Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 66 (1902)
- Issue
- Heft 41 (10.10.1902)
- Date
- 1902-10-10
- Page
- Seite 487 (sequence 9)
- Language
- German
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487 welche große Bedeutung diese Angelegenheit für die Juden haben müsse. Es traf sich gerade so, daß der Unschuldige ein Jude war. Sie begreifen, daß ich stets auf Seiten der Verfolgten und gegen die Verfolger bin . . . Sprechen Sie Ihren Glaubensbrüdern meine tiefste Sympathie aus," waren Zolas letzte Worte in dieser Unterredung. Er bezeichnet es selbst als einen Zufall, daß er gerade für einen Juden eintritt, aber wir müssen diesem Zufall dankbar sein, der eine so überragende Persönlichkeit schließlich zwang, sich mit dem Judenthume näher zu beschäftigen, der in dem Kampfe gegen die militaristisch-klerikale Verschwörung im Grunde nur den Antisemitismus bekämpfte, der in diesem Toben die wundervollsten, kühnsten Streitschriften erließ: „heitre ü In Crnnee", „I-eltre n la ^eunesse" und das klangvolle, mächtige „J'aeense". In seinem Brief an die Jugend findet sich folgende Stelle: „Die jungen Leute sind Antisemiten. So etwas giebt es doch? nicht wahr? Es existiren in der That junge Kopse, junge Gemiilher die dieses Gift schon angefressen hat. Welch ein Unglück, welche Gefahr für das beginnende 20. Jahrhundert! Einhundert Jahre nach der Proklamation der Menschenrechte, hundert Jahre nach dem höchsten Akte der Duldsamkeit und der Befreiung kehren wir zu den Religionskriegen zurück, zum abscheulichsten und dümmsten Fanatisnins! Dies ließe sich noch verstehen bei gewisseil Personen, die eine Rolle zu spielen haben, die eine Stellung wahren und ihren unersättliche» Ehrgeiz befriedigen wollen, nicht aber bei Heranwachsenden jungen Männern, welche ihre Studien betreiben zur Entfaltung aller Rechte und Frei° heiten, von denen wir geträumt haben, daß sie im nächsten Jahrhundert hell leuchten werden. Sie sind die erwarteten Helfer, und wenn sie sich heute als Antisemiten bekennen, so heißt das nichts anderes, als daß sie das neue Jahrhundert mit der Massakrirung der Inden beginnen werden, weil diese Mitbürger einer anderen Rasse und einem anderen Glauben angehören; eine schöne Aussicht für die Durchführung unserer Träume von Gleichheit und Brüderlichkeit! Wenn die Jugend wirklich da angelangt wäre, so müßte man sein Haupt verhüllen und an jeder Hoffnung und jedem Glücke der Menschen vertagen!" Mit überzeugender Gewalt und heiligem Eifer schleuderte Zola diese Worte in das Volk. Haben sie etwas genutzt? Haben sie geschadet? Es ist vielleicht noch nicht an der Zeit, heute darüber zu urtheilen, es wird die Aufgabe einer künftigen ruhigen Geschichtsforschung sein, diesen Kampf gegen klerikale Engherzigkeit und antisemitische Finsternis; kritisch zu beleuchten — wir selbst haben als Zeitgenossen zu lebhaft diese aufregende Epoche miterlebt, uns zu sehr von Antipathien und Sympathien für und gegen Dreyfus leiten lassen. Denn man wird das Auftreten Zolas vielleicht von der Affäre Dreyfus loslösen müssen, die endlich nur noch das Mittel zum Zweck war. Es handelte sich nicht mehr um den Juden, sondern um die Juden und um die Befreiung Frankreichs vom drückenden jesuitischen Joche. Vier Jahre sind vergangen seit der Revision des Dreyfusgerichtes, seit der Verurtheilung Zolas, seiner Flucht und Verbannung in England. Hat sich in diesen vier Jahren etwas geändert und gebessert? Vielleicht. Heute tobt in Frankreich ein neuer