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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1902-10-15 · Heft 42 (15.10.1902) · p. Seite 503

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
66 (1902)
Issue
Heft 42 (15.10.1902)
Date
1902-10-15
Page
Seite 503 (sequence 13)
Language
German
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503 waren mit äußerst werthvollen Erzeugnissen der Kunst und des Gewrrbefleißes ungefüllt. Die Möbel waren nach den Stilen verschiedener Zeiten und Länder gearbeitet. Orient und Occident, die antike und die moderne Welt gaben sich hier ein Stelldichein. Die kostbaren Gobelins und die buntgewirkten Seidengewebe mochten wohl des Hausherrn Lieblingsgegenstände sein. Die Gemälde an' den Wänden waren wenig zahlreich, aber alle waren Schöpfungen hervorragender Meister. An allen Ecken und Enden bemerkte ich hübsche, kleine Sächelchen, niedliche Erzeugnisse der künstlerischen Laune. In diesem Reich waltete offenbar die Phantasie eines Dichters. Einen solchen Prunk hatte ich nie zuvor gesehen, auch nicht in den Behausungen der jüdischen Magnaten, deren glänzende Wohnungseinrichtungen unter Sachkennern sprichwörtlich geworden sind. Unwillkürlich sagte ich mir im Stillen, daß dieses Hausgeräth nicht für das Zeilenhonorar eines hebräischen Schriftstellers gekauft worden ist. Ein jeder Stein an der Wand, eine jede Faser an den Geweben verkündeten laut: „Jedes Wort — einen Thalcr!" Nilall de sseisli. Wir hatten nur wenige Minuten gewartet, als die Thür sich leise öffnete und Zola raschen Schrittes hereinkam. Er reichte uns mit liebenswürdigem Lächeln die Hand zum Gruße. Ich beobachtete seine Gesichtszüge mit Aufmerksamkeit und war erstaunt zu bemerken, daß alle Photographien, die ich von ihm gesehen hatte, und die aus verschiedenen Perioden und Orte» herrührten, ungenau waren. In den Photographien sucht man vergebens nach dem Ausdruck höherer Menschlichkeit, nach dem göttlichen Funken des Genies, das in diesem Menschen wohnt. Aber als ich jetzt diese Physiognomie unmittelbar vor mir sah, gewann ich die Ueberzeugung, daß der photographische Apparat unzulänglich war, alle ihre Feinheiten festzuhalten. Zola war von mittlerer Statur, sein Gesicht war nicht schön, drückte aber große Energie und entschiedene Willenskraft aus. Die Stirn war nicht hoch, das Haar kurz geschoren. Der Blick war scharf und schien den Angeredeten zu durchbohren. Die Nase war gerade und die Lippen fast zart; zuweilen huschte über sie ein Lächeln bitterer Ironie. Auf den Photographien erscheint Zola korpulenter und kräftiger, als er in Wirklichkeit war. Seine Bewegungen waren hurtig, und er sprach mit großer Geschwindigkeit. Man merkte, daß sein Hirn rasch arbeitete; ein Gedanke jagte den anderen, so daß die Sprachorgane ihnen nicht Schritt halten konnten. Wir sprachen zunächst über den Roman ll'^rgsnt, in welchem Zola zwei einander entgegengesetzte jüdische Typen geschildert hat: Gundermann (Rothschild) und Busch. Diese zwei Judengestalten sind gleichsam die entgegengesetzten beiden Pole unserer kleinen großen Welt. Gundermann, der Milliardär, in dessen Kasse wie in einen Ozean die Goldströme der ganzen Welt sich ergießen, ist für seine Person außerordentlich genügsam; ein Magenleiden hindert ihn, etwas anderes als ein Stück Brod und ein Glas Milch am Tage zu genießen. Wenn er eine Weinbeere aussaugen darf, ist das ein Lucullusinal für ihn. Jeder leibliche oder geistige Affekt ist ihm vollständig fremd. Das Steigen und Sinken der Kurse beherrscht uugetheilt sein Denken und Fühlen, seinen Geist und seine Seele. Für ihn ist die ganze Welt ein großer Börsenmarkt, der nur für ihn, das heißt für seinen Geldbeutel, existirt, und diese ganze