Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 66 (1902)
- Issue
- Heft 41 (10.10.1902)
- Date
- 1902-10-10
- Page
- Seite 488 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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488 Gemeinde, der der entschiedenste Vertreter der konservativen Richtung in Amerika war. Sulzbergers persönliche Lebensführung ist keineswegs orthodox. Ueber gewisse Private Dinge kann man beim besten Willen nicht sprechen, ohne Indiskretionen zu begehen, die ich mir, da ich wiederholt Sulzbergers Gastfreundschaft genossen habe und den Mann aufrichtig hochachte, nicht gestatten kann; ich beschränke mich daher auf mehr offenkundige Thatsachen. Sulzberger ist ein sehr seltener Gast in der Synagoge, deren Mitglied er ist. Mir selbst sagte er darüber: „Die heutigen Chasannn sind ja nur eine Travestie auf den Stand (a sori^ oxe.uso tor a Haxan), und mir von den jungen Leuten etwas vorpredigen zu lassen, ist einfach lächerlich." Dabei muß bemerkt werden, daß der gegenwärtige Chasan der Gemeinde aus Marokko oder ans Gibraltar importirt wurde, und daß der Rabbiner ein Schüler des HieoloKieal Seminar)' in Newyork ist. Noch markanter ist die Thatsache, daß Sulzberger vor einigen Jahren einen Vortrag in dem mit der Mikwe Israel-Gemeinde verbundenen Litteraturvereine hielt, in dem er zunächst die These ausführte, daß es kein absolutes Gesetz gebe, daß ein Gesetz, heute promulgirt, morgen schon derartige Interpretationen nvthig machen würde, daß seine Ausführung schon ein neues Gesetz wäre. Ich hatte kurz vorher (1898) meine Broschüre „Lloctern Orthodox;'" geschrieben, in der ich dasselbe mit Belegstellen aus der rabbinischen Litteratur des Weiteren ausgeführt hatte. Ich schickte sie an Sulzberger, indem ich auf unsere Jdeenverwandtschast hinwies. Er aber behauptete immer noch, daß seine Theorie nichts mit Reform gemeinsam habe. Viel mehr Aufsehen erregte er mit einer anderen These desselben Vortrages. Einem Familienvater mit zehn Kindern heute zuzumuthen, daß er den Sabbath feiere, bedeutet so viel als eine Aufforderung, einen mit Fett bestrichenen Mastbaum zu erklettern. Was thun, um den Segen der Sabbathfeier zu retten? Sulzberger schlägt einen „Sabbath schein" (sie!), d. h. also einen supplementären Sonntagsgvttesdienst vor. Die Orthodoxie war entrüstet, obwohl der Vorschlag von einem Antireformer kam, und selbst ein junger Reformrabbiner bemerkte treffend, der Jomtoiv scheni setze einen heiligeren Jomtow rischon voraus, während der Sabbath scheni die Heiligkeit des Sabbath rischon abrogire. Jedenfalls ist aus dem Gesagten ersichtlich, daß Sulzbergers Orthodoxie von dem Würzburger oder Frankfurter Typus noch viel gründlicher abweicht als diese beiden von dem Kremenczuker oder dem marokkanischen. Seine Triebfeder ist in der That der mächtigste Hebel weltgeschichtlicher Evolution, der Gegensatz. Dieser ist schon in dem sefardischen Stolz gegenüber „Io spirito tockeseo", wie Pius IX. zu sagen Pflegte, begründet. Er hat auch noch einen Persönlichen Charakter in der kindlichen Pietät Sulzbergers gegen seinenLehrer JsaakLeeser und in seinem bitteren Haffe gegen alles, was mit Isaak M. Wise zusammenhängt. Leeser war ein Westfale und unter dem Einflüsse des Oberrabbiners Abraham Sutro, desselben, der „Die Kämpfe des Herrn" gegen die „Rabboniin-Orgeldreher" schrieb — und dessen Enkel meist getauft sind, erzogen. Als sechzehnjähriger Jüngling, 1822, nach Amerika gekommen, trat er in ein Geschäft ein, wurde aber später „Minister" der portugiesischen Gemeinde in Philadelphia und entwickelte eine reiche Thätigkeit als Herausgeber der Monatsschrift „Oeeickeiit" seit 1844, als Uebersetzer der Bibel und des sefardischen Rituals in