Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1902-10-15 · Heft 42 (15.10.1902) · p. Seite 502

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
66 (1902)
Issue
Heft 42 (15.10.1902)
Date
1902-10-15
Page
Seite 502 (sequence 12)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3224737-3228473-3228516--59130-3295629
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

ö02 Herren an ihrer Spitze, die Träger der amtlichen Abzeichen durchschritten das Seitenschiff. Mit dem Eindruck, den dieses Blendwerk vergoldeter Pracht und prächtiger Staatskleider auf Frau Cohn machte, verband sich eine schmerzliche Erinnerung der Tage, in denen sie als Gattin eines Stadtraths wenigstens den Saum dieses fremdartigen, geschichtlichen, englischen Lebens berührt hatte. Von außen konnte man das kreischende Getön von Dudelsäcken hören. Jener ausländische, halbbarbarisch schrille Laut schien in diesem Augenblicke ihr inneres Leben empfindlich zu berühren. Bald darauf klang wildes Vivatrufen mit der Kraft eines wachenden Orkans in die Kathedrale, und die Schritte marschirender Soldaten wurden gehört. Die Versammelten sprangen auf die Sitze und drehten ihre Nacken dem Seitenschiff an der Rechten zu, um die Khakipaare anzustarren. Wie die arme Hannah nach Simon umschallte! In langen Reihen marschirteu die Freiwilligen herein: meist bartlose Jünglinge, Wenige mit einem gewissen gedankenvollen Ausdruck im Gesicht, Viele mit der ehrlichen, unbedeutenden MieNe des Ladendieners und Krämers, Einige mit den gemeinen, starkknochigen Backen des Preiskämpfers — doch bei alledem war der Blick eines Jeden gesetzt und ernst. Ah! endlich war er da, ihr Simon — männlicher und schöner als sie Alle! Aber er sah sie nicht; er marschirte in steifer Haltung vorüber: dieses fremde Leben hatte ihn schon aufgesogen. Das Herz wurde ihr schwer, aber es erleichterte sich wieder, als die Orgel ertönte. Die Zeitungen des nächsten Tages tadelten die Einfachheit der Musik und die Monotonie der Gesänge; doch für sie war es ein göttlicher Genuß. Nur die Worte der Eröffnungshymne, die sie im Gebetbuch fand, verursachten ihr ein gewisses Unbehagen: „Kämpfe den guten Kampf, kämpsi ihn mit ganzer Kraft, Christus i st deine Stärke, er ists, der Recht dir schafft." Hingegen war sie von der Aehnlichkeit, den der größte Theil der Liturgie in so auffallender Weise mit der jüdischen hatte, überrascht. „Der einundneunzigste Psalm!" Wurden denn die jüdischen Gebete in christlichen Kirchen gebetet? „Denn er wird seinen Engeln gebieten, dich zu behüten auf all' deinen Wegen." Ach, mit welcher Innigkeit sie das für ihren Simon betete! Während die Stimme des Geistlichen forttöute, durch das Echo des großen, gewölbten Raumes unverständlich, den Meisten unhörbar, studirte sie die Hymnen und Lieder mit ihrem nicht verkennbaren, alttestamentarischen Ursprung, gipfelnd in dem Schlußsegen: „Der Herr segne dich und behüte dich; der Herr lasse sein Angesicht dir leuchten und sei dir gnädig; der Herr wende sein Angesicht dir zu und schenke dir Frieden." Wie oft hatte sie diesen Segen von den Kohanim in Hebräisch über die versammelte Gemeinde .mssprechen hören! Ihr eigener Gatte hatte ihn mit erhobenen Händen, an denen die Finger in vorgeschriebener eigentümlicher Weise gruppirt waren, recitirt. Doch nie zuvor hatte sie die Schönheit dieses Segensspruchs so tief empfunden als jetzt; sie hatte sogar die Worte erst dann verstanden, als sie dieselben in dem