Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 66 (1902)
- Issue
- Heft 41 (10.10.1902)
- Date
- 1902-10-10
- Page
- Seite 486 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3224737-3228473-3228515--59105-3295603- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
486 eine bedeutende Rolle. Und da wird nicht etwa das Wundervolle und Blendende, das Anziehende und Seltsamscheinende der jüdischen Religion in liebevollen Zügen entworfen, von vergangenen Kämpfen und vergangener Größe ist nicht die Rede. Einzig, was auch den übelwollenden, ungebildeten Menschen von heute aufreizt und verletzt, das Aufhüufen von Millionen, die krankhafte Gier nach Geld und Gold, das lesen wir in Zolas „I^i-Koiit". Eine winzige Episodenfigur, ein stiller, kranker Träumer, sucht einen anderen Ton diesem Gemälde aufzuprägen, aber sie verschwindet in diesem Gigantenkampfe zwischen dem allmächtigen Juden Gundermann (Rothschild) und dem Phantasten Saccard, dem skrupellosen Spekulanten. Sympathischer für den Leser ist vielleicht — Gundermann, der Jude, der kalt, berechnend und mit starrer Konsequenz sein Ziel verfolgt: der tollköpfige, wahnsinnige Katholik, der geschickt mit religiösen Fragen Fangball spielt und dabei Millionen in den geöffneten Händen anffängt, scheint rauher, härter — aber nur auf den ersten Blick. Zola selbst stellt ihn nicht als den Schuft hin, der er ist, eher als eine Art fanatischer Neligionsschwärmer, der, umgekehrt wie Mephisto, „stets das Gute will und stets das Böse schafft". Viel Sympathie für die Juden wird man ans diesem Buche nicht herauslesen können, selbst wenn ein schönes Wort der Hauptheldin in der Erinnerung auftaucht: „l'our moi, Ie8 zuit's, co 80nt äes Iiommes eomine Io8 rnüre8. Ü'i>8 sonl u pari, e'est gu'on Iss y u mi.8." In seiner anderen Rvmanserie „llss trcÜ8 villes" streift Zola nur die Judenfrage. Nicht Juden selbst kommen in „Ur»i8" vor, sondern nur die getauften Kinder eines jüdischen Bankiers — wieder sind es nur Geldmenschen, die er zeigt. Die Kinder und Enkel, die vom Judenthum nur noch wenig in ihren blutleeren Adern haben, sind verderbt, nicht weil sie Inden sind oder waren, sondern weil sie die echten Kinder ihrer Zeit sind. Die schöne, genußsüchtige Jüdin und der dekadente Adelige können keine gesunden, kräftigen Kinder erzeugen, die Nachkommen dieser Ehe, meist ans kleinlicher Eitelkeit von der einen Seite und kluger Berechnung von der anderen geschlossen, werden nur das Wiederspiel der Eltern sein können, die würdige Frucht eines absterbenden Baumes. Darum ist die Behandlung der Juden in diesem Roman vielleicht wichtiger und bedeutungsvoller als im „I/^rg-enst', wo wir in Gundermann nur den großen, nüchternen Kaufmann kennen lernen; in das intime Seelen- und Familienleben leuchtet Zola erst in „Uari8" herein. Daß er die recht verfaulten, unerquicklichen Zustände an das Tageslicht zieht, ist nicht besonders erfreulich, aber es ist nur die logische, nothwendige Entwickelung eines großen und sittlichen Gedankens. „Sv lange nicht mit fester Hand eingegriffen und die Geschwüre, die sich am Körper unserer Zeit finden, ausgeschnitten iverden, ist keine Rettung und keine Hilfe möglich." Und deshalb, nur deshalb, schildert Zola einzelne Juden so, wie er sie sieht und wie sie — sind; Antisemit ist er aber keineswegs, ein Wahrheitsapostel, der alles erkennt, und, was wichtiger, alles — sagt. Noch einmal behandelt er die Juden in seiner letzten großen Arbeit: „Die vier Evangelien", die unvollendet bleiben sollte. Zwei Theile sind bereits erschienen, Travait und t-'oeomlitö, der dritte, Is Vöritö, wird gegenwärtig in Paris in der „Furore" abgedruckt. Aber hier muß man nicht mehr allein an den Rvmanchriststeller denken; der Politiker, der