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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1902-10-10 · Heft 41 (10.10.1902) · p. Seite 492

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
66 (1902)
Issue
Heft 41 (10.10.1902)
Date
1902-10-10
Page
Seite 492 (sequence 14)
Language
German
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492 fort, seine Brille ans dem Tische vor sich, die er häufig in nervöser Weise Putzte. Plötzlich öffnete sich die Thür wieder und ein Soldat erschien, Flinte an oer Schulter. Einen Augenblick starrte Cohn den Eintretenden an, ohne ihn zu erkennen, da er seine Brille nicht auf hatte. Wilde, erbliche Beängstigungen, erzeugt durch die in Rußland ausgestandene,1 Verfolgungen, machten sein Inneres erbeben. Visionen vcm russischen Rekrutenfängern, jüdische Jünglinge und Männeä sür die Armee des „Czaren-Vaters" aus den Häusern holend durchflogen seinen Geist. lForts. folgt.. Kol nrdre. (Thaaleh aruchoh.) Von Henriette Hirschberg. err, sende Heilung dem verwehten Blatt, Das schlaff am Zweige hängt, verwelkt und matt! O mach's gesund und laß es fröhlich sprießen, Gieb ihm am Himmelsthau zu trinken satt; Laß frischen Saft durch seine Adern fließen, O sende Heilung dem verwehten Blatt. Den Staubgebornen richte auf vom Staub, Daß er nicht werde der Verzweiflung Raub! O tilg hinweg die Fülle unsrer Sünden, Laß deine Wesen Gnade vor dir finden! Daß wieder licht ergrüne unser Laub. Den Staubgebornen richte aus vom Staub! O sieh, zu Helsen uns kein Mensch ist nah! Schau, Ewiger, verlassen stehn wir da! Wenn nirgends uns ein Retter zu erspähen. Wenn rings umher man stets nur Feinde sah - Vernimm o güt'ger Vater, unser Flehen, Sei deinen Kindern du voll Milde nah! Lrtterarische Mittheilungen. - Im Februar laufenden.Jahres hat sich im Austrage der Akademie der Wissenschaften Professor Dr. Sellin nach Palästina begeben. Es ist den, Gelehrten, wie wir erfahren, gelungen, auf dem Tell Ta 'annek in der Jesreelebene die drei bis vier Jahrtausende alte kauanitische Burg, zwei israelitische Festungen und ein arabisches Schloß sowie Kult-- und Begräbnißplätze der betreffenden Völker durch Grabungen wieder aufzudecken. Unter den vielen wichtigen und interessanten Eiuzelfunden. die dabei gemacht wurden, und die vor allem in Thonwaareu, Bronzegeräthen, Götterbildern und Skarabäen bestehen, dürste eine besonders hervorragende Bedeutung ein israelitischer Räucheraltar besitzen, der mit sechs Kerubim und vier Löwen dekorirt ist und bis jetzt ganz einzig in seiner Art dasteht. Sprechsaal. Sehr geehrter Herr Redakteur! ^Aerr Dr. H. M. C. hat in seinem letzten Artikel über die Ethik des Judenthums auch aus meine Abhandlung Bezug genommen. Ich muß ihm in einigen Punkten widersprechen. Was ich über die Theokratie gesagt, hat er mißverstanden; ich leite aus ihr nicht die Fülle von rituellen Vorschriften ab, sondern den Widerspruch, der darin besteht, daß man auf der einen Seite nur das Moralische werthet und auf der anderen dem Rituellen eine ebenso große Wichtigkeit beilegt. Derselbe Hiltel, der die Nächstenliebe zum r.