Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 66 (1902)
- Issue
- Heft 42 (15.10.1902)
- Date
- 1902-10-15
- Page
- Seite 498 (sequence 8)
- Language
- German
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498 soweit ich mich erinnere — in offener Rede, sonder» gelegentlich in privatem Gespräch. Ich habe dieser Erklärung nichts beizufügen." Solange Prinz Liechtenstein diese Erklärung nicht selbst abgiebt und vor Allem, solange er nicht die Zeugen jener Unterhaltung nennt, wird man nur nach den Mitteln, welche Prinz Liechtenstein im politischen Kampfe für gestattet hält, die Zuverlässigkeit seiner Mittheilung über die angebliche Aeußerung des Grafen Julius Andrassy beurtheilen können. Alle, die den Grafen Andrassy näher gekannt haben — hier wie in Budapest — halten es für absolut ausgeschlossen, daß er eine solche Aeußerung gemacht oder eine solche An" schaumig gehegt habe. ^nstrmeus. Gin jüdischer Lehrer. iuer der edelsten Vertreter des jüdischen Lehrerstaudes beging in verborgener Stille sein 50jähriges Jubiläum: der Seminarlehrer Marcufe in Berlin. Ei» Feind aller Ovationen, wenn er selbst die Zielscheibe derselben ist, suchte er auch diesmal den ihm zugedachten Kundgebungen mit jünglinghafter Scheu aus dem Wege zu gehen. Diese Verheimlichung kennzeichnet den Mann überhaupt. Er > jagt der Ehre nicht nach, sondern flieht sie, wenn sie noch in meilenweiter Entfernung sich blicken läßt. So verlangt es nun einmal die intime Natur, die überaus zarte seelische Konstruktion des Jubilars. Pflichterfüllung und Arbeit an seinem besseren Selbst, das ist sein Loos und sein Theil, und er begnügt sich mit der daraus gewonnenen Eenngthuung und innereil Zufriedenheit. Lob und Annerkennuug bescheiden ablehnend. Was Marcuse über Viele emporhebt, das ist die Zartheit, Innerlichkeit und Innigkeit der Empfindung, seine tiefe Religiosität und kindliche Lauterkeit. Er hat das Fundament zur religiösen Bildung zahlreicher Lehrergeschlechter gelegt; Hunderte von Lehrern, denen er religiöse Wärme und Licht gespendet, wirken in seinem Geiste in Berlin und den Provinzen draußen, und so begreift es sich, daß nur die übergroße Aengstlichkeit, mit der er das Geheimnis; hütete, das Bekanntwerden von dem Begehen des siebzigsten ,Geburtstages verhüten konnte. Schreiber dieser Zeilen erfuhr erst nach vollzogener That von der im engsteil Familienkreise begangenen Feier und mußte sich mit schwerem Herzeil im Sinne des Jubilars jedes Zeichen der Huldigung versagen. Auch jetzt wollte er mit seinem Jubiläum durchschlüpfen, ein Beginnen, das aber diesmal durch die Wachsamkeit seiner Schüler zum Theil wenigstens vereitelt wurde. Kurze Zeit vor dem fälligeil Jubiläumstage wurde durch Zufall und Indiskretion die Sache ruchbar, und sogleich trat ein Komitee zusammen mit der Aufgabe, in aller Eilfertigkeit und Hast noch einige Zurichtungen zu treffen. Die Feier durfte nur im engen Rahmen und bescheidenen Umfange begangen werden — eine ausdrückliche Bedingung des aus „frischer That ertappteil" Jubilars. Nun half kein Sträuben und kein Verstecken. Ein Blumeuangebinde mußte er sich als Ausdruck dankbarer Gesinnung und treuer Anhänglichkeit schon gefallen lassen. Was verdanken die Lehrer des Berliner Seminars ihrem Meister? Marcuse gab im Unterricht unendlich viel, er gab sich selbst, sich selbst mit seiner reinen und feinen Seele, mit seinem abgrundtiefen und sammetrveichen Gemüth, seiner abgeklärten Frömmigkeit, deren Kern Liebe und deren Wesen Milde ist. Wer von solchem Reichthum sich selbst, sein