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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1902-10-10 · Heft 41 (10.10.1902) · p. Seite 489

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
66 (1902)
Issue
Heft 41 (10.10.1902)
Date
1902-10-10
Page
Seite 489 (sequence 11)
Language
German
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48S .jebilde ist. Der Wohlthäter des ^ervisll Mieologieal Zeminai^ ok ^msriea, Jakob H. Schiff, fügte selbst in seinem an das Kuratorium des früheren,tovvml, HwolvKical Loiuinarv gerichteten Briefe, als er sie zur Amalgamirung einlud, die neue Anstalt werde ihren Schülern völlige Freiheit lassen, aber doch in so konservativem Geiste geleitet werden, um den Ansprüchen der vernünftigen Orthodoxen (reasonadle ortlicxlvx) zu genügen. Als Replik gab ein Jargonblatt den Witz zum besten 871X1 ,1117l8 LNLN I2N1VN »Der Schechter is gekimmen und hat geschächt die Thora". Wäre eine Stärkung der Orthodoxie beabsichtigt gewesen, hätte man ja die neuen Schenkungen der bestehenden orthodoxen Anstalt zuwenden können. Die Amalgamirung vollzog sich nicht ohne Widerspruch, und einer der Kuratoren erklärte im Oironiel«, die Anstalt sei den Reformern ausgeliefert worden?) Eine weitere Seeschlangengeschichte, die ebenfalls durch alle Blätter die Runde machte, ist der Bericht, daß die Rabbiner- Versammlung in New-Orleans den Beschluß gefaßt Hab«, den Sabbath auf den Sonntag zu verlegen. Ein solcher Beschluß ist weder gefaßt noch auch nur verhandelt worden. Was dem Berichte Tatsächliches zu Grunde liegt, ist Folgendes: In der Versammlung, die vom 5. bis 10. Mai in New-Orleans tagte, erstattete der Rabbiner Jakob Voorsanger aus San Francisco ein Referat über die Sabbathfeier. In diesem Referate beklagte der Redner die Thatsache, daß der Sabbathgottesdienst stetig an Bedeutung verliere. Einen eigentlichen Antrag stellte er nicht, sondern begnügte sich, die Einsetzung einer Kommission zum Studium der Frage zu verlangen. In der Debatte stellte sich die weitaus größere Mehrzahl auf den Standpunkt des traditionellen Sabbath, nur zwei jüngere Rabbiner, Enelow aus Louisville und Wolsey aus Hot Springs, Arkansas, sagten, der Wortlaut der Sabbathgebete stehe im schreiendsten Widerspruch zu den thatsächlichen Verhältnissen, und es sei unmöglich, den traditionellen Sabbath zu neuem Leben zu erwecken. Daraus machte ein sensationshungriger Reporter einen Beschluß, den Sabbath auf den Sonntag zu verlegen. Der Rabbiner der Newyorker Sefardim-Gemeinde, Henry Pereira Mendes, der gern die Orthodoxie zur Aktion aufrufen möchte, obwohl die Disparität der orthodoxen Elemente eine gemeinsame Aktion nicht aufkommen läßt, berief ein Protestmeeting, in dem man seine Muskelkraft an der Luft übte. Andererseits erklärte Emil G. Hirsch in Chicago, dessen Gemeinde die einzige in Amerika ist, welche den Sabbath „überwunden" hat, in der bei ihm beliebten kräftigen Weise: „Nur Millionäre und Hausirer können den Sabbath feiern; der Sabbath ist todt; laßt uns ihn begraben!" Andererseits hat Hirsch selbst, als er nach dem Tempel Emauuel in Newyork berufen wurde — er lehnte den Ruf später ab — erklärt, er betrachte den Sonntagsgottesdienst nur als einen Nothbehelf und würde in einer Stadt, in welcher nur eine Synagoge bestehe, entschieden dem Aufgeben des Sabbathgottesdienstes opponiren. Im letzten Winter hat er übrigens an dem todten Sabbath in der Gemeinde Israel regelmäßig gepredigt, und dasselbe hat er in früheren Jahren in der Ziongemeinde