht nur der Theilnehmer des Gottesdienstes, sondern auch des umstehenden Publikums aller Konfessionen fand. Kiel, 2. Oktober. Das Kriegsgericht des ersten Geschwaders verhandelte gegen den Stewardmaat Petzold vom Linienschiff „Kaiser Wilhelm 11/ wegen Beleidigung des jüdischen Matrosen Mar Hirsch, den er an Bord beschimpft und „Judenjunge" genannt hatte. Der Vater des Hirsch reichte eine Klage beim Kommando des ersten Geschwaders ein, und der Gerichtsherr erhob Anklage gegen den Petzold wegen Beleidigung. Da Petzold dem Hirsch die Beschimpfung nicht direkt ins Gesicht gesagt, sondern Anderen gegenüber gebraucht hatte, erkannte das Standgericht auf die Mindeststrafe. Der Verurtheilte legte Berufung ein und beantragte seine Freisprechung mit der Begründung, daß er nicht die Absicht der Beleidigung des Hirsch gehabt habe, und der Matrose an Bord allgemein „Jndenjunge" genannt werde. Die als Zeugen erschienenen Kameraden des Hirsch bestritten entschieden, daß dieser an Bord mit dem Schimpfnamen gerufen werde. Hirsch hat sich zwar im jugendlichen Alter eine Verfehlung zu Schulden kommen lasfeu, aber beim Militär sich gut geführt und keine Strafe erlitten. Das Gericht verwarf die Berufung des Angeklagten als unbegründet, da Petzold objektiv eine Beleidigung ausgesprochen habe. Es bedauerte gleichzeitig, daß es nicht in der Lage sei, die vom Standgericht erkannte Strafe zu erhöhen, weil der Gerichtsherr keine Berufung eingelegt habe, andernfalls hätte es die Strafe des Petzold erhöht. X Frankfurt a. M., 10. Oktober. Der Kongreß zur internationalen Bekämpfung des Mädchenhandels hat natürlich auch für uns eine ethische Bedeutung. Dem Kongreß ging am 7. d. M. eine deutsch-nationale Konferenz voraus, die von dem Vorsitzenden des deutschen Komitees, Kammerherrn Grafen Keller, eröffnet wurde. Er sprach seine Freude aus, daß Bekenner verschiedener Religionen und Konfessionen, Männer und Fraueil, sich zu dieser ernsten Arbeit zu sammengefunden haben. Zum Schluß wendet sich Gras Keller speziell all die Vertreter der Presse, indem er vor allem den vollständig unpolitischen und interkonfessionellen Charakter der Veranstaltung betonte. Sanitätsrath Dr. Maretzki schilderte ausführlich die Thätigkeit des jüdischen Zweigkomitees nnd „das vom Osten ausgehende Elend". Zu seiner Bekämpfung haben jüdische Verbände schon vieles gethan. Eine Ergänzung wichtigster Art soll ihre Arbeit finden durch die Verbände jüdischer Frauenvereine. In das Präsidium des Kongresses wurde u. A. auch Herr Sanitätsrath Dr. Maretzki berufen. An den Verhandlungen, auf die wir noch zurückkornmen, nahm Herr Rabb. Dr. Werner-München regen Antheil. ferner der Advokat Ferdinand Dreysus-Paris, der das französische Nationalkomitee vertrat, Frau Malvine Fuchs für Ungarn und Fräulein Heymann für Hamburg. t. Frankfurt a. M., 2. Oktober. Am 28. v. M. wurde hier das nelle Heim für jüdische Krankenpflegerinnen emgeweiht. Eine große Zahl Eingeladeuer füllte die festlich geschmückten Empfangsräume. Die Feier wurde mit einem Chorgesang von den Schülerinnen des Philanthropin eröffnet. Dann folgte die Festrede, welche der Vorsitzende des Vereins für jüdische Krankenpflegerinnen, Dr. med. Kirchheim, hielt. Der Redner betonte, daß, wie bei jedem Familienfeste die Gegenwart von Verwandten und Freunden das Fest verschönere, so