Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 66 (1902)
- Issue
- Heft 42 (15.10.1902)
- Date
- 1902-10-15
- Page
- Seite 496 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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496 Die rumänische Frage ist in dieser Woche etwas in den Hintergrund gedrängt werden. Und das ist gut so. Denn die meisten Nachrichten, die darüber gebracht wurden, waren, wie sich jetzt herausstellt, Kombinationen von Zeitungskorrespondenten oder von rumänischer Seite inspirirte „minder haltbare Tagesleistungen", wie Fürst Bismarck sagte. So hat Frankreich bis jetzt gar keine Antwort auf die amerikanische Note gegeben, während verschiedene Blätter schon den Inhalt dieser Antwort mitzutheilen wußten. In Bukarester Regierungskreisen wird jetzt endlich doch zugestanden, daß die englische Regierung der nordamerikanischeu Note ihre volle Unterstützung zugesichert und eine daraufhin abzielende Anfrage an die Unterzeichner des Berliner Vertrages gerichtet hat. Insofern ist sich die rumänische Regierung bewußt, daß das Vorgehen Nordamerikas noch weitere Folgen haben wird, wenngleich man die Lage nicht gerade sehr ernst aufzufassen scheint. Man meint in Bukarest damit auskommen zu können, daß die rumänischen Behörden vorläufig nur denjenigen jüdischen Auswanderern Pässe ausstellen werden, die genaue Angaben über das Ziel ihrer Reise machen und die für die Reise erforderlichen Geldmittel Nachweisen können. Andererseits will die rumänische Regierung die Regierung der Vereinigten Staaten ersuchen, in Rumänien eine Agentur zu errichten, welche den auswanderungslustigen Juden genaue Erklärungen darüber giebt, ob deren Landung in Nordamerika zulässig ist. Ob Rumänien wirklich, wie deutschen Blättern wiederholt gemeldet wurde, jetzt „auf höheren Wunsch" mildere Saiten anschlagen werde, bleibt abzuwarten. Auch die Meldung verschiedener Blätter, daß die Pariser und LondonerHochfinanz sich darüber verständigt habe, Rumänien zunächst jede finanzielle Hilfe zu versagen, gehört in das Reich der Fabel. 4 Die Juden Amerikas sind überzeugt, daß der eigentliche Urheber der vom Staatssekretär Hay erlassenen identischen Note über die rumänischen Juden kein Anderer als Präsident Roosevelt selber ist. Bei dieser Gelegenheit erinnert man sich einer Rede, welche der damalige Oberst Roosevelt vor einigen Jahren in einer in Atlantic City stattgehabten Generalversammlung der jüdischen Chautauqualoge gehalten hat. Es war gerade mitten in der heißesten Kampagne zur Präsidentenwahl, und Mr. Roosevelt, damals Gouverneur des Staates Newyork, war von der republikanischen Partei als Vizepräsident nominirt worden. Obwohl Mr. Roosevelt nun vollauf mit dem Wahlkampf beschäftigt war, fand er doch Zeit, der Einladung der jüdischen Logen zu einem Vortrag Folge zu leisten. Der Chef der „Rauhen Reiter" und Held des spanischen Krieges wurde mit tosendem Beifall empfangen, worauf er eine Rede über den Amerikanismus hielt. Unter „Amerikanismus" verstand der spätere Präsident das Bestreben, seinem Nächsten zu gewähren, was man für sich selber beansprucht. In dem von ihm befehligten Regiment waren alle Religionen vertreten, und als nach der zweiten Schlacht an Stelle der Gefallenen fünf neue Offiziere zu ernennen waren, ernannte er Zwei evangelische, zwei katholische und einen jüdischen Offizier; und was im Kriege recht war, müsse auch im Frieden billig sein, sagte