Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 66 (1902)
- Issue
- Heft 40 (3.10.1902)
- Date
- 1902-10-03
- Page
- Seite 4 (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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gedeckt sein wird, ist die Verwendung auch für Privatpflege und Armendienst in Anssicht genommen. Znr Zeit liegt die Pflege im israelitischen Krankenhaus in den Händen von Mitgliedern des Frankfurter Schwesternverbandes, die jedoch nur vorübergehend im Krankcnhause thätig sind und nach einem Jahre znrückbernfen werden, um wieder durch jüngere Kräfte ersetzt zu werden. Dieser fortwährende Wechsel erschwert natürlich die Krankenpflege in hohem Grade. Es ist dem Komitee bereits gelungen, 110 000 Mk. (davon 20 000 Mk. für den Pensionsfonds) aufzubringen, so daß die Gründung der Anstalt ermöglicht ist. Um jedoch etwas Großes ans fester Grundlage zu schaffen, bedarf das Komitee noch bedeutender Mittel, sowohl für den Pensionsfonds als auch einmalige Beiträge. Die Bestrebungen des Komitees, an dessen Spitze Herr Gustav Tuch steht, werden von hiesigen angesehenen Aerzten sowie vom Gemeindevorstand unterstützt. — Lippstadt, 23. September. Am 16. v. M. feierte die hiesige Gemeinde das Jubelfest des 50jährigen Bestehens ihrer Synagoge. Nachdem Abends vorher eine Vorfeier stattgefunden hatte, wobei Rabbiner Dr. Frank-Köln als Prediger fungirte, folgte Sonnabend kurz nach Beendigung des Gottesdienstes der eigentliche Festakt in der Synagoge. Zu demselben waren als Ehrengäste erschienen: der Laudrath. der Bürgermeister. Magistratsmitglieder, Stadtverordnete und viele Honoratioren der Stadt. Die ergreifende Festpredigt hielt wieder Rabbiner Dr. Frank. Ein schönes Bild bot die Umgebung der Synagoge dar. Die umliegenden Straßen und Häuser waren beflaggt und mit Blumen und Kränzen reich geschmückt, alles hatte Festtagskleid allgelegt — ein beredtes Zeichen friedlichen Zusammenlebens der verschiedenen Konfessionen. Das Festessen vereinigte bei den Klängen der Musik eine stattliche Anzahl fröhlicher Theilnehmer beiderlei Geschlechts. Der erste Vorsteher, Bankier Dannenbaum, brachte in schwunghaften Worten den Kaisertoast aus. Am Abend wurden unter der Leitung des hiesigen Lehrers Marcus zwei Theaterstücke anfgesührt. Der große Saal war von Besuchern aller Konfessionen überfüllt. — Borrrr, 26. September. Das Leichenbegängnis; des verstorbenen Rabbiners Dr. Jsaac Rülf fand am 22. d.M. unter lebhafter Teilnahme seitens der hiesigen Gemeindemitglieder statt. Am Grabe sprachen der Ortsrabbiner Dr. Kalischer - Bonn und Namens der früheren Gemeinde Dr. Earlebach-Memel, im Namen des deutschen Nabbinerverbandes sprach Rabbiner Dr. Frank-Köln, für das Centralkomitee der zionistischen Vereinigung für Deutschland Rechtsanwalt Dr. Bodenheimer. Namens der persönlicheil Freunde Dr. Freudenberg und für die akademische Verbindung Nhenosilelia statt. mott.Behr. — Von einem Freunde des Verstorbenen erhalten wir noch die folgenden interessanten Erinnerungen an Rülf: „Der verstorbene I. Rülf gehörte zu den Männern, die mehr waren, als sie schiene!,. Gerade Dr. Rülf ist ein Beweis dafür, das; die freisinnige Richtung des Judenthums, die er uneingeschränkt vertrat, auch die Bedürfnisse der Juden an der Ostgrenze verstehen und ihnen eutgegeukommen kann. Ich hatte Gelegenheit, das Tagewerk dieses Rabbiners der kleinen deutschen Gemeinde Memel zu beobachten. Das Gehalt war namentlich Anfangs sehr klein, und Rüls verdiente einen großen Theil des Lebensunterhalts dadurch, das; er die einzige größere (liberale) Zeitung der Stadt, das „Memeler Dampfboot", redigirte. Für die zahlreiche, namentlich im Sommer wegen des Holz- und Getreidehandels fluktuirende russisch-jüdische Bevölkerung in Memel hatte Rülf eine eigene Schule im Krankenhaus und ein Beth ha midrasch erbaut, in dem er au, Freitag Abend selbst vorbetete. Da zu Rülf zahlreiche arme russische Juden, aber auch Zionisten und jüdische Gelehrte, um seinen Rath zu erbitten, kamen, um ihn kennen zu lernen u. s. w., so ist es wirklich wunderbar, daß dieser Mann noch Zeit gefunden hat, tiesdurchdachte philosophische Werke („Der Einhcitsgedanke". „Weltgedanke und Gedankenwelt", eine von den Fachgelehrten anerkannte Metaphysik) zu schreiben. Das Größte aber leistete Rülf im Nothstandsjahr 1867. als eine Hungersnoth in Ostpreußen und an der russischen Grenze herrschte. Um den Nachwirkungen dieses für jene Gegenden schrecklichen Jahres zu begegnen, erließ Dr. Rüls 1868 eitlen Aufruf, der über eine halbe Million Mark für die Bedrängten zusamluenbrachte und positive Organisationen ins Leben rufen half, um lür „Jüdisch-Rußland" (vergl. Dr. Rülf. Drei Tage in Jüd. Rußland.) eine bessere Ausbildung, namentlich der