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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1902-10-10 · Heft 41 (10.10.1902) · p. Seite 2

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
66 (1902)
Issue
Heft 41 (10.10.1902)
Date
1902-10-10
Page
Seite 2 (sequence 16)
Language
German
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2 schickt es unverzüglich an die bekannten Stellen, nach Basel, und Ihr norddeutschen Brüder, schickt alles, was Ihr sammelt, an die Nächstliegenden Sammelcentralen und nach Bremen. Jedenfalls sammelt eifrig, laßt Eure Kinder gleichfalls sammeln, bis Euch über den schnellstmöglichen Weitertransport an dieser Stelle Weiteres mitgetheilt wird. Auch an die Herren Rabbiner, Prediger-und Lehrer richte ich die herzliche Bitte, an den hohen Festtagen in obigem Sinne für unsere rumänischen Brüder von der Kanzel herab wirken zu wollen. Auch bei eventuellen Thoraspenden mögen die am meisten Hilfsbedürftigen bedacht werden. Ihr, thenre Brüder und Schwestern, die Ihr an diesen Festtagen ein gesichertes Heim habt, die Ihr in Euren Häusern Eure Kinder und Eltern. Eure Brüder, Schwestern und Verwandten das Glück habt, in Friederl und Freude um Euch versammeln zu können, vergesset nicht unserer Blutsverbundenen, die heute alles, alles entbehren müssen und am Neujahrsfest als heimathlose Fremdlinge in der weiten Welt umherirren müssen. Gedenket der Armen und Gott wird Eurer zum Leben gedenken. Dr. rned.ArthurKahn. Eydtkrtl-rren, 5. Oktober. Wie nachträglich bekannt wird, hatte das Antwort-Telegramm des Kaisers für die aus Anlaß des Jahrestages des Kaiserrittes nach Whsziteu ihm gesandte Begrüßungsdepesche ungefähr folgenden Inhalt: „Au den Vorstand der jüdischen Gemeinde Whsziten (Wyztinez). Mir gereicht es zur großen Freude, den Dank der Unterthanen Seiner Majestät des Kaisers Nikolaus aus der Stadt Whsziten zu hören, die nach dem schweren Brandunglück des vorigen Jahres neu im Entstehen ist, und dem Danke für das mir gesandte Begrüßungstelegramm schließe ich die besten Wünsche für das fernere Gedeihen des Ortes au. Wilhelm I. k." i. Schweidnitz, 5. Oktober. Am 21. v. M. wurde in hiesiger Synagoge ein Festgottesdienst aus Anlaß des 25 jährigen Bestehens derselben feierlichst abgehalten. Prediger Blumenfeld, der vor 25 Jahren die Synagoge eingeweiht und seit ca. 34 Jahren in der Gemeinde wirkt, hielt auch wieder die Festpredigt. Er gedachte in derselben unter Anderen aller derer, die den Bau der Synagoge gefördert und besonders des damaligen ersten Vorstehers Herrn V. Mühsam, der sich um denselben und die Gemeinde hochverdient gemacht hat. Die Predigt war von Herzen kommend und zu Herzen gehend, dieser Eindruck war bei allen Zuhörern ersichtlich. Kantor Rawitscher trug mit verstärktem Synagogenchor die Psalmen 84 und 100 vor und mehrere andere Gesänge. Es war eine hocherhebende Feier, wie sie weihevoller und schöner unser Gotteshaus seit langem nicht gesehen. Nächst der hiesigen Gemeinde waren die Vertreter der Nachbargemeiuden und hochgestellte hiesige Gäste anwesend. Die Synagoge ist in den Jahren 1875—77 vom damaligen königlichen Baurath Oppler zu Hannover erbaut worden, der auch die große Synagoge in Breslau gebaut hat, und ist ein anerkannt schönes und monumentales Bauwerk. Der Iubeltag wurde durch ein solennes Festmahl beschlossen, an welchem außer den Gemeindemitgliedern auch viele Gäste von auswärts theilnahmen. Frarikerrberg, im September. Ein treues Lehrerherz hat zu schlagen ansgehört. Der Lehrer Israel Goldschmidt zu Frankenberg schloß am 7. d. M. auf immer die Augen. Am 9. d. M. wurde das, was sterblich an ihm war. dem Mutterschoß der Erde übergeben. Von seiner großen Beliebtheit legte sein Leichenbegäugniß Zeugniß ab. Die ganze jüdische Gemeinde, deren Lehrer er fast 30 Jahre war, sowie ein großer Theil der christlichen Bevölkerung gaben ihm das Geleite zum Grabe. Auch der Bezirkslehrerverein Fraukenberg, dessen eifriges und beliebtes Mitglied der Verblichene war, sowie der hiesige Gesangverein befanden sich im Leichengefolge. Am Grabe schilderte Rabbiner Dr. Munk die hohen Verdienste des Verstorbenen um Schule und Gemeinde. Nach einem Gesänge des Bezirksvereins und des hiesigen Gesangvereins ergriff der königliche Kreisschulinspektor, Metropolitan Wessel, das Wort und schilderte bewegten Herzens das innige Verhältniß zwischen ihm und dem Verstorbenen. Er schloß mit den Worten: „Wenn ich eher gestorben wäre wie Herr Goldschmidt, und Gott hätte mir die Macht dazu gegeben, Herrn Goldschmidt die Himmelspforte zu öffnen, ich hätte es gern gethan. Ebenso gern würde der Verstorbene seinem alten Kreisschulinspektor die Himmelspforte öffnen, wenn ihm Gott hierzu die Macht gäbe." In trefflichen Worten entwarf alsdann der Amtsnachfolger des Verstorbenen, Lehrer Plaut, ein Bild von des