Mensch Zola spricht aus diesem Roman, der die Dreyfus-Affäre behandelt, der die Erfahrungen Zolas in dieser bösen Zeit enthält und mit einem — Ritualmord beginnt, an einen anderen Sensationsprozeß anknüpfend, den noch heute unaufgeklärter» Lustmord an einem Knaben in einer Klosterschule in Lille. Zola läßt den Verdacht auf einen Volksschullehrer Simon fallen, der Israelit ist. Simon findet einen eifrigen Vertheidiger in einem christlichen Kollegen Marc, der sich seiner warm annimmt und der über den Juden Simon einige Worte sagt, die die Wiedergabe verdienen. „Mnrc, der die Juden aus einer Art angestammten Widerwillens und Mißtrauens, dessen Gründe er trotz seiner sehr liberalen Gesinnung nie zu untersuchen sich bemüht hatte, nicht besonders liebte, bewahrte dennoch Simon, den er duzte, ein freundschaftliches Andenken vom Seminar her. Er pflegte von ihm zu sagen, er sei sehr intelligent, ein sehr guter, von seiner Pflicht durchdrungener Lehrer. Er fand ihn jedoch zu kleinlich, zu fest am Buchstaben klebend, einen Sklaven des Reglements, sich der engsten Disziplin fügend, immer von der Angst besessen, schlecht augeschrieben zu iverden und seine Vorgesetzten nicht zu befriedigen. Er konstatirte da bei ihm eine gewisse Furcht der Nasse, die unter der Verfolgung so vieler Jahrhunderte die beständige Angst vor der Beschimpfung und vor dem Unrecht bewahrt hatte. Simon hatte übrigens gute Gründe, ans seiner Hut zu sein, denn seine Ernennung in Maillebois, einer klerikalen Kleinstadt, wo es eine Schule der Lehrbrüder und ein mächtiges Kapuzinerkloster gabwar beinahe ein Skandal gewesen. Seine Eigenschaft als Jude konnte er nur durch große Korrektheit und namentlich durch einen glühenden Patriotismus in Vergessenheit bringen, indem er selbst in der Schule Frankreichs Waffenruhm erhob und es als zukünftige glorreiche Herrscherin der Welt hinstellte." In dem ersten Satze liegt so unendlich viel, wird so unendlich viel erklärt. Ueber den angestammten Widerwillen und das angestammte Mißtrauen werden auch sehr liberale Christen nur schwer hinwegkommen; die gewisse Furcht Derer, die unter der Verfolgung so vieler Jahrhunderte die beständige Angst vor der Beschimpfung und dem Unrechte bewahrt hatten, werden viele Juden nicht überwinden. Besser als aus seinen Werken, ergiebt sich aus diesen Worten Zolas Stellung zum Judenthum, seine eigene Anschauung, wenn man sich ihn an die Stelle des Marc, Dreyfus an die des Simon gesetzt denkt. Und wie wird nun erst seine Parteinahme im Dreyfusprozeß erscheinen nach dieser offenen Erklärung, nach diesem Zugeben des Widerwillens und Mißtrauens! Der Politiker Zola tritt in Erscheinung. Nicht der Anhänger eines kleinen beschränkten Parteigeistes, sondern der Führer in einem Weltanschauungskampf, nicht der eitle, selbstgefällige Parteimann, sondern der Streiter für das Recht, der ohlie Bedenken die Zwietracht in das geliebte Land trägt und seine eigene Sicherheit nicht achtet. Die Entwickelung der „Affäre", die alle Welt in athemloser Spannung hielt und in Frankreich besonders die wildesten Leidenschaften entfesselte, ist wohl noch allgemein bekannt, allgemein bekannt auch der weltgeschichtliche Moment, in dem sich Zola an die Seite des prachtvollen, auch schon verstorbenen Senators Scheurer-Kestner stellte und in der Gewißheit von der Unschuld Dreyfus' sich kopfüber in das Kampfgewühl stürzte. Und was er in dieser unglückseligen Sache that, that er nicht, weil Dreyfus ein Jude war, sondern trotzdem er ein Jude war. In einem Privatgespräch ließ er sich darüber einmal aus: „Ich kann nicht sagen, daß ich in dieser „Sache" ausschließlich für die Juden ins Feld zog, da die Sache ebenso Christen wie überhaupt die Gesellschaft trifft, doch habe ich nie vergessen,