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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1902-10-15 · Heft 42 (15.10.1902) · p. Seite 504

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
66 (1902)
Issue
Heft 42 (15.10.1902)
Date
1902-10-15
Page
Seite 504 (sequence 14)
Language
German
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504 „Sie haben jedoch Busch als Anhänger von Karl Marx geschildert, und dieser war ja ein großer, scharfsinniger Gelehrter, der nur Zahlen und Thatsachen im Auge behielt, mit lebendigen Menschen und den sozialen Entwickelungsgesetzen sich befaßte. Marx wußte doch wohl klar und genau, was er wollte." „Auch Marx." antwortete Zola, „war nur ein Dichter und sonst nichts. Doch giebt es Dichter verschiedener Art. Der Eine ist naiv und unwissend, und der Andere besitzt eine tiefe und umfassende Gelehrsamkeit. Zu diesen letzteren gehörte Karl Marx." Es kam die Rede auf 1^6 ckoeteniwelcher vor Kurzem erschienen war. Ich äußerte Zola gegenüber meine Meinung, daß in den wundervollen Stellen des Buches, wo Pascal seine Anschauungen über die Physiologie und Biologie des Menschen vorträgt, Wissenschaft und Poesie verflochten seien. Wollte nun Zola hier eine naturwissenschaftliche Theorie vortragen, so war ja das ganze Aufgebot von schöpferischer Phantasie, von poetischer Uebertreibung und dichterischem Schwung überflüssig. Sollen das aber poetische Ergüsse über das Geheimniß des Werdens und Vergehens darstellen, wozu dann die letzten Resultate der exakten Wissenschaften Hineinmengen? Daraus antwortete Zola: „Nicht nur die Forscher im Laboratorium, sondern auch wir srei schaffenden Poeten bringen die Wissenschaft vorwärts. Wie viele Wahrheiten sind nicht in der Welt entdeckt worden, nicht als Resultate der mit Beobachtung und Experiment arbeitenden Forschung, sondern vermittelst der dichterischen Intuition. Wir Dichter ahnen Vieles in der Welt voraus, was nachher durch die experimentelle Forschung und Untersuchung bestätigt wird." , Ich machte die Bemerkung, daß die Liebe des jungen Mädchens zu Pascal, der ein Greis ist, unnatürlich sei. „Ich kann bezeugen," antwortete Zola, „daß eine solche Liebe gar nicht so unnatürlich ist; im Gegenthsil, es kommt in derWelthäufig vor, daßjungeMädchen ihre leidenschaftliche Liebe bejahrten Männern widmen, die entweder als Gelehrte oder als bedeutende Dichter sich Ruhm erworben haben. Freilich habe ich dieser Liebe einen Zug voll Ueberschwänglichkeit verliehen, und es freut mich, daß Sie das herausgefühlt haben. Durch diese Liebe wollte ich nämlich die Liebe Frankreichs zur Wissenschaft und Arbeit symbolisiren. In dem jungen, kraftvollen Mädchen ist Frankreich verkörpert, der Greis Pascal stellt die Wissenschaft dar; nach seiner Allsicht kann Frankreich sich von seinen Wunden erheben nur durch liebevolle Hingabe an die Wissenschaft, die Arbeit und die Gerechtigkeit. Wäre die Liebe zwischen Pascal und Clotilde gewöhnlich und alltäglich, dann käme meine Tendenz welliger zum Vorschein." Zola sprach eifrig und unterbrochen mehr als eine halbe Stunde, um alle meine Einwände zu widerlegen und sein Werk zu rechtfertigen. Nachher, während des Drehfus- Prozesses, war ich erstaunt, den Zeitungen zu entnehmen, daß Zola kein Redner sei. Ich erinnerte mich noch, mit welch großem Eifer er bemüht war, jede Einzelheit klar auseinanderznsetzen lind allen Einwürfen auf mehrfache Weise zu begegnen. Zola sprach mit Feuer, mit maßvoller, betonter Gestikulation, fließend und sehr schön. Doch giebt es Menschen, die im engen Kreise über eine