Jugend, anzubahneu. Dr. Rülf hatte sich damals, als es galt die Noth zu stndiren und einzudälnluen, so anfgerieben. daß er schwer erkrankte. Aber es war ihn, in Memel nnd in Bonn noch ein glücklicher Lebensabend be schieden, und er konnte als Emeritus in Bonn einige Jahre ganz seinen philosophischen Studien leben. Seine Neigung zur Systematik führte ihn auch zum Zionismus, den er offen und freimüthig auf der Rabbinerversammlnttg des ost- und westpreußischen Rabbinerverbandec in Thorn bekannte, als das Schlagwort und die Partei noch gar nich^ existirteu. Ec sagte in seinem Vortrag, wie einst die drei Parteien der Pharisäer, Sadduzäcr nnd Essäer sich um die Lehre der Unsterb lichkeit nnd ihre verschiedene Auffassung gruppirt hätten, so sei heuic die Lehre und Offenbarung der strittige Punkt. Ihm (Rüls) sei du „Halacha" der durch die Länder wandelnde Jude, in dem Volke der Juden sehe er die Offenbarung. Als er dann diesen einzelnen Jubel typisch schilderte als mit Elend und Lumpen bedeckt, brach Nülf ir Thräneu aus. Seine Theorie »wurde sofort vom Vorsitzenden des avouirt, was Rülf nicht anfocht, und als er Morgens 6 Uhr, ohne von Jemandem weiter Abschied zu nehmen, abfuhr, händigte er mir das Manuskript seilles Vortrages ein, denn er war von der Bedeutung seiner Auffassung, die er später im „^rnelms bas amin!" weiter ans führte, tief durchdrungen. Wenn seine philosophischen Theorien viel leicht längst vergessen sind, wird im dankbaren Herzen der östliche! Juden Nülfs Gedächtnis; noch fortleben. In diesem Wirken war er vorbildlich, so daß ein so tüchtiger Organisator wie Jnstizratl Makower selbst nach Memel fuhr, um Nülfs Werk aus eigener An schauung kennen zu lernen. Diese Arbeit dort war wahrlich nich leicht. — Nülf hatte sich vom hessischen rationalistischen deutschen Prediger — er hatte in Marburg vor der damals noch bestehenden Universitätskomlnission sein Nabbinatscxamen gemacht — zürn östlichen jüdischen „Maggid" umgewaudelt. Dabei hat er stets doch aull in den Bildungscentren Eindruck als Redner gemacht. Als an 11. Oktober 1869 Berthold Auerbach hier in Berlin anläßlich der An Wesenheit Cromieux's an der Bildung des westrnssischen Hilfskomiteemitwirkte, dessen Seele Nülf war, berichtet er in einem Brief an seine: Vetter Jakob (s. Briefwechsel, Bd. I S. 406): „Ergreifend spcaci Albert Cohn, mit warmem Herzton; er reiste ans der Sitzung a> nach Jerusalem. Dr. Rülf u. A. gaben Schilderungen vom Lebei der westrussischen Inden." — Es waren viele tüchtige Redner da, s> auch der um das Hilfswerk sehr verdiente Dr. Bcunberger-Königsberg Dem Dichter Berthold Auerbach ging Nülfs Rede nahe, dem ein Dichter, ein warmherziger, für alles Edle begeisterter universelle. Mensch war auch Rülf. Tausende von unglücklichen Menschen ver danken ihm eine Existenz. Znm Schlüsse sei noch erwähnt, daß der nervenschwache, aber muthige Mann mehrfach in Ausweisuugs angelegenheiten seiner Zeit an Bismarck, Pnttkamer telegraphirt mü auch Erfolge erzielt hat. -t. München, 24. September. Dw heutige „Augsburger Abend zeitung" berichtet: Der verstorbene Magistratsrath Kommerzienrat! Michael Kohn. welcher schon bei Lebzeiten stets eine offene Hanl hatte, hat, dem „Frk. Kur." zufolge, letztwillig eine Reihe von Legate! gemacht. Er hat ansgesetzl a) je 10 000 Mark für den Verein Jugend Hort nnd den Verein für Ferienkolonien dahier; b) je 5000 Mark für da Germanische Museum, das Bayerische Gewerbemuseum, den Verein Merkur den Verein für die Heilstätte Engelthal, die Gesellschaft für öffentliche Lese hatten, den Verein für Krankenpflege durch Niederbronuer Schwestern den Verein für Krankenpflege in Nürnberg, die Poliklinik, das Kinder spital und die Maximilians-Augenheilanstalt; e) je 2000 Mark für die Kleinkinderbewahranstalten Steinbnhl, St. Peter, Lichtenhoß Gostenhof. St. Johannis und Wöhrd, dann die Blindenerziehungs anstatt, den Bliudenullterstntznngsverein, den Martha-Maria-Verein den israelitischen Armenverein, Franenverein, Wohlthätigkeitsverein Waiseuverein und Krankcnpflegeverein, den Wärrnestubenuni Wohlthätigkeitsverein, die Sanitätskolonne, das Ntttungshau Veilhof, den Verein zur Besserung entlassener Sträflinge, di Herberge znr Heimath, die Pestalozzistiftung, den Lehrerinnen verein, die Krippenanstalt, den Verein für Geisteskranke, bei Verein für Landkrankenpflege und den Frauenverein vom rothei Kreuz. Ferner bestimmte er 100 000 Mark für eine „Michael und Fanny Kohn'sche Stiftung", wovon 10 Prozent des Erträgnisses zu Kapitalsmehrnng und 90 Prozent zur Versorgung hier nicht heimaths berechtigter, schwachsinniger Waisenkinder und Konfirmanden ver wendet werden sollen. Außerdem hat er, wie seinerzeit nntgetheiU weitere 200 000 Mark in Gemeinschaft mit seinem Bruder Max zur