das Englische, als Uebersetzer von Johlsons Religionsbuch, dessen Nationalismus er allerdings etwas eigenmächtig „interpretirte", und auch als Organisator der Religionsschule, die er zum Verdrusse der deutschen Rabbiner, zum Beispiel Einhorns, nach amerikanischen Bedürfnissen, die allerdings nicht das Ideal sind, gestaltete. Ich habe Leeser nicht gekannt, da er 1868 starb, und bin daher in Bezug auf die Beurtheilung seiner Persönlichkeit auf die Berichte Anderer angewiesen. Alle, selbst diejenigen, die seinen Prinzipien längst untreu geworden sind, stimmen darin überein, daß er ein lauterer, selbstloser Charakter, ein strebsamer Arbeiter und vor allem — was übrigens aus seinen Schriften hervorgeht — ein bescheidener Mensch war, was besonders im Lande ^der Reklame hoch angeschlagen werden muß. Isaak M. Wise war eine ganz entgegengesetzte Natur. Realpolitiker, während Leeser Romantiker war, trat er zu diesem früh in scharfen Gegensatz. An und für sich ein wohlwollender, herzensguter Mensch, gebrauchte Wise, wie alle bedeutenden Menschen seinen Gegnern gegenüber das schonungsloseste Kriegsrecht. Seine Energie, seine weise Berechnung realer Verhältnisse, sein organisatorisches Talent und endlich sein langes Leben machten ihn zum Sieger. In seinen Memoiren, ursprünglich etwa 1875, in der „Deborah" in deutscher Sprache erschienen und nach seinem Tode in englischer Uebersetzung herausgegeben, spricht er von Leeser in sehr geringschätzigem Tone, was Sulzberger aufs Aeußerste erbitterte. Vielleicht hat diese Erbitterung den direkten Anstoß dazu gegeben, daß Sulzberger seinen Einfluß auf die ihm verwandte Familie Guggenheimer und auf den ihm befreundeten Jakob H. Schiff verwendete, um eine Anstalt zu begründen, die den Prinzipien Wises entgegenarbeiten sollte. Hierin liegt wieder eine Lektion für Herrn Halevy und seine orthodoxe Claque. Man muß das persönliche Element selbst in der Gesetzeskontroverse gebührend zu würdigen wissen. Mir fällt es zum Beispiel nicht im Entferntesten ein, die Aufrichtigkeit S. R. Hirschs in seinem Auftreten gegen Grätz und Frankel zu bestreiten; trotzdem kann es auf die Art seiner Kampfesführung nicht ohne Einfluß gewesen sein, daß Frankel ihn vornehm ignorirte, und daß Bernhard Beer schrieb, Frankel habe viel Wichtigeres zu thun, als sich mit „Siddur- Lomdim" abzugeben. Die ältere Zeit giebt uns ja auch derartige Beispiele in Fülle. Jakob Emden verzeichnet in seiner Autobiographie das von ihm allerdings als Verleumdung bezeichnete Gerücht, daß seine Frau schon vor der Ankunft Jonathan Eybeschützs gesagt haben solle: „Mein Gatte hat schon das Messer geschlissen, um den Eybeschützer zu treffen." Jedenfalls spricht er selbst von dem Rabbinat in Altona als dem Erbe seiner Väter. Isaak ben Schescheth erzählt in seinen Gutachten (Nr. 6V), daß ein Rabbiner in der Grabrede auf einen hervorragenden Mann ihm hämische Seitenhiebe versetzt habe und er selbst beschuldigt Chaim Gallipapa, in der Eesetzauslegung lax gewesen zu sein, um sich auf diese Weise populär zu machen. Was in Norddeutschland im 13. und in Algier im 14. Jahrhundert galt, gilt sicherlich auch für Palästina und Babylonien im 2. Jahrhundert, und zum Ueberfluß erzählt auch der Talmud (Horajoth 14, d), daß R. Meir und R. Nathan aus Eifersucht den Patriarchen R. Simon ben Gamliel in seinem Ansehen beim Volke herabzusetzen suchten, und daß dieser wieder Vergeltung übte, indem er die Namen seiner Gegner bei Anführung ihrer Meinungen verschwieg. So sagenhaft die Erzählung im Einzelnen ist, so richtig sind jedenfalls ihre psychologischen Motive wiedergegeben. Das Fazit bleibt, daß di« angebliche orthodoxe Renaissance, von der man mir überall in Europa erzählt hat, ein Phantasie-