Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 66 (1902)
- Issue
- Heft 41 (10.10.1902)
- Date
- 1902-10-10
- Page
- Seite 491 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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491 seilen ausländischen Lieferanten bedeutende Aufträge in Khakistoffen. Er sandte mehrere Packete mit Kleidern nach dem Kriegsschauplätze und verfehlte gleichzeitig nicht, diese Sendungen in seiner Lieblingszeitung gebührend rühmen zu lassen. Nach und nach merkte er, daß das Kriegsfieber, über dessen Auftreten er in den Spalten seiner Zeitung las, auch sein llleidergeschäft anzustecken begann — daß seine eigenen Ladensriwengel voll abenteuerlichen Entschlüssen in fieberhafte Aufrgung versetzt waren. Ohne Zweifel waren Kriegsrnikroben ir dem Khaki, den sie hantirt hatten, ungemein zahlreich vorhanden gewesen. Wie dem auch sei, S. Cohn, stets rasch von d m Einfluß des Zeitgemäßen erfaßt, theilte seinen Angestellten int, daß ein Jeder von ihnen, der in den Kamps fürs Vaterland ziehen werde, eine Extravergütung erhalte, und das; il re bisherigen Stellen bei der Rückkehr für sie offen sein würden. Am folgenden Samstag veröffentlichte seine Zeitung dieses patriotische Anerbieten: „Auf unsere Nachfrage in dem Geil lüftslokal des Herrn S. Cohn — der große Kleiderlieferant .m der Halloway Road — wurde unserem Vertreter mitg theilt, daß nicht weniger als fünf junge Leute die Gelenheit, welche ihnen der patriotische Enthusiasmus ihres Arbeitgebers boten, benützt haben re." Dem patriotischen Salomon wurde am nächsten Sabeath die Ehre zu Theil, zur Thora aufgerufen zu werden, und zwar, wie es einem Sohne Aarons gebührt, zuerst. Er i chlte beinahe seinen provinzialen Stolz wieder erwachen, als er den Segensspruch laut hersagte: „Gelobt seist Du, >>err unser Gott, der uns von allen Völkern erivählt und ns sein Gesetz gegeben hat." Doch ein Tropfen Bitterkeit war in dem Freudenbecher! „Warum war Simon nicht in der Synagoge?" fragte er wnie Frau, als sie, die Gallerietreppe herunterkommend. ihren l heherrn in der Vorhalle antraf, wo die Versammelten ländernd verweilten. „Weiß ich?" murmelte Frau Cohn, indem sie unter ihrem Schleier erröthete. „Als ich das Haus verließ, sagte er mir, er werde kommen." „Er wußte nicht, daß man Dich zur Thora aufrufen werde." „Darum handelt es sich nicht," brummte er. „Denk, ivas für ine wunderschöne Kriegspredigt er vermißte. In diesen trüben wagen sollten wir an unser Vaterland denken, nicht an unsere Vergnügungen." Hiermit führte er sie ärgerlich hinaus, wo ne glänzend gekleideten Shnagogenbesucher, die noch beim Meggehen anerkennende Bemerkungen über die Rule Britanniaredigt austauschten, einen unbestimmten Farbenton auf dem winterlichen Pflaster bildeten. -i- H Der Ruchlose erschien am Mittagstisch in gedrückter Stimmung. „Wo bist Du gewesen?" donnerte S. Cohn, der, sich selbst üe älter fühlend, in dem Wahn befangen war, Simons Entwickelung stände ebenfalls still. „Ich habe einen Spaziergang gemacht; es war ein schöner Morgen." „Und wohin bist Du gegangen?" „Ach, kümmere Dich nicht darum." „Aber ich will mich darum kümmern! Wo warst Du?" Simon wurde mürrisch. „Es macht nichts aus — sie wollen mich nicht haben." „Wer will Dich nicht haben?" „Das Anwerbebüreau." „Gott sei Dank!" brach Frau Cohn aus. „Was ist das?" — Herr Cohn blickte verständnißlos von Einem zu der Andern. „Es ist nichts; er war ausgegangen, die Einschreibung neuer Rekruten und dergleichen zu sehen. Deine Suppe wird kalt, Salomon." Aber S. Cohn hatte seine goldene Brille abgenommen und reinigte sie mit einer Serviette, was stets das Vorzeichen einer stürmischen Mahlzeit war. „Es scheint mir, daß etwas hinter meinem Rücken vorgegangen ist," sagte er, von der Mutter zum Sohn blickend. „Nun wohl, ich wollte Dich nicht mit Simons verrückten Anschlägen beunruhigen," murmelte Hannah. „Doch, Gott Dank, es ist jetzt alles vorbei." „Oh, es wäre besser, er wüßte darum," sagte Simon mürrisch, „besonders, da ich mich nicht so abschnppen lassen werde. Es ist alles dummes Gerede, ivas der Arzt sagt. Ich bin so stark, wie ein Pferd, und noch mehr, ich kann reiten." „Hannah. willst Du mir erklären, was dies Meschuggas (Tollheit) bedeutet?" schrie S. Cohn, in seine verpönte Sprechweise zurückfallend. „Ich muß in der; Krieg gehen, gerade wie andere junge Leute." „Was," schrie S. Cohn, „Dich anwerben lassen! Du, den ich als Gentleman erzogen habe!" „Aber es sind Gentlemen, die gehen, die Lit^ Imzcorial Voluntoei.^!" „Tko Volmitsoi^! - aber das sind meine eigenen Ladendiener." „Nein, es sind Gentlemen darunter. Lies Deine Zeitung." „Aber keine reichen Inden!" „O ja, ich habe mehrere von Bayswater gesehen." „Wir Juden in diesem begnadigten Lande," schaltete Hannah eifrig ein. „in Dankbarkeit gegen das edle Volk, das uns alle Rechte gegeben hat, müssen —" S. Cohn war überrascht von diesem halb unbewußten Citat aus der Kriegspredigt von diesem Morgen. „Ja, wir müssen Beitrüge zeichnen und dergleichen mehr," unterbrach er seine Iran. „Wir müssen kämpfen," sagte Simon. „Du kämpfen!" — Sein Vater stieß ein Hohngelächter aus. „Was! Du würdest Dich mit Deiner eigenen Flinte todtschießen." Er war seit dem Tage, an dem ihn der Reverend mit solcher Geringschätzung behandelt hatte, nicht so außer sich gewesen. „Oh, Du denkst, ich würde!" Simon kräuselte die Lippen und nickte bedeutungsvoll. „So sicher, als heute der heilige Sabbath ist. Und Du würdest an Dein eigenes Bajonett gespießt werden, wie ein widerspenstiges Schwein." Simon stand auf und verließ den Tisch und das Zimmer. Hannah hielt ihre Thrünen vor dem Dienstmädchen zurück. „Da!" sagt sie, „jetzt schmollt er und wird nicht essen." „Habe ich nicht gesagt: ein widerspenstiges Schwein! So war er immer, von seiner frühesten Kindheit an. Aber sein Magen bringt ihn immer wieder zur Vernunft." Er setzte seine Mahlzeit mit der Miene eines tief gekränkten Mannes