hinreißende Beredsamkeit verfügen, vor einem größeren Publikum aber, vom „Kanzelsieber" überwältigt, stecken bleibeil. Plötzlich unterbrach Zola sein interessantes und anregendes Gespräch und fragte mich, ob etwas von seinen Werken ins Hebräische übersetzt sei? Ich antwortete, meines Wissens seien in hebräischer Uebersetzung erschienen ein Aufsatz Innere et 1e sang, voll Herrn J.L. Trachtmanil,fernersein Aufsatz überdieTagespresse voll dem Schreiber dieser Zeilen, endlich ein Kapital aus I/sr§6iit, von Ben-JehudainJerusalem übertragen. Zola notirte sich meine Angaben und bat mich, ihm die drei Übersetzungen zuzusenden, die er in seiner Bibliothek aufbewahren wollte, wo sich je ein Exemplar voll allen Uebersetzuugeu seiner Werke befindet. (Nach meiner Heimkehr willfahrte ich seinem Wunsche.) Zola erzählte uns, daß auch die jüngsten Literaturen Uebersetzuugeu seiner früheren und neueren Werke aufweisen. Davon sprach er ohne einen Funken von Prahlerei wie über fremde und gleichgiltige Dinge. Ein echter Franzose, wie er war, verließ ihn sein feilles Taktgefühl nicht, auch wenn er voll sich und seinem litterarischen Schaffen sprach. Von den neueren französischen Schriftstellern lobte er nur Paul Bourget und Paul Alexis, seinen eigenen Jünger. Als er auf die Dekadenten zu sprechen kam, äußerte er seinen Schmerz über diese literarische Verirrung. Unser Gespräch über Zolas Werke und über die Literatur im Allgemeinen hatte mehr als eine Stunde in Allspruch genommen. Nie zuvor war mir eine solche Liebe zum Schriftstellerberuf, ein solch fester Glaube an die Macht des Wortes entgegengetreten. Wir gingen. Zola begleitete uns die Treppe hinunter und verabschiedete uns mit jener wahrhaft französischen Liebenswürdigkeit, die im Grunde fabelhaft ist und in der Wirklichkeit so selten vorkommt. Die Stunde, die ich bei Zola verbrachte, werde ich niemals vergessen. Ich erkannte, daß nur Beschränktheit und Mißgunst ihn verkleineren und hcrabsetzen konnten. Wer, billige Worte mit ihm gesprochen hatte, mußte einseheu, daß diesen Mann eine höhere moralische Kraft, vor allen Dingeil aber eine feurige Wahrheitsliebe beseelte. Ich neidete Zola weder seinen Weltruhm noch seinen Reichthum und Glanz; ich beneidete ihn nur um seinen eisernen Willen und um seine große Arbeitsliebe, eine Liebe, die die Vorsehung nur ihren Auserwählten zu Theil werden läßt. Litterarifche Mittheilungen. Der jüdische Sagenschatz des Mittelalters ist ein Dornröschen, das seiner Wiedererweckung aus tiefem Schlafe noch harrt. Ein kundiger Bergmann hat sich nun all die Hebung dieser Schätze gemacht, um sie vor oem Versinken in die Nacht der Vergessenheit zu retten. Professor Dr. Bernhard Kuttner giebt unter Benutzung des vorhandenen Qnelleumaterials im Verlage von I. Kanffmann, Frankfurt a. M., eine Sammlung „Jüdische Sagen und Legenden" Heralls, deren erstes Bändchen uns fertig vorliegt. Bei der viel beklagten Jugendschriftennoth ist es eine glückliche Fügung, daß die Arbeit in tüchtige pädagogische Hände gelegt ist; denn es gehört der Takt eines erfahrenen Jugendbildners dazu, um hier die vielen Klippen und Stromschnellen geschickt zu umschiffen. Das ist, soweit die Sammlung vorliegt, dem Verfasser auch gelungen, jedoch muß mit dem Endurtheil bis zum zum Erscheinen der anderen Hefte noch zurückgehalten werden. Wir sehen der Fortsetzung des werthvollen Werkes — über den Umfang wird leider nichts gesagt — mit Spannung entgegen. Bernhard Traubenberg. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.

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