-r Trür (Eins und Alles) des mosaischen Gesetzes proklamirt hat, konnte ernstlich darüber debattireu, ob ein am Feiertag gelegtes Ei genossen werden dürfe. Das ist die talmudische Zwiespältigkeit, die das moderne Empfinden mit Recht abstößt, die man wohl historisch begreifen, aber nicht ethisch oder pädagogisch billigen kann. Ich suchte sie dadurch begreiflich zu machen, daß ich sie aus der Theokratie ableitete, d. h. jener Ordnung und Auffassung der Dinge, die alles, das Innerlichste wie das Aeußerlichste, zu Geboten Gottes und eben dadurch gleichwertig machte. — Was das Verbot, am Sabbat zu fahren, betrifft, so ist es falsch zu glauben, daß es aus Rücksicht auf die Thiere oder Knechte erlassen worden. Das hätte natürlich einen sehr schönen Sinn und moralischen oder sozialen Werth, der freilich heutzutage in jedem Falle fortfällt; denn durch unser Richtfahren wird auch nicht ein Thier oder Knecht entlastet, abgesehen davon, daß ein Ausfahren ihnen vielleicht mehr Lust als Last bereitet, und abgesehen davon, daß man heute auch ohne Zugthiere fahren kann. Der Talmud selbst aber geht dabei gar nicht vom Thierschutz aus; er verbietet das Fahren (resp. Reiten) „damit man nicht (unterwegs) einen Zweig abpflücke", wie ich es übrigens in meiner Broschüre über das Wesen des Judenthums angemerkt. Er verbietet ja auch das Gehen über eine gewisse Grenze hinaus. Hat das auch einen moralisch-sozialen Hintergrund? Ist da> auch Thierschub oder Menschenfreundlichkeit? Ich meine, das Menschenfreundlichste wäre scholl, das Fahren zu gestatten. Wie man aber auch heute noch, zumal in großen Städten und z. B. bei Unwetter, das Verbot rechtfertigen will, ist mir räthselhaft. Darum sollte ein Nabbinerversammlung diese und ähnliche Satzungen, die nicht den modernen Verhältnissen und Anschauungen entsprechen und unsere Religion bei der Mehrheit der Glaubens- und Nichlglaubensgenossen! in ein falsches Licht stellen, für unverbindlich erklären; sie hat dasselbe! Recht, religionsgesetzliche Erleichterungen zu schaffen, mit welchem die! Talmudisteu ihre Erschwerungen eingeführt. Von der Notiz des Herrn Rabbiners Dr. Link habe ich mit Ver i gnügen Kenlltniß genommen. Der talmudische Spruch, den er cm! führt, verdient in der That hervorgehoben zu werden, obwohl mir scheint, daß er meine Behauptung nicht eigentlich aufhebt. Denn er redet nur davon, daß Diejenigen, die nicht Böses mit Bösem vergelten, Gottes Freunde seien. Die Bergpredigt aber verlangt, daß man das erlittene Unrecht nicht nur nicht erwidere, sondern noch steigere; auch das „Sichsreueu über die Schmerzen" ist keine Steigerung derselben. Uebrigens glaube ich. daß der Talmud darunter nur die von Gott gesandten Leiden versteht, und das käme ja auf mein- Unterscheidung hinaus. Berlin, 4. Oktober. Hochachtungsvoll Dr. Jelski. Verehrliche Redaktion! ^Mch mache höflichst auf ciuen Jrrthum in dem Schlußsätze des Referats über die jüngst stattgehabte Sitzung der Repräsentantenversammlung (Seite 2 des Gemeindeboten vom 1. Oktober) aufmerksam. Es müßte richtig heißen: „-daß durch den Gemeindevorstand auch sür das laufende Etatsjahr die Steuerquote unverändert auf 21/40 Prozent des staatlicherseits veranlagten Einkommens festgesetzt worden ist." Bei dem allgemeinen Interesse für diesen Gegenstand gebe ich eine Richtigstellung in nächster Nummer Ihres geschätzten Blattes anheim. Berlin, 8. Oktober. Hochachtungsvoll Selmar Solmitz, Vorsitzender der Veranlagungskommission der jüdischen Gemeinde. Briefkasten Ler Redaktion. 0. in Mitan: Professor L. ist kein Jude. Er stammt ans einer alten protestaictischen Familie in Westpreußen. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.

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