Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 66 (1902)
- Issue
- Heft 41 (10.10.1902)
- Date
- 1902-10-10
- Page
- Seite 3 (sequence 17)
- Language
- German
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Bei der Berathung über den Zeichenunterricht kam der Abgeordnete Hausmann auf eine kürzlich durch die Presse gegangene Darstellung über die Steuersusionen in Baden unter Berücksichtigung der Konfessionen zu sprechen, wonach daselbst die Zsraeliten eine Kapitalrente von durchschnittlich 5432 Mark pro Kopf, die Protestanten eine solche von 1044 Mark, die Katholiken eine solche uon 419 Mark pro Kopf versteuern. Diese großen Unterschiede müssen zweifellos auf die bessere Schulbildung, welche dieJuden ihren Kindern mitgeben, zurückgeführt werden. Wir sollten uns also nicht gegen ^as kleine Schrittchen wehren, das jetzt mit Einführung neuer, für das praktische Leben bedeutsamer Fächer znm Zwecke der Ausgestaltung ms Volksschulunterrichts gethan werden soll. Abgeordneter G r ö b e r rwiederte hierauf, daß die Fragen des Erwerbs mit dem Religionsinterricht nichts zu thun haben. Es wäre schlimm, wenn die Volkschnle die Kinder nach jüdischem Muster für einen raschen Erwerb vorzeiten würde!! Das heißt doch wahrhaftig den Antisemitismus bei oen Haaren herbeiziehen. Oesterreich - Ungarn. LH Wien, 6. Oktober. Der 70. Geburtstag unseres würdigen Gemeindevorstehers, des kaiserlichen Naths Klinger, ist heute geeiert worden. Aus diesem Anlaß hat dessen Schwiegersohn Paul emberger eine Biographie des Jubilars erscheinen lassen, die nach Gelen Richtungen hin von Interesse ist. Wir lernen daraus das eben, die Entwickelung und den großen Wirkungskreis eines Mannes Mauer kennen, den wir wegen seiner Verdienste um unsere Geileinde schon längst nach Gebühr geschätzt haben. Möge es Herrn rlinger noch lange beschieden sein, seines Amtes zum Heile unserer lnltusgemeinde zu walten. — Frau Anna Caro, die Gattin des Rabbiners Dr. I. Caro in Lemberg, ist am 22. v. M. einem tückischen beiden erlegen. Nur Wenige mochten ahnen, daß die Verblichene trotz Pres blühenden Aussehens seit längeren! von physischen Leiden heimiesncht war; um so schmerzlicher war der Eindruck, den diese traurige iachricht hervorrief. Möge die Theilnahme so Vieler dem schwergeprüften Gatten Trost und Erhebung bringen. Unter imposanter Betheiligung fand am 26. v. M. das Leichenbegängniß vom '"entralbahnhofe aus statt. Den Zug eröffneten die Zöglinge des livischen Waisenhauses und die Schüler der jüdischen Knabenschule mit dem Lehrkörper. Vor der Ceremonienhalle des Friedhofes, wohin ie irdische Hülle gebracht wurde, hatte sich lange vorher eine zahlreiche Trauerversammlung eingefunden. Unter Anderen waren zugegen >er Bürgermeister von Lemberg Dr. Malachowski mit zahlreichen Gemeinderäthen, der Präsident der israelitischen Kultusgemeinde leichstagsabgeordneter Dr. Byk mit den Mitgliedern des Kultnswrstandes und den Kultnsväten, die Rabbiner Schmelkes, Halpern md Assessor Brande u. s. w. Oberkantor Halpern trug mit dem Zynagogeuchor die Trauergesänge vor, worauf Schuldirektor Rabbiner Är. Guttmann der Verewigten einen tiefempfundenen Nachruf widmete ind den tiefgebeugten Familienangehörigen aus dem Herzen kommende Trostworte zusprach. — Der Uuterrichtsminister hat den Professor llois Schwarz in Ost ran zum Direktor des dortigen Mädchencheeums ernannt. — Der Ingenieur Moritz Ziegler wurde zum -beringenieur für den Staatsbaudienst in Oberösterreich ernannt. Holland. SN. Amsterdam, 1. Oktober. Am 29. v. M. ist hier der weltberühmte Professor für innere Medizin an der hiesigen Universität, B. I. Stokvis, im Alter von 68 Jahren gestorben. Der Verstorbene white zu den hervorragendsten Pflegern der Heilkunde in den Niederlanden. Er hat europäischen Ruf. Dies verdankt er einmal seinen wissenschaftlichen Leistungen, sodann aber auch seinen! eifrigen Bestreben, zwischen den medizinischen Forschern seiner Heimath und üemder Länder zu vermitteln. Die wissenschaftliche Arbeit Stokvis war breit angelegt. Im Vordergründe stehen Untersuchungen zur allgemeinen Pathologie. Enge Verbindung damit haben Forschungen zur Arzneimittellehre und Giftkunde. Beiden Gruppen von Arbeiten tst gemeinsam, daß sie im Wesentlichen aus die medizinische Chemie zurückgehen. Im Einzelnen sind Stokvis Mittheilnngen zur