Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 66 (1902)
- Issue
- Heft 40 (3.10.1902)
- Date
- 1902-10-03
- Page
- Seite 5 (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
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Darnach dürfte, wenn man an die Gerngroßische neulich mitgtheilte Brunnenstiftung erinnert, die Stadt Nürnberg mit ihren Juden eigentlich recht zufrieden sein, denn sie verdankt denselben noch gar viele andere reichliche Stiftungen. 1499, traurigerweise zu der Zeit, als Albrecht Dürer, Peter Bischer und andere große Nürnberger Künstler zu blühen begannen, hat der Rath der Stadt Nürnberg die Juden auf ewige Zeiten ausgewiesen; und von da an stammt das Aufblühen der Nachbarstadt Fürth, wo nun nach und nach unter dem Schutze des Ansbacher Markgrafen und der Domprobstci Bimberg zum großen Aerger der Nürnberger und trotz der Nürnberger Beschwerden die Juden sich ansässig machten. Erst 1848 wieder hat der Magistrat von Nürnberg dem Kaufmann Joseph Kohn aus Markt-Erlbach, als einem bekannt rechtlichen und redlichen Mann —ich glaube diedortigenUrkunden nach meinem Gedächtniß richtig zu citiren — das Bürgerrecht in Nürnbergverliehen,uiid dadurch ist auch Joseph Kohns Bruder, der Gerber Kohn, wohl nach Nürnberg gekommen. Michael Kohn ist dieses Gerbers Sohn und war kein Kaufmann, kein Hopfenhändler und kein Bankier, sondern selbst ein Gerber, der bei der Aufgabe seiner Gerberei schon in hochherziger Weise für seine Arbeiter Vorsorge getroffen hatte; also aus dem ehrsamen Handwerkerstande ist dieser Aronidehervorgegangen, der in einer in Nürnberg meines Wissens noch nicht vorgekommenen Weise für das Wohlergehen der Stadt Zuwendungen gemacht Hai; und dabei hat der Menschenfreund mit seltenem Zartgefühl katholische, protestantische und israelitische sowie nichtkonfessionelle charitative Anstalten liebevoll nebeneinandergestellt. Sein Andenken wird so ein Segel) bleiben! Oesterreich - Ungar«. LI Wien, 29. September. Der Vorsitzende unserer Gemeinde, der kaiserliche NaLH Hei nri ch Klinger, feiert in dieser Woche seinen 70. Geburtstag. Klinger ist ein braver und ehrlicher Mann; er ist von allen Parteien geachtet und allgemein beliebt. — Am 3. und 4. d. M. fand in Karlsbad ein Kollegentag des böhmischen Rabbinerverbandes unter dem Vorsitze des derzeitigen Präsidenten Dr. Kurrein-Teplitz statt. Anwesend waren 19 Mitglieder. In dem Tätigkeitsberichte konnte der Präsident u. a. mittheilen, daß die in der letzten Generalversammlung gewählte dreigliederige Deputation die von der Versammlung genehmigte Denkschrift über die Lage der israelitischen Neligionslehrer an Mittelschulen und die Wünsche derselben dem Kultusminister überreicht hat und bestimmte Zusagen erhielt, welche auf günstige Aenderungen mit Sicherheit rechnen lassen. Der Präsident theilt ferner mit, daß sich mehrere Gemeinden gelegentlich der Anstellung von Rabbinern oder anderen Funktionären um Rath und Mitwirkung an den Vorstand des Verbandes gewendet haben. Die Flugschrift „Die Getauften in der jüdischen Gesellschaft" 'wurde auf Kosten des Verbandes in 10 000 Exemplaren gedruckt und an alle Kultusgemeinden Böhmens verschickt. Aus Wunsch wird dieselbe vom Präsidenten auch weiterhin gratis verschickt werden. Aus der großen Zahl der Verhcmdlnngsgegenstände seien erwähnt: ein anregendes Referat über „Ablösung der Emolumente", erstattet von Dr. Ziegler-Karlsbad, ferner über die Gründung eitler Pensions- und Reliktenkasse von Dr. Neumark-Rakonitz; Dr. Posnansky-Pilsen cntwickelt die Gesichtspunkte, nach welchen die Prüfungskommission nrr Gen eilidefnnktionäre ihre Ausgabe zu lösen gedenkt. Am zweiten Verhaudlungstage referirte Dr. Deutsch-Prag über die rituelle Beschneidung und deren Wichtigkeit für das religiöse Leben und den Fortbestand des Judenthums. Auf Antrag des Dr. Schornstein-Leitmeritz wurde beschlossen, eine Broschüre über diesen Gegenstand zu verfassen und dieselbe unter Hinzufügung von Gutachten hervorragender medizinischer Autoritäten zu drucken und allgemein zu verbreiten. Endlich wurden auf Grund eines Referates von Dr. Ziegler-Karlsbad über den Mädchenhandel in Galizien wichtige Maßnahmen beschlossen, um den jüdischen Antheil an diesen) schmählichen Treiben zu verringern oder ganz zu beseitigen. — In Kremsier feierte der bekannte Rabbiner D r. A. Frankl-Grün am 28. d. M. sein 25 jähriges