Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 66 (1902)
- Issue
- Heft 41 (10.10.1902)
- Date
- 1902-10-10
- Page
- Seite 485 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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485 ethische Momente in der Förderung dieser Berufe liegen, von denen jedes allein Z'dokoh in wahrem Sinne genannt werden kann. Erfüllt es schon jeden Menschenfreund mit Grauen, wenn er fast täglich Kenntniß durch die Presse von Gerichtsverhandlungen erhält, in denen kaum dem Knabenalter entwachsene Menschen, die infolge der Verführungen und Versuchungen in der Großstadt auf die Bahn des Verbrechens gerathen sind, ihrer Strafe entgegensehen, so darf ohne Zweifel jede Unterstützung edel genannt werden, die einem Unternehmen zu Theil wird, die Jugend vor drohenden Gefahren zu bewahren. Um wie viel mehr ist es unsere Pflicht, die jüdische Jugend vor diesen Gefahren, hauptsächlich während der Lehrjahre, zu schützen — und Z'dokoh ist es, solche Aufgabe durch Geldmittel lösen zu helfeu. Zieht man ferner in Erwägung, daß die Zöglinge solcher Anstalten halb oder ganz verwaist oder Kinder unbemittelter Eltern sind, so wird das Verdienstliche, das in der Förderung dieser Jugend liegt, sofort augenscheinlich. Sollte endlich etwa nicht das auch Z'dokoh genannt werden, daß man zur Bekämpfung der judenfeiudlichen Verleumdung von der Scherl vor Handwerk und Arbeit ein Institut fördern hilft, das Juden dem Handwerk zuführt? Daß auch ein Stück sozialer Frage in der Unterbringung von Lehrlingen in ausschließlich für die Zwecke ihrer Beaufsichtigung und Verpflegung aus Privaten Mitteln errichteten Anstalten gelöst, und daß nur so die Heranbildung eines tüchtigen Handwerkerstandes gefördert wird, — rvas selbst vom preußischen Handelsministerium betont worden — ist, dies nur allgemein, nicht minder verdienstlich und edel. Nach diesen Ausführungen lenken wir die Aufmerksamkeit unserer mit Glücksgütern gesegneten Glaubensgenossen auf die Z'dokoh, die in der Unterstützung des Lehrlings Heims in Pankow liegt. Diese Anstalt, vor elf Jahren errichtet mit der Aufgabe, jüdischen Handwerkslehrlingen während der Lehrzeit Wohnung, Bekleidung, Beköstigung unentgeltlich zu gewähren und dafür zu sorgen, das; sie Fach- und Fortbildungsschulen besuchen, hat bereits eine große Anzahl von Zöglingen entlassen, welche mit bestem Erfolge die verschiedensten Handwerke (Schlosser, Maler, Mechaniker, Tischler, Uhrmacher, Klempner, Buchbinder, Gürtler, Gärtner, Goldarbeiter, Bildhauer, Schriftsetzer, Zimmerer, Maurer) erlernt haben. Sie hat sogar schon die Geuugthuung, mehrere ihrer ehemaligen Zöglinge, welche sich in guten Stellungen befinden, als ordentliche Mitglieder ihres Vereins zu wissen. Die Anstalt besitzt die Rechte einer juristischen Person, auch ein schuldenfreies Grundstück — aber leider keine Mittel. Das Kuratorium sah sich daher gezwungen, obgleich in der Anstalt Raum für 60 Zöglinge vorhanden ist, bisher nur 40 aufzunehmen. Dies liest man zwar ohne jede besondere Erregung. Erfährt man aber, daß in der letzten Kuratorensitzung von 18 Gesuchen nur 3 — sage und schreibe drei — genehmigt werden konnten, da blutet einem das Herz, und unwillkürlich fragt man sich, wie viele Hoffnungen strebsamer Jünglinge, weinender' Witwen, rathloser Väter