goldberänderten Gebetbuch — ein Zeichen wachsenden Neichthums! — las. Sicher, es mußte ein ungeheurer Jrrthum der Ansicht zu Grunde liegen, daß die Bekenner der beiden Religionen zu gegenseitigem tödtlichen Hasse Grund hätten, dachte sie, und, obwohl sie nur zum Schein niedergekniet war, fühlte sie. wie ihre Knie in Hingebung an die große sie umgebende Gemeinschaft niedersanken. Als die Reihen der Freiwilliger: unter dem Jubelgeschrei der draußen sie erwartenden Menge die Kirche verließen, arbeitete sie sich durch die Versammlung zum Seitengang durch, indem sie in dem allgemeinen Durcheinander über die Sitze kletterte. Diesmal wurde sie von Simon gesehen. Er streckte seine kriegerische Rechte aus und warf ihr eine Kußhand zu. O, köstliche Thränen eines Mutterherzens, überfließend von Liebe und Stolz.-— Das war ihr Abschied! Sie mischte sich unter die brausende Menge mit den: fanatisch-träumerischen Bewußtsein eines nächtlichen Himmels und eines großen, steinernen Gebäudes, finster von Alter und Würde und von schattenhaften Gestalten, auf Geländern und anderen hochgelegenen Punkte:: sitzend; von Hurrah schreienden Menschenhaufen, die sich der Parade anschlossen und einen Theil der marschirenden Truppen bildeten. Im Rückblick auf eine armselige Vergangenheit sehnte sie sich nach einer nebelhaft ihr vorschwebenden ruhmreichen Zukunft. Sie bewegte sich mit der Menge rasch vorwärts. Wie sie ihrem Knaben zujubelten! Ihrem Knaben! Sie sah, wie er auf den Schultern christlicher Bürger weiter getragen wurde. Ja, er war ein Held! Sie war die Mutter eines Helden! (Forts. folgt.) Eine Stunde bei Zola. - Bon N. Brainin. ich Anfangs 1894 in Paris war, sagte ich meinen dortigen Bekannten, ich möchte Emile Zola besuchen, 6^ um mich mit ihm über seine letzten Romane zu unterhalten und seine Meinung über die neueren litterarischen Strömungen zu vernehmen. „Zola ist stets mit seinen Arbeiten beschäftigt," antwortete man mir einhellig, „und empfängt Niemanden. Es ist leichter, beim Präsidenten der Republik eine Audienz zu erlangen, als in das Heim des Königs der Romanschriftsteller einzudringen." Das stachelte nur noch meine Begierde mehr an, Zola, dessen große und kleine Erzählungen ich sämmtlich gelesen hatte, kennen zu lernen. Der Zufall war mir günstig. Der Rechtsanwalt Jakob Bramsou, ein Kownoer Kind, einer der begeistertsten Zionisten in Paris, sagte mir, er habe Zola kennen zu lernen Gelegenheit gehabt, als dieser im französischen Studentenverein, dessen Sekretär nnd Vorstandsmitglied Bramson war, Vorlesungen hielt. Als ich diesem meinem Landsmann mein Anliegen vortrag, schrieb er an Zola, ein hebräischer Schriftsteller aus Rußland wünsche ihn zu be, suchen. Schon am folgenden Tage kam die Antwort: in einem mit eleganten, großen und festen Lettern geschriebenen Brief kündigte uns Zola an, daß er uns um sechs Uhr Abends erwarten werde. Am 18. Januar 1894, um sechs Uhr Abends fand ich mich in Gesellschaft des Herrn Bramson in Zolas Hause ein, welchem in der stillen und ruhigen Uns cts LruxsIIss Nr. 21 gelegen war. Das Hausthor war geschlossen, denn außer dem Hausherrn wohnte dort Niemand. Ich zog die Klingel, ein Dienstmädchen erschien, öffnete und führte uns über eine mit lebenden Blumen und kostbaren Teppichen geschmückte Treppe in ein großes, hohes Gemach, an welches des Dichters Arbeitszimmer unmittelbar grenzte. Alle Gemächer, die wir durchschritten,

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.