auch an diesem feierlichen Tage durch die rege Theilnahme der Freunde des Vereins eine höhere Weihe gegeben werde. Obwohl die heutige Frauenwelt sich mit kühnem Muthe bisher ihr verschlossene Berufszweige erobert, so bleibe doch die Krankenpflege das ureigenste Gebiet, auf dem die Frau die ihr innewohnenden glücklichen Eigenschaften der Sanftmuth, der Geduld und des hingehendsten Mitleids für den Nächsten am schönsten bethätigen könne. Redner sprach dann über die Geschichte der Vereinsbestrebungen und führte aus, daß vor 12 Jahren die ersten jüdischen Mädchen aus gebildeten Kreisel! zur Erlernung der Krankenpflege in das hiesige Gemeindehospital eintraten und schöne Erfolge erzielten, so daß 1892 schon sieben ausgebildete Schwestern ihres Amtes walten konnten. Bereits 1893 wurde ein Verein für jüdische Krankenpflegerinnen ins Leben gerufen, der bald eine große Mitgliederzahl gewann. Dies Beispiel fand bald daraus in Berlin Nachahmung. Auch in Köln wurden für den Verein Schwestern allsgebildet, später jedoch dort ein eigener Verein gegründet. Bisher wurden 43 Schülerinnen ausgenommen, von denen im Laufe der Jahre aus verschienen Gründen einige austrateu oder entlassen wurden, zwei entriß der Tod. So beträgt die Zahl der Schwestern gegenwärtig 24, von denen 13 in der Privatpflege, 1 oder 2 in der Armenpflege thätig sind. Im hiesigen israelitischen Gemeinde- Hospital, im Gumpertzschen Siechenhanse und im deutsch-israelitischen Krankenhanse zu Hamburg walten die Schwestern des hiesigen Vereins theils als Oberinnen, theils als Pflegerinnen ihres Amtes mit Erfolg. Zum Schluß gedachte der Redner der Gründer des Vereins, die den heutigen Tag nicht erleben dursten, und empfahl den Anwesenden, die Zwecke des Vereins eifrig zu fördern. Hierauf dankte Landgerichtsrath Dr. Sommer, der bekannte Studieugenosse unseres Kaisers in Kassel, in herzlichen Worten dem Vorredner, indem er hervorhob, daß nicht den Erschienenen der Dank gebühre, dieselben seien vielmehr gekommen, denen Dank zu zollen, die mit Selbstverleugnung aus reiner Menschenliebe in die Wohnungen der Armen und Kranken gehen, um dort Schmerzen zu lindern und mit den Familien sorgenvolle Stunden und Tage zu verleben. Die Schwestern kommen als Fremde in das Haus, aber bald gehören sie zu den Geliebtesten, sie fühlen mit den Betrübten und jubeln bei jeder glücklichen Wendung der Krankheit; darum gebühre auch ihnen der wärmste Dank aller derer, die ihr segensreiches Wirken kennen gelernt zu haben. Dann folgte ein Schlußgesang des Mädchenchors nnd hierauf die Besichtigung des Hauses, dessen schöne und zweckmäßige Einrichtung den Beifall aller Sachkenner findet. Hoffentlich trägt die würdige Feier dazu bei, den Kreis der Theilnehmer an diesem edlen Werke der Menschenliebe ansehnlich zu vergrößern. o. Wiesbaden, 8. Oktober. In dieser Woche fand hier der Verbandstag des Bundes deutscher Frau eil vereine statt, von dem ich Ihnen ein interessantes Intermezzo mittheilen möchte. Vor der Neuwahl des Bundesvorstandes kam es nämlich zu einer Interpellation von Fräulein Schn e e-Bromberg darüber, ob es richtig sei, daß Fräulein Li sch ne vska-Berlin antisemitischen Tendenzen huldige, da eine Feststellung dieses Punktes vor einer eventuellen Wahl in den Vorstand nöthig sei. Sie habe gehört, daß Fräulein Lischuevska gegen