Welt gewährt ihm nicht den geringsten Genuß. Doch Gundermann liebt nicht das Gold um des Goldes willen. Nicht das blinkende, harte, blitzende Metall mit dem angenehmen, Hellen Klang ist es, woran sein Herz hängt. Auch ist er kein Geizhals, der ängstlich den Sack mit den Golddukaten überwacht. Er zählt nicht Goldmünzen, sondern Staats- und Bankpapiere schlüpfen knisternd durch seine fieberhaft zitternden Finger. Vermögen, Besitz, die materielle Grundlage des menschlichen Glücks und Wohlergehens im Leben, ist in Gundermanns Augen nichts Greifbares, sondern stellt sich ihm dar als abstrakte Ziffernkolonne. Wenn er mit flinken Fingern einen Hausen Aktien abzählt, sieht sein Auge nicht di» sich ins Unendliche dehnenden Schienen, noch die Erz- oder Kohlengruben, die Tausende Dampf- und elektrischer Maschinen, die Fabrikwerkstätten und die Arbeiter — ihm schwebt nur der abstrakte Werth vor; es ist ihm gleichgiltig, ob die durch dis Aktien symbolisirten Gegenstände eine materielle Existenz haben oder nicht. Gundermann ist der Philosoph des Geldes, er liebt das Geistige am Geld», dessen Macht und Herrschergewalt; alles was er thut, thut er er mit Ueberleguug, mit Gelassenheit und klarem Sinn. Wonach er strebt, das ist nicht, rasch einen großen Besitz anzuhäusen, sondern, die Herrschaft über den Geldmarkt in den Händen zu behalten. Zola hat diese Figur mit vollkommener Objektivität, ohne Retonche oder Nachdunkelung, ohne Uebertreibung nach der einen oder der anderen Seite gezeichnet. Der jüdische Bankier tritt vor uns hin mit allen seinen Vorzügen und Untugenden, mit allen Licht- und Schattenseiten. Sieht man jedoch näher zu, so wird man gewahr, daß der französische Erzähler von einer tiefen, wenngleich unbewußten Hochachtung erfüllt ist vor Gundermanns beinahe asketischer Lebensweise, seiner nüchternen Berechnung, seinem energischen Willen und seiner inneren Ruhe und Ausgeglichenheit. Sigmund Busch, der zweite jüdische Typus in ll'argont, ist ein Jünger von Karl Marx. Busch ist ein Denker und nach Zolas Begriffen — der. wie die meisten Franzosen, außer seiner Muttersprache keine andere veersteht — auch im Besitze einer bedeutenden und umfassenden Bildung; er versteht nämlich außer Französisch auch noch Deutsch, Englisch und Russisch. Busch ist ein vergeistigter Mensch, Träumer und Schwärmer. Die Herrschaft des Kapitalismus ist ihm ein Gräuel, er ist von dem unerschütterlichen Glauben au die erlösende Kraft des Kollektivismus durchdrungen. Seine Gedanken über die zukünftige Gesellschaftsordnung sind unklar und verworren, er glaubt hoch und heilig, daß die Börse und ihre großen und kleinen Priester eines schönen Tages von der Welt verschwinden und Gerechtigkeit und Liebe herrschen werden. Ich fragte Zola, warum er Busch als einen von leiblichen und seelischen Leiden heimgesuchten Menschen und seinen Meister Marx als Phantasten und Romandichter geschildert habe. Warum muß Busch seine Ansichten über die Börse vortragen in dem Moment, da er, vom Nerveufieber geschüttelt, in den letzten Zügen liegt? Busch schien mir nicht aus der Wirklichkeit gegriffen, sondern wie eiu Schatten unter den anderen lebenswahren Gestalten des Buches umherzuwandeln. „In Wirklichkeit," antwortete Zola, „ist Busch nur ein kranker Phantast. Er ist kein sozialer Denker, sondern ein sozialer Dichter. Er steht in gar keinem Zusammenhang mit der harten Wirklichkeit, mit den Thatsachen und lebendigen Vorgängen, sondern lebt in einer eigenen Welt, die er sich in seiner lauteren, edlen Seele geschaffen hat. Im Allgemeinen sind nach meiner Ansicht alle kollektivistischen Weltverbesserer nur Träumer und Phantasten und keine Realpolitiker."

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