Lehrers Aussaat und Ernte und kam zu dem Schlüsse, daß Herr Goldschmidt die herrlichsten Früchte für seine treue Arbeit geerntet, nämlich d« Liebe und Dankbarkeit seiner Schüler sowie die Hochachtung in« Werthschätzung seiner Vorgesetzten und seiner Gemeinde. I M. Speyer, 16. September. Unsere Stadt besitzt wohl das alte» deutsche Bauwerk jüdischen Ursprungs, dessen Errichtung in dal 12. Jahrhundert zurückdatirt wird, das alte .Judenbad ". Die cn» läßlich des vor wenigen Jahren hier tagenden AnthropologenkongreiW anwesenden Gelehrten, an der Spitze der jüngst verstorbene Virch» brachten diesem einzig in seiner Art dastehenden Bauwerk das WM gehendste Interesse entgegen und unternahmen gemeinschaftlich ci« längere Besichtigung desselben. Diesem Umstande sowie den .uV gehenden Berichten der Fach- und Tagespresse dürfte es zu verdat kel sein, daß der Ruf dieses Baues in die weitesten Kreise getraM wurde, und heute wohl kein Fremder unsere Stadt besichtigt, wM auch das Judenbad besucht zu haben. Der deutsche Kronprinz, vor einigen Wochen aus einer Studienreise begriffen war, sowie i> den letzten Tagen die Königin-Mutter Margherita von Italien mV Gefolge besichtigten neben den Kaisergräbern im Dom auch m» Judenbad und ließen sich über dessen kulturhistorische und archi ei tonische Eigenthümlichkeiten ausführlich unterichten. Es dürfte desh « am Platze sein, auch hier das Wissenswerthe darüber zu bericht.» und zwar in Anlehnung an Dr. Kohuts „Geschichte der deutsclel Juden" sowie den Bericht des königlichen Regierungsbaumeist.^1 Weißstein im „Centralblatt der Bauverwaltung" von 1885: „Tal Judenbad mit Synagoge befand sich inmitten des den Juden ml getheilten Stadttheiles, und ist durch das vom Bischof NüdicI (1073—10901 hierüber ausgestellte Privileg zum ersten Male d« sogenannte „Ghetto" in Deutschland konstatirt. Die Straßen siiil heute noch „Judengasfe", bezw. „Judenbadgasse" benannt. Tal Judenbad selbst gehört nach dem Urtheil anerkannter Autoritäten I den besterhaltenen und bedeutendsten Denkmälern der frühromaniscl el Periode. Der Grundwasserspiegel desselben liegt ungefähr 9.5 Meltl unter dem jetzigen Boden, und man muß, da die Eingangsschwclll des Bades infolge allmäliger Aufhäufungen jetzt 2,4 Meter unter dI Erde liegt, eine Tiefe von 7 Meter durch Treppeuanlageu hinabsteigcV Die Längswände derselben sind mit Nischen versehen, welche dm« dreifach geknickte, scheidrechte Bögen überdeckt werden. An diese Trep» schließt sich ein Kreuzgewölbe, das auf vier frei in den Winkel! stehenden Säulen ruht; die Säulen haben theils Kapitäle mit Blätter» theils Würselkapitäle mit Flechtmustern. Die Kämpferansätze Weisel vielgestaltige Profile und zierliche Schmuckformen auf. Jener Raun! ursprünglich wahrscheinlich zum Aus- und Ankleiden benützt, ist a! den Wänden mit Steinbänken versehen; östlich schließt sich eine klein! Nische mit einem Steinsitz an, westlich ist der Eingang zu der abwärts! führenden, mit einem schraubenförmig ansteigenden Tonnengewöll! überdeckten Wendeltreppe. An die letzte Stufe derselben schließt siV der eigentliche Badethurm an, eine nahezu quadratische Cysterne, unl gegen von massiven Werksteinmauern, mit Stufen auf dem Fußbodel und überdeckt mit einem Kreuzgewölbe, in dessen vier Schildfläch»! vier kreisförmige Fenster angebracht sind. Die ganze Bauanlage l aus Sandstein ausgeführt und scheint bis zum Jahre 1349 benutz! worden zu sein, zu welchem Zeitpunkt die Juden beim Ausbruch! des „schwarzen Todes" aus Speyer vertrieben wurden. Damal! wurde auch wahrscheinlich die Zerstörung der nahen ehemalig»! Synagoge bewirkt; diejenige des Bades selbst mag, da es in die Erd! hineingebaut ist, zu schwierig erschienen sein. Trotzdem dieser Ba« weder gepflegt noch bis heute irgendwie restaurirt wurde, hat er siV vorzüglich erhalten und alle Schicksalsschläge, deren unsere Stadt il den Jahrhunderten leider so viele erfahren, aufs Wunderbarste über! dauert. Wäre es nicht Pflicht der deutschen Judenschaft, dieses urall! Wahrzeichen jüdischer Kultur der Allgemeinheit und durch eine durch! greifende Abtragung des aufgeschütteten Erdreiches der wissenschaftlich»! Forschung zugänglich zu machen, welcher sich hier gewiß eine reich! Fundstätte eröffnen dürfte? Diese Annahme erscheint um so bereck! tigter, als in der „Judenbadgasse" — ganz dicht in der Nähe de! Bades — 80 Centimeter unter der jetzigen Straßenkrone ein wohl! erhaltenes Straßenpflaster gefunden wurde. (Kohut, S. 28.) In erstell Linie wäre allerdings erforderlich, daß sich die Mittel zusammenfind»»! würden, um die Bananlage wieder in jüdischen Besitz zurückgelangel zu lassen, und wäre der Zweck dieser Zeilen erreicht, wenn sie zu eine! Diskussion in diesem Blatte über die einzuschlageuden Wege Anloß geben würden.

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