Bestes und Ureigenstes mit immer vollen Händen aus unerschöpflichen, Herzen spendet, kann als Lehrerbildner der iveitesten Fernwirkung sicher sein. Wenn nicht Worte, sondern die Persönlichkeit wirkt, nun, so mußten seine Worte auf fruchtreiches Erdreich fallen, denn seine Worte waren nur der Erguß seines Innern, der treue Spiegel eines reichen und tiefen Seelenlebens, der beste Dolmetsch seiner sittlichen Individualität. Ueber ihm liegt ein Zauber, den nur Männer auf ihre Umgebung ausströmen, die bei aller Erregbarkeit des' Gefühls zur Harmonie und innerer Ausgeglichenheit sich durchgeruugen haben, oder die durch ein gütiges Geschick in ihrem Frieden nie ernstlich erschüttert uns getrübt worden sind. Das Phänomen eines Manne: mit dem heiteren Himmel kaum gefährdeter Unschuld läßt sich kaum anders erklären, als daß er schweren Versuchungen und Umschmelzungsprozessen nicht unterworfen wurde. Bei solcher Beschaffenheit seines Innenlebens ergiebt sich die Art seines pädagogischen Eimvirkens von selber. Keim Schablone, keine gedörrten Notizen, kein Haften an der Außenfläche und kein überflüssiges Memorirwerk. Er begnügte sich nicht mit der Anhäufung todten Stoffes, nein, mit dem Strom des Herzens befruchtete er das leblose Material und verlieh ihm organische, weiterzeugende Kräfte. Die Stoffübermittelung ist allerdings das nothwendige Fundament, aber nur das und nichts mehr, nur der robc Block, den des Künstlers Geist erst zu einem Gebilde gestaltet; die denkende und empfindende Seele baut und bildet den ungefügen Stoff erst um. um ihm Gestalt und Leben zu geben. In faß- und greifbarer Körperlichkeit treten die Gestalten unter seinen Händen ans Licht, und unvergeßlich sind Vielen seine Vorführung der Charakterbilder eines Moses, Elia, eines Aino: und Jesaja, wie er sie erschaut und zur Wirklichkeit erstehen liech Es war aber nicht blos ein reines Genießen, sondern auch ei» reiner Gewinn, den man. wenn auch nicht schwarz auf wen, mit hinausnahm. Liegt auch der Nachdruck der Marcusescheu Behandlungsweise auf der Erweckung des Gemüths und Erregung religiöser Triebkräfte, so ermangelte sie keineswegs der logischen Gliederung, Eintheilung und straffer Zusammenfassung zu einem einheitlichen Ganzen. Was zur Körperlichkeit und Plastik seiner biblischen Gestalten noch wesentlich beitrug, da: war das allmälige Werden und Wachsen der dargestellten Persönlichkeiten aus den ersten Keimen bis zu jener Vollendung, die sie zu weltgeschichtlichen Typen religiöser Heroen erhob n hat. Er stellt nicht fertige Bilder zum ergötzlichen Anschawn hin. er läßt Mitarbeiten und theilnehmen an dem im Enstehcn begriffenen Geisteserzeugniß. Wie bei Ezechiel fährt Leben und Bewegung in die verdorrten Gebeine. Zug um Zug werd „ eingezeichnet und treten bald kräftig und leibhaftig heran:, ganze Menschen, lebenswahr und blutwarm, standen sie nun vor seinen Jüngern. So hat es selten an gesteigerter Aufmerksamkeit an Spannung, an dramatischen Momenten in der Entwickelung der Charaktere gefehlt. Innere Konflikte und Seelenzerrifsenheit Schwäche und Aufschwung desGeistes, Unentschlossenheit und Anspannung des Willens zu energischem Handeln, Sünde und Reim Entzweiung nnd Versöhnung, alle diese Seeleuzustände wurde» mit der Spürkunst des Psychologen, mit der Motivirung eines denkenden Geistes und mit der Ergriffenheit des feinfühlige» Menschen bloßgelegt. Kurz, eine Charakterdarstellnng wa> immer ein wirkliches Erlebniß, eine innere Scheu, die Verkörperung eines Gedankens. Bei dieser Gelegenheit steigt nur