Lehre vom Stoffwechsel, von der Bildung des Zuckers im thierischen Organismus und von der Znckerausscheidnng, über Herzmittel verschiedener Herkunft, über den Antagonismus verschiedener Gifte hervorzuheben. In einer besonderen Schrift erörtert Stokvis die Chemie in ihren Beziehungen zur Heilmittellehre. Aus Vorlesungen ging Stokvis Lehrbuch der Heilmittellehre hervor. Besonders zu gedenken ist einer Gruppe von Studien Stokvis. die auch für uns Deutsche seit der Erwerbung von Kolonien wichtig geworden sind. Der starke Überseeverkehr Amsterdams führt dieser Stadt dauernd Kranke ans den Tropen zu. Als vielbeschäftigter praktischer Arzt und später als Leiter einer klinischen Hospitalabtheilung hatte Stokvis ausgiebige Gelegenheit, Tropenkranke zu sehen und sie zu behandeln. Weiter war er im Stande, Beobachtungen an Leuten anznstellen, die längere oder kürzere Zeit in den Tropen gelebt hatten. Er schöpfte daraus die Anregung, eine. Reihe auch mit einander zusammenhängender Fragen über die Krankheiten der Tropen, die Widerstandsfähigkeit der Europäer in den Tropen, das ungleich^Verhalten verschiedener Rassen gegenüber der Wirkung des Tropenklimas, die Kolonisation und Tropenhygiene in ihrer Beziehung zu einander u. a. m. zu studiren. Stokvis wurde der Begründer eines besonderen Wissenszweiges, der vergleichenden Rassenpathologie, und gewann als Kenner der Tropenhhgiene allgemeine Anerkennung. Seine letzten Ergebnisse legte er in der Schrift „I^rr eolonwation ert l'tnAwuo tropi'eaio" nieder. Lebhaftes Interesse hegte Stokvis auch für die Geschichte der Heilkunde. Berend Joseph Stokvis. 1834 in Amsterdam geboren, stndirte in seiner Geburtsstadt und in Utrecht. Nachdem er 1856 zum Doktor promovirt hatte, inachte er eine.längere Studienreise. die ihn nach Prag, Wien und Paris führte. Dann ließ er sich in seiner Heimath als ausübender Arzt nieder. 1874 wurde er znm Professor der allgemeinen Pathologie und medizinischen Klinik am ^ttienaemn lllustre berufen. 1877 übernahm er die gleichartige Professur an der Universität Amsterdam. Er war Mitglied der Akademie der Wissenschaften und vieler gelehrten Gesellschaften. Auch die holländische Jndenheit hat durch seinen Tod einen tiefschmerzlichen Verlust erlitten. Der Verstorbene hatte stets ein warmes Herz für jüdische Angelegenheiten. Er war Vorsteher des niederländisch-israelitischen Krankenhauses und mehrerer anderer humanitärer Institute. Sein Andenken wird überall in Ehren bleiben. Frankreich. — Paris, 5. Oktober. Hier ist am 1. d. M. der Brigadegeneral der Artillerie in Reserv e B. Abraham im 79. Lebensjahre nach kurzem Krankenlager gestorben. Derselbe stammte aus einer angesehenen jüdischen Familie in Nancy, wo sein Vater Mitglied des israelitischen Konsistoriums war. Nachdem er die polytechnische Schule seiner Vaterstadt besucht, ging Abraham zum Militär und diente bei der Artillerie von der Pike auf. Seine Tüchtigkeit ließ ihn bald in den Vordergrund treten. Als Hauptmann im Gefolge des Generals Leboeuf machte er den Krimkrieg mit und erhielt hier für seine tapfere Führung bei Sebastopol das Ritterkreuz der Ehrenlegion. Auch am italienischen und am deutsch-französischen Kriege hat er theilgenommen. Nach dem letzteren erhielt er das Offizierkreuz der Ehrenlegion. 1874 wurde er Oberstleutnant, 1877 Oberst, 1883 General, 1886 trat er etatsmäßig in die Reserve. General Abraham war in seinen Kreisen sehr beliebt und überall angesehen. Er war der ältere Bruder des bekannten Malers Edouard Moyse. der mit besonderem Eifer Szenen aus dem jüdischen Leben gemalt hat. Das Leichenbegängniß des Generals fand unter den üblichen militärischen Ehrenbezeugungen statt. Sein Leben wird ein Ehrenzeugniß und ein Beispiel für die Jngend bleiben. Von Nah und Fern. — Wie hiesige Blätter melden, hat das Wiener Gericht dem Auslieferungsantrage in Bezug auf den Redakteur O. Böckler Folge gegeben. Böckler dürfte Ende dieser Woche von Wien nach Plötzensee zur Abbüßung seiner Strafe wegen Beleidigung des Justizraths Cassel übergesührt werden. — Der Wettbewerb um den Preis der Ersten Michael Beerschen Stiftung für Maler und Bildhauer jüdischer Religion ist für das Jahr 1903 für Bildhauer eröffnet. Als Preisausgabe ist gestellt worden „Salomos Urtheil". Der Preis besteht in eine«! Stipendium von 2250 Mark zu einer Studienreise