er. Im politischen Leben muß sorgfältig vermieden werden, einen Menschen nach seiner Angehörigkeit zu einer bestimmten Rasse oder Glaubensbekenntniß zu beurtheilen. Als er Polizeipräsident von Newyork war, hatte er Gelegenheit, seine oben ausgesprochenen Prinzipien zu verwirk, lichenund eineAnzahlJuden alshöherePolizeibeamte zu ernennen. Zu dieser Zeit kam der famose Ahlwardt nach Newyork, um da gegen Entree gegen die Juden zu Hetzen. Er konnte natürlich dem Agitator nicht das Reden verbieten, allein er schickte einea jüdischen Sergeanten nebst 40 jüdischen Policemen in die Versammlung, damit der deutsche Hetzapostel seine Brandreden gegen die Juden unter Schutz einer jüdischen Polizeiwache halten könnte. „Die Presse," schloß Mr. Roosevelt, „welche mich wegen meiner übergroßen Duldsamkeit gegen Ahlwardt damals angegriffen hat, schien den Humor dieser ganzen Situation völlig verkannt zu haben, allein es war die beste Art, den Amerikanismus, wie ich ihn verstehe, zu verwirklichen. Me Sndrassy-Fatrel. Wien, 7. Oktober Andrassy-Liechtenstein, der zuerst im Jahre 1900 in einem Berliner Flugblatt zu journalistischen ^2^Konkurrenzzwecken ausgebeutet wurde, hat damals hier in Wien und in Oesterreich gar nicht so großes Aussehen erregt, wie man jetzt — zwei Jahre später — in Berlin nach den Behauptungen von antisemitischer Seite im neuen Konitzer Prozeß glauben machen will. Von dem Abgeordneten Schneider — dem eigentlichen Züchter des Blutmärchens vom Ritnalmord— ist man die ungeheuerlichsten Behauptungen gewöhnt er spricht ja von nichts anderem als von Blut und Mord und sieht in jedem Verbrechen, wobei dem Opfer der Hals durchgeschnitten wird, einen Nitualmord. Das ist ja bei diesem Fanatiker eine Monomanie, deren seine eigenen Parteigenossen schon überdrüssig sind. Sie lassen ihn nur aus Judenhaß gewähren. Die Geschichte von Andassh und dem Tisza-Eszlarer Mord hat er in einer langen Rede im Neichsrath am 10. No vember 1899 aus Anlaß der Debatte über die Judenhetzen in Holleschau, Prerau, Wsetin und anderen mährischen Orten erzählt. Das war aber nur eine kleine, rasch vorübergehende Episode in der Rede. Was hat er jedoch sonst noch alles damalvorgebracht! Was er sprach, war Blut — allerdings lachte fas! das ganze Haus dazu, denn Niemand nimmt diesen Menschen mehr ernst. Selbst die klügeren Antisemiten wollten sich nich: mehr durch ihn lächerlich machen lassen. Ich habe das stenographische Protokoll jener Sitzung vor mir, worin die Rede des Abgeordneten Schneider zehn Seiten Großoktav füllt. Nachstehend als kulturhistorisches Kuriosum folgende Stichproben des Inhalts: Gegensatz zwischen arisch-christlicher Welt anschauung und jüdischem Monotheismus, Beweise hierfür au- Eisenmengers „neuentdecktem Judenthum". (Große Heiterkeit.« Beweise aus dem Traktate Megilla, daß für die Juden alle übrigen Menschen Hunde, Esel und Schweine sind. (Große anhaltende Heiterkeit.) Citate aus dem Judenspiegel de- Dr. Jakob Ecker, Professor an der königlichen Akademie in Münster, Citate des Fälschers Justus-Brimanus, Vorweisung de§ Originalbandes von'Eisenmenger vom Jahre 1700 und der zweiten Auflage 1711 nebst Anekdote von Friedrich dem Großen und den Berliner Juden (Stürmische Heiterkeit), Aufrechterhaltung der Behauptung, daß Hilsner an dem Polnaer Mord schuldig Geschichte von einem Juden, der in einer Branntweinschenke d I! si ll li g u k. v d n 1 d d t k s ( 2!' 1 2 l ( l