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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1902-10-15 · Heft 42 (15.10.1902) · p. Seite 501

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
66 (1902)
Issue
Heft 42 (15.10.1902)
Date
1902-10-15
Page
Seite 501 (sequence 11)
Language
German
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Tr wird nie wirklich eintreten." „Wenn er sollte, kann er auf meine Unterstützung nicht rechnen." „Oh," bemerkte Simon leichthin, „die Behörde wird das besorgen." „Wirklich!" sagte S. Cohn, indem der Zorn sein Gesicht verdunkelte. „Aber bedenke! Du magst gehen, aber Du wirst nie zurückkvmmen." ,,OH, Salonion! wie kannst Du eine so schreckliche Prophezeiung aussprechen?" Simon lachte. „Beunruhige Dich nicht, Mutter. Er ist verpflichtet, mich zurückzunehmen. Steht es nicht in den Zeitungen, daß er es versprochen hat?" S. Cohn wurde es schwarz und grün vor den Augen. >1- Simon war in der Thal erfolgreich. Die betreffenden Beamten nahmen ihre frühere Entscheidung zurück. Doch der tlater wollte die seinige nicht zurücknehmen. Unbekannt mit der bisherigen reizlosen Existenz seines Sohnes, tobte er über den ersten günstigen Wechsel, der sich dem Leben des Knaben bot. Es ist ein weiser Vater, der sein eigenes Kind kennt! Bloßer Wetteifer mit seinen christlichen Kameraden und aas Vergnügen an der Sache selbst hatten schon vor längerer Zeit in dein Jungen den Wunsch erzeugt, den Freiwilligeudienst seinen anderen Zerstreuungen hinzuznfügen. Von der;dee einmal eingenommen, wurde er von kriegerischer Begeisterung so ergriffen, daß, als der Aufruf für entschlossene Kämpfer erging, seine Brust von einer neuen Leidenschaft erüllt wurde, die sogar ihm selbst überraschend war. Es war der erste Ruf an einen Idealismus, der von einem mißveriandenen Bekenntnis; eher unterdrückt als genährt wurde, Las Bestreben „Eanzeuglisch" zu sein, hatte inzwischen kräftig gewirkt; seit seiner Schulzeit fühlte er sich als ein Abkömmling nicht eines Judas Makkabäus, sondern eines Nelson und Wellington. Jetzt, wo seine Brüder von einem durch seine Zoyjes gedeckten Feind niedergemäht wurden, erwachte in seiner Zeele eine verbitterte Sympathie: Was war natürlicher, als >aß dieser echte Trieb der Aufopferung für eine große, vatermndische Sache seine Phantasie mit Visionen künftigen Kriegsuhms, blutig gewonnener Schlachten, erstürmter Schanzen und erbeuteter Siegestrophäen füllte — wieder anflebende Erunerungen an ,/IIn! Ickrstos ok IVvbvIi" und an alle die Kriegsromane, welche einst sein Gebetbuch versteckt hielt. Jeder Zoll an ihm — in seiner Khakiuniform und seinem großen Schlapphut, mit seinem Bajonet und seinem Bandelier - zeigte den Angelsachsen. Die Nacht vor seiner Einschiffung nach Südafrika sollte in der St. Paulskathedrale ein Gottesdienst stattftuden, für den jeder Freiwillige zwei Eintrittskarten erhielt. Simon schickte die seinige» an seinen Vater. „Der Lordmayor wird in großem Staat anwesend sein, und ich nehme an. daß Du die Schaustellung sehen möchtest," schrieb er flüchtig. „Nächstens wird er sich schmadden lassen", sagte S. Cohn, indem er die Kartei; zerriß. Später stückte Frau Cohn sie wieder zusammen. Es war die letzte Gelegenheit, ihren Jungen zu sehen. Der Gottesdienst war unglücklicherweise aus einen Freitag Abend festgesetzt, an welchem S. Cohn nach Schluß seines Geschäftes gewohnt war, sich dem Genüsse der Sabbathruhe hinzugeben. Er pflegte dann nach eingenommenem Thee, dessen wesentliches Beigericht gebratener Fisch bildete, über dem Lesen des jüdischen Wochenblattes sanft einzuschlummern. Im Prinzip billigte er aber noch immer die kriegerische Gesinnung des Blattes. In dieser Januarnacht, in welcher der Sabbath schon früh am Nachmittag begonnen hatte, hörte man Salomon schon vor sieben Uhr schnarchen, so daß Frau Cohn, den güstigen Moment benutzend, aus dem Hause schlüpfte — ein Wagniß, bei den; sie sich wohl bewußt war, daß sie den Zorn ihres Mannes riskirte. Religiöse Skrupel zwangen sie, den weiten Weg zu Fuß zurückzulegen, aber da sie sich beeilte, erreichte sie die Kathedrale, ehe noch die Thüren geöffnet waren. Während ihres langen Ganges quälte sie der Gedanke an die unbenutzte Eintrittskarte. Sie war fest entschlossen, bei einem Freunde unterwegs einzukehren, um ihm den Eintritt zu dem interessanten Schauspiel zu ermöglichen, aber die Befürchtung, daß man aus religiösen Gründen ihre Einladung ausschlagen werde, bewog sie, vorüberzugehen. Mit Christen stand sie nicht auf so vertrantem Fuße, daß sie dieselben zur Begleitung hätte einladen dürfen. Ueberdies, würde nicht ein Jeder sie fragen, warum ihr Gemahl sie nicht begleite? Sie erkundigte sich nach der Eingangsthür, die ihr Billet angab, und befand sich bald unter den Eltern, die gedrängt auf der Vortreppe warteten. Es waren lauter anständig aussehende Leute, wie sie mit Vergnügen bemerkte. Ihr Knabe würde in guter Gesellschaft sein! So viel sie von der Unterhaltung hören konnte, drehte sich dieselbe zumeist um eine Welt von Dingen, die ihr fremd waren. Wie traurig stand es doch nach so vielen Jahren noch um ihr „Engländerthum", dachte sie. Mit der Menge vorangeschoben, wurde ihr Herz von einer Ahnung künftiger Herrlichkeit bewegt. So lange hatte sie in London gelebt, ohne dieses großartige Gebäude betreten zu haben! Sie fühlte sich bei diesem feierlichen Anblick, den das großartige Schiff der Kirche, die Perspektive von Säulen und Bogen, ihren Blicken bot, von Ehrfurcht erregt und doch wiederum beruhigt. Die weißen Gewänder der Choristen . machten in der Entfernung den unbestimmten Eindruck als l ob man Engel sähe. Die überragende Wölbung war durch einen Kranz von Lichtern begrenzt, ließ jedoch einen dunklen, himmelhohen Raum vermutheil. Plötzlich bemerkte sie, daß sie zwischen Männern saß. Aber es schien nicht weiter aufzufallen. Nur religiöse Gedanken konnte dieses Gebäude erwecken! Ein wahres Menschenmeer wogte außerhalb, und so oft die Thür sich öffnete, einen Würdenträger einzulassen, konnte man das Vivatgeschrei der! Menge hören, das die Eintretenden mit der Krack einer! Kanonensalve begrüßte. Der Lordmayor und die Rathsz

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