Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 66 (1902)
- Issue
- Heft 40 (3.10.1902)
- Date
- 1902-10-03
- Page
- Seite 480 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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480 eines Stadtt Heils, und noch dazu eines Ghettos in diesem! Für sie eristirte die große Weltstadt tatsächlich nur in der Einbildung. Die Vorstadt Londons — in der sie wohnten — war von der eigentlichen Stadt weiter entfernt als ihr früherer Wohnort, die Provinzialstadt. Nicht länger durchdrangen die Strömungen des bürgerlichen Lebens ihre Existenz; ihre Thätigkeit war vollständig auf das Haus beschränkt. Selbst voll dem Damenkomitee war sie ausgeschlossen. Auch das Leben ihres Herrn und Gebieters schrumpfte ein, obgleich sein Geschäft sich ausdehnte. Die beunruhigende Ahnung seines „Einschrumpfens" verstärkte nur noch seine Reizbarkeit. Er behielt den Pomp und die Würde seiner früheren Aemter ohne irgend welchen Grund bei — ein König ohne Reich, ein Kämpfer ohne Waffe! Selbst seine beiden neuen Schwiegersöhne, die sein Vermögen ihm bald in London verschafft hatte, hörten ihn ungeduldig an, nachdem sie erst sicher verheirathet und in ihren eigenen feinen Parlors — dank S. Cohns Geld! — sich bequem eingerichtet sahen. Der Umfang seiner Herrschaft war nunmehr auf Haus und Laden beschränkt, und sein autokratisches Wesen entwickelte sich durch diese Beschränkung nm so stärker. Er las die weitverbreitetste Zeitung, und seine Ansichten wurden stets von seiner Frau getheilt. S. Cohn war nie unklar in seinen Ansichten, aber seit Beginn des Burenkrieges glichen dieselben an weithin leuchtender, alles durchdringender Helligkeit dein Lichte eines Lenchtthurmes. „Die unverschämten Schurken!" schrie er wüthend. „Sie sind in unser Gebiet eingefallen." „Ist es möglich?" rief Frau Cohn. „Das sind die Folgen unserer Milde gegen sie nach Majuba." (Forts, folgt.) Fitterarische Mittheilungen. Herr Oberkantor Kirschner in München, der schon manche schöne shnagogale Komposition' geschaffen, hat neuerdings ein Heftchen ,,Tr a u u n gsge s ä n ge" veröffentlicht, enthaltend : einen Gesang vor der Trauung für vierstimmigen gemischten Chor a eapolla. mit deutschem Text — eine Reihe von Kompositionen des Ni acläir für Kantor (Solobaryton) mit Orgelbegleitnng — und zwei Gesänge nach der Trauung für Kantor und Chor mit Orgelbegleitung, mit deutschen Texten. Wir möchten diese kleinen Tonschöpfnngen zur Beachtung und Verwendung recht sehr empfehlen. Der erste Chor ist vortrefflich von einem Ton der Herzenswärme und Innigkeit durchzogen und, da dem Komponisten eine sehr gute Stimmführung eigen ist, nicht schwer zu singen. Von den beiden Schlußgesängen geben wir dem letzten den Vorzug; er ist im Solo ausdrucksvoll, in der Chorpartie festlich, freudig und glänzend. Die Ui aään'-Gesänge sind sämmtlich von geringer Ausdehnung. Der Autor scheint von dem richtigen Gedanken auszngehen, das; der wenig bedeutende Text des Ni aääir nicht zu einer längeren Arie ausgesponnen werden sollte, sondern besser als eine kurze Begrüßung des Brautpaares durch den Kantor aufgesaßt wird. Wir halten sür die gelungensten unter diesen acht Sätzen die 1, 6 und 8. — Das Heft ist im Selbstverlag des Autors erschienen. William Wolf. — Leopold Katz: Pflichten des Bar Mizwa. Zweite Auflage. Frankfurt a. M. I. Kauffmann. 