mögen hier vereitelt worden sein! Und da ist es die Pflicht der Presse, und insbesondere halten wir, die wir seit Begründung der Anstalt ihr stets unsere Sympathie entgegengebracht haben, es für unsere Pflicht, unseren begüterten Glaubens genossen zuzuufen: In dieser ernsten Zeit der religiösen Feste seid des Lehrlingsheims eingedenk und greift einmal tiefer in eure Tasche. Nur durch mehrere große Zuwendungen kann ein Fonds aufgebracht werden, der diese gemeinnützige Anstalt in ihrer Existenz sichert! Seid davon überzeugt, daß es in jedem Sinne ein edles Werk ist, einen gesunden, arbeitsfreudigen Jüngling zum tüchtigen Handwerker heranzubilden, damit er seinen Angehörigen zur Stütze, dem Judenthum zur Ehre, der Menschheit zum Nutzen werde. Auch hier treffen die Worte des großen Jesaia zu: „Und spendet deine Seele dem Hungrigen und labst du gebeugtes Gemüth, so wird im Finstern schimmern dein Licht, und dein Dunkel wird wie Mittagshelle werden." Emile Zola. m Sonntag ist Emile Zola begraben worden. . . . lieber eine Woche ist vergangen seit dem Tage, da man ihn todt in seinem Schlafzimmer auffand, da die civilisirte Welt diese Schreckensnachricht mit Entsetzen empfing und sich zunächst gegen die volle Wahrheit sträubte. Ein wahnsinniger, unmöglicher Zufall sollte ihn des Lebens beraubt haben? . . . Man ist inzwischen ruhiger geworden. Die Schauer der ersten Stunde sind vorüber; das wilde Durcheinander, das die geschwärzten Arbeiter aus dem „6ermmal" und die eleganten Nichtsthuer ans „klrma", „dem Geist« der Zügellosigkeit", das die rollenden Millionen aus „I/^rg-ent" und die darbende Armuth aus „I/^ssommoir", das die frohe, jauchzende Jugend aus „b'eeoullits" und das gütige, überlegende Alter des „Doetor kaserll" vor dem geistigen Auge bildeten, hat sich gelöst und geklärt; zu einer harmonischen Gruppe geeint, umgeben all diese Figuren ihren geistigen Vater, der sich kraftvoll und mächtig aus dem Gewirr erhebt. Dem Romanschriftsteller Emile Zola gilt diese Apotheose, dem stärksten Naturalisten und feinsten Poeten, der diese beiden Gegensätze in sich vereinte, der beispielsweise in tortune ckes kiougou" von den düsteren, grauen Tagen des Staatsstreiches, von 1851 sich eine „entzückende Kinderidylle mit ihrer seltenen Anmuth" abheben läßt, wie er selbst sagte. Dem Romanschriftsteller müssen auch in einer Würdigung die ersten Worte gelten, dem Politiker und Wahrheitssucher die abschließenden. Selbstverständlich sollen an dieser Stelle keine allgemeinen litterarhistorischen Gedanken über Emile Zola wiederholt oder neugeprägt werden; das ist in den Tagesblättern zur Genüge geschehen; es soll hier nur die Stellung Zolas zu den Juden behandelt werden. Es ist natürlich, daß das Judenthum dem beobachtenden! scharfen Auge Zolas sich aufdrängen mußte in feiner ganzen, großen Bedeutung, die es im öffentlichen Leben nun einmal angenommen hat, und es ist erstaunlich, in wie geringem Maße sich Zola damit beschäftigt hat — wohlverstanden, der Romanschriftsteller Zola. In seinem Romancyklus „kioutzon-Naeguart" in zwanzig Bänden, der das menschliche Leben mit allen seinen großen und kleinen, räthselhaften und unverständlichen Leidenschaften und Kämpfen schildert, in diesem monumentalsten Bilde des modernen Lebens, spielt das Judenthum nur ein einziges Mal