gethan. Andererseits hat er früher erklärt, sein Gottesdienst habe wohl ein Publikum, aber keine Gemeinde (an auclienee but no coiigrogatiou). Hirsch ist nach Art genialer Menschen sehr impulsiv und seine >) Wie wir eben lesen, wird auch unser hochgeschätzter Mitarbeiter Dr. Köhler, einer der gelehrtesten Resormrabbiner Amerikas, an dem neuen Seminar Vorlesungen hatten. Die Red. Aeußerungen sind in der Regel von dem Unmuth des Augen blicks diktirt. Auf alle Fälle'steht er vereinzelt da. Meine Zeit gestattet es mir leider nicht, ein ganz genaues Bild der amerikanischen Zustände oder auch nur der Verhandlungen der letzten Rabbinerversammlung zu geben. Als bezeichnend für unsere Verhältnisse mag hervorgehoben werden, daß die durchaus freisinnige Diskussion über „unsere Stellung zur Bibel" im Publikum gar keine Aufregung hervorrief, während über die imaginäre Sabbathverlegnng sich ein solcher Sturm der Entrüstung erhob. Wir sind eben noch immer mehr an dem Gesetz als an dem Dogma interessirt. Worauf es mir hauptsächlich ankam, war, an einem Beispiele ans der Gegenwart zu zeigen, wie Thatsache» selbst in zeitgenössischen Berichten entstellt werden, und wenn heute in Berlin so falsche Anschauungen über das herrschen, was vor vierzehn Tagen vorging, will uns Herr Halevy mit apodiktischer Gewißheit erzählen, was vor fünfzehn Jahrhunderten in Pumbeditha vorgegangen ist, und die Orthodoxie jubelt über den gelungenen Wurf! Wie treffend sagt Boileau in seinen Satiren über Scudsry: les scrits, il sst vroi, ssns xoül et IkwZuissrmts, 8emblsut vtre verits so üepit cls bon Zeus, Klais II tioursut »ourtant, g»oi gn'oii >>sut «lies IIn inarcbanä poui' les vsuäie et <lss sots pour Iss lirs. Aer Antheil der Juden an dem Aufblühen der Serdenindustrre in Kerlin im 18. Jahrhundert. Von Albert Cohn. II. m Jahre 1740 starb Friedrich Wilhelm I. und ihm folgte auf dem Throne Friedrich II., der Große. In den gigantischen Umfang derAnfgabsn für den Staat, die Friedrich sich stellt, reiht er vor allem auch rastloses Schaffen für die Industrie. In den Mitteln dazu beschreitet er die Bahnen seines Vaters; aber er weitet sie aus, vervielfältigt sie, beseelt den überlieferten Organismus auch dieser Thätigkeit mit der tausendfältig Leben zündenden Fülle seines Genies. Gleich in den ersten Wochen seiner Regierung schuf der junge König eine neue Abtheilung beim Generaldirektorium, das „fünfte Departement", welchem die Svrge für Handel und Industrie in ganz Preußen übertragen wurde. Unter den besonderen Aufgaben dieser Behörde stand die Förderung der Seidenindustrie obenan, und der König verlangte, daß sie zunächst auf diese vornehmlich ihr Augenmerk richten solle. Trotz der Toleranz, die Friedrich der Große in religiösen Dingen übte, und trotz der Freiheit, die er allen Konfessionen in den Angelegenheiten ihres Kultus zngestand, war er doch kein Freund der Juden, was in zahlreichen Edikten, Kabinetsordres und Randbemerkungen auf Eingaben zu Tage trat. Sein Prinzip war „zwischen Inden und Christen eine billige Proportion zu stiften", und sein Bestreben ging dahin, die Juden in seinen Staaten eher vermindert als vermehrt zu wissen. Trotz aller geistigen Größe, die dem Könige iunewohnte, war er eben ein Kind feiner Zeit, nicht nur in seiner Abneigung gegen die Juden, sondern auch in manchen anderen Beziehungen, zum Beispiel in seiner übermäßigen Vorliebe für französische Sprache und Sitte wie für französisches Wesen überhaupt.

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