Amtsjubilänm. Frankl-Grün hat sich durch seine verdienstvollen Forschungen auf dem Gebiete der jüdischen Geschichte einen guten Namen erworben. Seine „Geschichte der Inden in Kremsier". mit der er die für die Allgemeinforschung so wichtige Lokalgeschichtsschreibung in verdienstvoller Weise bereicherte, ist bekannt. Außerdem veröffentlichte der Jubilar: „Die Ethik des Juda Halevi", 1885, und „Varianten in den biblischen Parallelen", 1887. Ferner erschienen in Buchform die Reden „Des Kaisers Jnbeltage", 2. Auflage 1888, „Des Kaisers Trauertage" 1899, „Die ausgezeichneten Sabbathe", 1894, und „Kleiner Weinberg", Exhorten 1902. Frankreich. — Paris, 17. September. Hier ist vor einigen Tagen Samuel Nosenthal, einer der hervorragendsten Meister des Schachspiels im 19. Jahrhundert, der lange Zeit hindurch für den vornehmsten Repräsentanten Frankreichs, als dessen erster Theoretiker er angesehen wurde, galt, im Alter von 65 Jahren zu Neuilly bei Paris gestorben. Nosenthal ist am 7. September 1837 zu Suwalki in Polen geboren, stndirte Jura, mußte aber infolge seiner Betheiligung an dem Aufstande 1864 aus Warschau, wo er als Sekretär im Ministerium des Innern thätig war. flüchten und bildete sich zu Paris in dem berühmten „Caso de la N^gence" Zum Schachpraktiker aus. Von seinen Turnierresultaten ist außer ersten Plätzen in kleineren Pariser Lokalturnieren sein 4. Preis in Wien 1873 erwähnenswerth. Größere Erfolge als auf internationalen Turnieren hatte Rosenthal als Führer von Korrespondenzpartien sowie als Schachlehrer und Journalist. Er redigirte viele Jahre lang mehrere bedeutende Schachspalten, in welchen er auch seine analytischen Untersuchungen veröffentlichte. Als Schachlehrer war er besonders in aristokratischen Kreisen sehr geschätzt und erhielt ans Ersuchen der spanischen Kolonie zu Paris den Orden Karls III. Erst vor wenigen Jahren hat er einen Honorarprozeß gegen einen seiner vornehmen Schüler, bei dem es sich um einen bedeutenden Betrag handelte, gewonnen. Rosenthal war Ehrenmitglied des größten Schachklubs in Europa. Das Begräbniß fand am 14. d. M. unter großer Betheiligung statt. Non Nah und Fern. — Beschlagnahmt worden ist am 15. d. M. auf Beschluß des Berliner Landgerichts I die Broschüre „Der Ritualmord, eine Forderung des Alten Testamentes" von Paul Koch in der Geschäftsstelle der „Deutschen Hochwacht". — Die Staatsanwaltschaft hat die gegen das den Redakteur M. A. Klausner von der Beschuldigung der Antisemitenbeleidigung freisprechende Urtheil eingelegte Revision zurückgezogen. — An der Realschule in Charlottenburg ist der Oberlehrer Dr. Schlesinger aus Seesen angestellt worden. — Ein jüdisches Blatt hat die hochinteressante Neuigkeit veröffentlicht, daß Professor Dr. Moritz Steinschneider die hebräischen Handschriften in Oxford im Aufträge der englischen Regierung katalogisirt habe Ulld es fand sich noch ein anderes jüdisches Blatt, das diese Novität begierig nachdruckte. — Aus Ey dt kühnen wird mehreren Blättern in der Provinz gemeldet, daß am Jahrestage der Brandkatastrophe von Wystyten (23. September) in den dortigen Kirchen und in der Synagoge Dankgottesdienste für Kaiser Wilhelm stattfanden, der 10 000 Mark aus Anlaß des Brandunglücks gespendet hatte. An den Kaiser wurde nach Rominten ein Danktelegramm abgesandt, für das der Kaiser durch den Forstmeister Saint Paul telegraphisch seiner) warmen Dank ausspreche)) ließ. — Den 70. Geburtstages feierte in Dresden Herr Louis Jacobi aus Lautenburg Westpr. im engsten Familienkreise. Der Bruder des Jubilars, Herr Siegmund Jacobi aus Berlin, wurde von dem dortigen Magistrat beauftragt, dem Jubilar ein Diplom als Ehrenbürger der Stadt Lautenburg zu überreichen für treu geleistete Dienste als Stadtverordnetenvorsteher seit nahezu 30 Jahren.—In Ste ttin ist am 23. d. M. der Sanitätsrath Dr. Hei)) rich Lichtheim im 83. Lebensjahre gestorben. — In Paris ist am 21.d. M. der bekannte österreichische Thiermaler Gustav Wertheimer im 54. Lebensjahre gestorben. — Die türkische Regierung entsendete eine Kommission zum Studium der Agrikulturverhältnisse in Rumänien. An der Spitze dieser Kommission ftehl Vitalis Essend), ein Jude. — In Odessa ist der Nabbinatsassessor Dr. M. I. Po - meranz im 57. Lebensjahre gestorben. Derselbe war in Wilna geboren und hat daselbst die Nabbinerschule besucht. In Odessa amtirte er seit 1881. Friede seiner Asche!! V