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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1902-10-10 · Heft 41 (10.10.1902) · p. Seite 484

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
66 (1902)
Issue
Heft 41 (10.10.1902)
Date
1902-10-10
Page
Seite 484 (sequence 6)
Language
German
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484 für die Dauer des Krieges nach Kaptown zurückgezogen haben. Trotz aller Mühe können diese Armen, von denen ein großer Theil die früher gemachten Ersparnisse schon längst verzehrt hat, keine Erlaubniß zur Rückkehr nach Johannesburg erhalten. Dieselbe wird nämlich den Ausländern nur auf Verwendung der Konsuln ihrer resp. Heimathländer ertheilt, und die russischen Konsuln in Kapstadt und Johannesburg denken nicht daran, sich für die jüdischen Unterthanen des Czaren zu verwenden. Es wäre daher den russischen Juden dringend zu rathen, ihre Auswanderungslust für einige Zeit noch zu zügeln und abzuwarten, bis der Kriegszustand in Südafrika aufgehoben werden wird, was doch in allernächster Zeit geschehen muß. Dann wird die Auswanderung üach Südafrika nur noch mit denselben Kautelen umgeben sein wie die nach den Vereinigten Staaten von Nordamerika, und diese haben bekanntlich der Emigration namentlich von Juden wenig Abbruch gethan. ö Selbst die äußerste Spitze Ostasiens, die von halbwilden Heiden bevölkerte eiskalte und von feuchten Nebeln eingehüllte Halbinsel Korea, kann bereits eine jüdische Bevölkerung aufweisen. Die Juden Koreas sind freilich nicht in Korea selbst, sondern in weit davon entfernten Ländern geboren, ihre Wiege stand einst in den Ghettos von Rußland, Galizien und Rumänien, und nur durch eine Verkettung von sonderbaren Umständen find sie nach dem fernen Osten verschlagen worden. Die meisten von ihnen kamen über London und Indien, andere über Newhork, San Francisco und Japan, einige auch über das weglose Sibirien nach Korea, wo sie in Söul und Masampo bereits zwei kleine Gemeinden gegründet haben. Sehr interessant ist das Schicksal mancher Juden, welche über Shanghai nach Korea gelangt sind, da sie erst in China, Sumatra, Borneo und Java gewesen sind und erst nach manchem Mißerfolg und zahlreichen Schicksalsschlägen in Korea eine Zuflucht gefunden haben. Gegenwärtig dürfte Korea gegen 300 jüdische Familien ausweisen, die unter den „gottlosen Heiden" weit ruhiger und wesentlich glücklicher leben als früher in den Ländern der „Religion der Liebe". Die Koreaner erkannten nämlich sehr bald in den Juden ein werthvolles Element, das den Handel belebte und dem Verkehr in den Plätzen ihrer Niederlassung einen nie geahnten Aufschwung gegeben, in Korea den russischen Zucker, Spiritus und Petroleum eiugefnhrt und die Koreaner mit den Erzeugnissen der Lodzer Industrie bekannt gemacht hat. Außerdem haben die Juden eine große Anzahl von bis dahin in Korea gänzlich unbekannt gewesenen Handwerken eingesührt, so daß sie im edelsten Sinne des Wortes Kultur nach dem Osten getragen haben. Kein Wunder auch, daß Volk und Regierung von Korea die Inden mit Freuden begrüßen und es sehr gern sehen, wenn die beiden Gemeinden sich durch neue Einwanderungen immer inehr vergrößern. Eine größere Propaganda für die Emigration der Juden nach Korea wird von dem Vorsteher der jüdischen Gemeinde in Söul betrieben, einem österreichischen Jude», der vor kaum 12 Jahren über Hongkong nach Söul kam und durch rastlose Bemühungen es dahin gebracht hat, daß die Inden dieses Ortes sich zu einer regelrechten Gemeinde mit Shnagvge und Beamten organisirt haben. Z'dokoh - Wohlthätigkrit. 'schuwoh, T'filloh, Z'dokoh — Reue, Gebet und Wohlthätigkeit sind, wie man mehrfach in den Gebeten dieser zehn Bußtage hört, die Mittel, durch die wir die Abwendung eines verhänguißvollen Urtheils zu erlangen vermögen. Denken wir gar an den Spruch: „L'ckokoll ta/ü> mimovves, Wohlthätigkeit rettet vom Tode", so müßte man glauben, es gäbe für uns nichts Wichtigeres als wohlthätig zu sein, da wir ja alle Gott um Leben bitten. Weit gefehlt. Wie viele Menschen, die über reichliche Mittel verfügen, werfen ihr Geld für eitle Dinge hinaus und gehen theilnahmlos an dem darbenden und hilfebedürftigen Nebenmenschen vorüber! — Wie viel Noth, wie viel Thränen könnten bisweilen gestillt werden, wenn der mit Glücksgütern Gesegnete diese anstatt auf vergängliche Vergnügungen, auf Abwehr der Armuth seines Bruders verwandt hätte. Heute wie vor fast einem halben Jahrhundert haben die Klagen in Willstätters „Worte der Ermunterung zur Errichtung frommer Stiftungen" ihre bittere Wahrheit behalten. „Die Sitte," so beginnt er, „für religiöse oder sonstige edle gemeinnützige Zwecke Stiftungen zu machen, war in der früheren Zeit eine fast allgemeine in Israel. Selten hat irgend einer unserer mit irdischen Gütern reichlich gesegneten Glaubensbrüder das Zeitliche verlassen, ohne durch irgend eine milde Stiftung auch ein gesegnetes Andenken auf Erden zurückzulassen. Wie aber der religiöse und ein edler Gemeinsinn aus der Mitte Israels in der neuen Zeit fühlbar geschwunden und an deren Stelle ein Geist der Selbstsucht und ein vorzugsweise auf den Erwerb materieller Güter gerichtetes Streben getreten ist .... so hat auch jener edle Stiftungssinn vergangener Tage, einzelne rühmliche Ausnahmen abgerechnet, in der Neuzeit in Israel sehr bedeutend abgenommen. Und wir müssen, um mit den Worten der Schrift zu reden, „wahrnehmen, daß die Weisesten dahiusterben, vereint mit dem Thoren und dem Unwissenden dahinschwinden und Anderen ihr Vermögen hinterlassen", während sie es wenigstens theilweise segensreich für sich selbst verwenden könnten, wenn sie einen Theil desselben für edle gemeinnützige Zwecke stiften würden im Geiste jenes Schriftworts: „Die Milde, die du übst, bleibt ewig dir eige u." Und werden schon Stiftungen errichtet, so geschieht es größtentheils auf dem Gebiete der Waisen- und Krankenpflege oder auf dem der Hilfe für Wittwen und Greise. Nur in ganz vereinzelten Füllen trügt hier und da eine Stiftung den durch veränderte Denk- und Anschauungsweise modisizirten Zeitverhültnissen Rechnung. Es soll hier nicht untersucht werden, ob es in der Natur des Menschen begründet ist, daß sein Hang und sein Sinn mehr nach den genannten Zweigen der werkthätigen Liebe gelenkt werden. Jedenfalls ist die Thatsache nicht zu verkennen, daß es noch Gebiete der Z'dokoh, des Wohlthuns, giebt, die nur wenig betreten worden sind. Wir denken hier z. B. an die Heranbildung der jüdischen Jugend zu tüchtigen Handwerkern, insbesondere an deren Erziehung in Lehrlingsheimen. Nur wenigen unserer zum Wohlthun geneigten Glaubensbrüder dürfte es zum Bewußtsein gekommen sein, daß drei

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