43. S. Die versiegende zweite Auflage des Büchleins ist ein Beweis, daß die Tendenz der Schrift Anklang gefunden. Das Merkchen ist bedeutend erweitert. Der Verfasser wählte die katechetische Form. In Frage und Antwort werden die allgemeinen Pflichten des Barmizwa, die Gebetriemen, die Thoravorlesung eingehend behandelt. Daran schließen sich die Segenssprüche der Hastara mit deutscher Übersetzung, drei Ansprachen eines Barmizwa. das Tischgebet und der Festkalender. Nebenbei lernt der Knabe eine ganze Reihe technischer Ausdrücke, die das Gotteshaus und den Gottesdienst betreffen. Auch dem Lehrer wird das Büchlein seim Aufgabe etwas erleichtern. Einige unwesentliche Einzelheiten werden in der hoffentlich recht bald erscheinenden dritten Auflage ihre Ergänzung finden. Druck und Ausstattung sind vortrefflich. Wn dürfen dieses Werk für die israelitischen Konfirmanden zur Ein fuhrung und Benutzung warm empfehlen. 6. Sprerhsaal. Geehrter Herr Redakteur! »folge des Artikels Mehr Muth" gestatte ich mir, Ihnen einige Gedanken eines Laren mitzutheilen: „Mir scheint, man müsse wenn man wegen der Zukunft des Iudenthums besorgt ist, nicht nur mit Ehescheiduugsgesetzen, sondern hauptsächlich mit — Erziehung der Jugend sich bemühen, und zwar einer Erziehung nicht in den alten Gebräuchen, sondern in den hohen Lehren des Iudenthums. Mögen die Rabbiner und Lehrer hierin ihre Lebensaufgabe suchen, mögen sie in den Kinderherzen die Liebe, die Hingebung für die Religion erwecken und befestigen, mögen sie dieselben erziehen zu guten, wahren, edlen, wohlthätigen Menschen! Dann werden sie auch für die Zukunft des Iudenthums gewirkt haben, dann wird auch das Leben und Wirken ihrer Jünger einen guten Einfluß üben auf die Menschheit, dann wird auch allmälig die wahre Nächstenliebe in allen Menschen lebendig werden. Berlin, im September. 8. 4 Sehr geschätzter Herr Redakteur! §Hj?^it vielem Vergnügen und regem Interesse bin ich den lehrreichen Ausführungen des Herrn Dr. Jelski in dem Aussatze „Das Wesen des Iudenthums" gefolgt. Nicht unbemerkt möchte ich noch lassen, daß der Grundgedanke in der Auffassung der jüdischen Moral im Gegensätze zu der christlichen mir nicht genügend präzisirt, ja nicht ganz zutreffend erscheint. Ich meine die Auffassung (Seite 356), daß nach der jüdischen Moral „das Unrechtleiden an und für sich kein Gut sei". Demgegenüber möchte ich dem geehrten Verfasser des Aufsatzes di.: bekannte Talmudstelle Sabbath 88 b. entgegenhalten. Dieselbe lautet: „Die beschämt werden und nicht wieder beschämen, ihre Schande mitanhören und sie nicht erwidern, die es aus Liebe (zu Gott) thnn und sich über sie verhängte Leider; freuen, sie gleichen denen, von welchen es heißt (Richter 5, 31): „Seine Freunde sind wie der Aufgang der Sonne in ihrer Herrlichkeit." Die Stelle kann nicht anders gedeutet werden (siehe z. St.), als daß der Schmerz über zugefügtes Unrecht wohl ein sittliches Gut sei. Dobrisch in Böhmer;, 27. August. Mit vorzüglicher Hochachtung Rabbiner Dr. Link. r Geehrter Herr Redakteur! n einem Artikel Ihrer Nummer 37 wurde jüngst auch wieder geltend gemacht, daß von einer eigentlich jüdischen Nasse nicht mehr die Rede sein könne, nachdem zu der; Juden in; Laufe der Jahrhunderte so viele Angehörige anderer Völker hiuzugekommen seien. Dabei jedoch wie schon früher bei ähnlichen Gelegenheiten fand ich auffallend, daß ein Umstand gar nicht berührt wurde, der allerdings von keiner ausschlaggebenden Bedeutung ist, aber meines Erachtens doch wohl nicht ganz unerwähnt bleiben sollte, nämlich die Thatsache, daß bei den Juden von jeher die Eigenschaft eines „Kohen" sowie eines „Levi" sich immer nur im Mannesstamm vererbt, daß also wenigstens dieser wenn auch verhältnißmäßig kleine Theil als von den ursprünglichen alten Juden direkt abstammend zu betrachten sein muß. In der Voraussetzung nun, daß es wohl gewiß von allgemeinem Interesse sein dürfte, wenn die Dinge auch in dieser Richtung von sachkundiger, authentischer Seite erörtert werden würden, bitte ich, die Sache einmal zur Sprache bringen zu »vollen. Ulm a. D., 18. September. Hochachtungsvoll Ein Kohen. Druck und Verlag von Rudolf Mofse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.