Kampf, der Kampf gegen die jesuitischen Schulen und Klöster. Darf man ihn mit den Stürmen der Dreyfustage in Verbindung bringen? Ich denke wohl. Wozu er führen wirdweiß man noch nicht; schlimmer wird es aber wohl kaum wieder werden können. Denn unverrückbar fest in der Erinnerung wird das Auftreten Zolas bleiben, dieses Märtyrers seiner Ideale und Hoffnungen. Man wird dabei nicht vergessen dürfen, daß er als Fünfziger erst in das politische Leben eintrat, gerade in dem Augenblick, da er den Zenith seines litterarischen Ruhmes überschritten hatte. Er stand mit seinen Werken, die an schöpferischer Kraft sichtlich nachließen, an überquellender Redseligkeit — keeonäite — zunehmen, nicht mehr im Mittelpunkt des geistigen Lebens, er fing an, sich zu überleben. Darum wird man nicht ganz den Gedanken Vieler schmähen dürfen, daß er deshalb in die „Affäre" eingriff, daß er sich auf anderem Boden den verlorenen Platz wieder erobern wollte. Diese Annahme wird sicher nicht Vielen Zusagen, aber selbst wenn sie restlos richtig wäre, würde sie das Andenken an Zolas Eingreifen in irgend einer Weise beeinträchtigen können? Die heilige Begeisterung, das Wegwerfen aller Persönlichen Vortheile, der Kampf gegen eine entfesselte Welt, Haß, Verleumdung, unversöhnte Wuth der Klerikalen und Nationalisten bis! zum Tode und über das Grab hinaus, das alles haben wir! mitangesehen und miterlebt, wir wissen, daß seine Ehrlichkeit echt war, sein Martyrerthum heldenhaft, und das danken wir ihm. „Für mich sind die Juden ebensogut Menschen wie alle anderen. Sind sie allein, so hat man sie dazu veranlaßt." Diese Worte, die schon oben zitirt, finden sich in dem Börsenroman I-'^r^ent. „Sind sie allein" .... Sie sind es aber nicht mehr, denn Zola ist für sie eingetreten, und er wird bei ihnen bleiben, auch über das Grab hinaus. . . -o- Vom Diesseits über das Jenseits. Amerikanische Briefe aus Oesterreich. Von Professor Dr. G. Deutsch in Cincinnati. IV. mer der wichtigsten Faktoren bei der Gründung des jüdisch-theologischen Seminars in Newyork ist Mayer Sulzberger in Philadelphia, eine der markantesten Erscheinungen im jüdischen Leben Amerikas. Sulzberger ist ein Kind süddeutscher Eltern, vielleicht auch selbst in Süddeutschland geboren, aber jedensalls in so frühem Alter nach Amerika gekommen, daß er als Amerikaner gelten kann. Er war ursprünglich Lehrer, widmete sich dann der Advokatenlaufbahn und wurde einer der angesehensten Anwälte Philadelphias und vor einigen Jahren zu dem Amte eines JuclAe ot' Common klon«, etwa dem Range eilies Landgerichtsrathes entsprechend, gewählt. Ein Mann von faszinirender Erscheinung, ein scharf geschnittener Jmperatorenkopf mit dichtem grauen Haar, ist er zugleich ein Meister der Rede. Dabei besitzt er ein für einen Nichtfachmann bedeutendes Wissen auf dem Gebiete der jüdischen Litteratur, ist Kenner und verständnißvoller Sammler auf diesem Gebiete. Seine Bibliothek ist außerordentlich reich an Kuriosa, Manuskripten und Alterthümeru. Hagestolz und vermögend, ist er auch ein liberaler Förderer der jüdischen Litteratur. Seiner religiösen Stellung nach ist er insofern orthodox, als er Antireformer ist. Sohn eines Beamten der orthodoxen portugiesischen Mikive Israel-Gemeinde in Philadelphia, ist er in den Kreisen ausgewachsen, denen in Philadelphia so gut wie in London der Konservatismus, mindestens in der Synagoge, ein noblesso oi»Ii»e ist. Ferner war er unter dem Einflüsse Isaak Leesers, des langjährigen „Ministers" der Mikwe Israel-