Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 66 (1902)
- Issue
- Heft 40 (3.10.1902)
- Date
- 1902-10-03
- Page
- Seite 479 (sequence 13)
- Language
- German
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47S heit, die es ihm durchaus unverständlich machte, daß die Frömmelei seiner Religionsübungen, an denen er Vergnügen fand, nicht den nämlichen Enthusiasmus in Anderen hervorrief. Wenn er seinen Sohn Simon entdeckte, wie er die in seinem Gebetbuch geschickt versteckte Schandernovelle „Me?irntes ok?eel»eli" las, so erhielt er eine Tracht Schläge, die das Herz seiner Mutter bluten machte. Simons Frühstück war erst nach Beendigung einer langen Reihe von Gebeten sür ihn bereit, und da er bei sorgfältigen Versuchen das Minimum der Zeit ausgefunden hatte, die das Herplappern dieser Gebete erforderte, war er auf die billigste und weniger Raum beanspruchende Novellenlitteratur verfallen, mit deren Lesen er die Hungerperiode ausfüllte. Das Zerreißen und Verbrennen dieser Heftchen war dem viel verhauenen Knaben eine reichere Thränenquelle als selbst der körperliche Schmerz. Sein Schluchzen zu stillen, bedurfte es verschiedener Stücke Kuchen, die mütterlicherseits ihm verstohlen in den Mund praktizirt wurden, während der Vater den Rücken gewendet hatte. * * * Da das weibliche Geschlecht nicht die religiösen Vorrechte und Verpflichtungen hat wie das männliche, hatte S. Cohn mit seinen ihm vor dem Sohn und Erben geborenen drei Töchtern in religiöser Beziehung weniger Konflikte. Als Deborah, die älteste, sich verheirathete, wurde ihrem Manne, statt einer Mitgift das Geschäft in der Hafenstadt abgetreten, indeß S. Cohn in die Hauptstadt übersiedelte, von dem Ehrgeiz erfüllt „S. Cohns fertige Kleider" zum Haushaltwort zu machen. Und in der That erlangte er in dieser Branche einen bedeutenden Ruf in „Holaway Road." Mit der Zeit zog er vor, entfernt vom Geschäft zu wohnen, und zwar in der feinsten Straße von Highbury. Doch gelang es ihm nicht, seine früheren Würden wieder zu gewinnen. Der Stadtbezirk hatte ältere Bewohner, und die Synagoge reichere Mitglieder. Der Schrei sür „Ganzenglisch" war allgemein. Als Pionier war er abgethan. Der Geistliche war sogar zu englisch und noch mehr seine Frau. Aus ihrem Benehmen hätte man fast schließen dürfen, daß sie sich als die Herren, anstatt die gehorsamen Diener der Gemeinde betrachteten. S. Cohn war an eine Reihe von Kultusbeamten gewöhnt, denen man mit Mühe so viel beibringen mußte, daß sie im Stande waren, papageienartig abzuleiern: „Our sovereiKn I^üv, sZuecu Victoria, tlle krince ok Wales anck all Um koyal Vamil^" — das unerläßliche bischen Englisch im Gottesdienst. Er, der Sprachkundige, konnte kaum athmen, während sie unter schweren Hindernissen über den holprigen Psad stolperten. Jetzt mußte sich der ehemalige Gabbe und Stadtrath als ein armer Provinzler von Diesem gezierten, feinen geistlichen Ehepaar so von oben herab fast mitGönnermiene behandelt sehen. Er revanchirte sich, indem er Zweifel an des Neverends Rechtgläubigkeit verlauten ließ. Die gediegenen Erziehungsanstchten, so häufig dem Rücken Simons ausgeprägt, fanden in der Großstadt wenig Anklang. „Wir sind hier nicht in Polen," bemerkte der Prediger, indem er die Schultern zuckte. „In Polen!" S. Cohns Blut kochte. Einem Manne, nach jahrzehntenlangen Bemühungen, nur „Ganzenglisch" zu sein, Polen vorzuwerfen! Ihm der eine Schaar angelsächsischer Ladendiener, Buchhalter und Packer beschäftigte! „Und wo kommt euer Vater her?" entgeanete er in zorniger Entrüstung. Er war fast entschlossen, einer anderen Synagoge beizutreten, doch war keine andere in der Nähe, die er so bequem in einem kurzen Spaziergang hätte erreichen können — ein Umstand, der in Rücksicht auf das Sabbathgesetz sehr in Betracht kam. Ueberdies standen die anderen Synagogen in fast noch schlimmerem Ruf. Es waren erschreckende Gerüchte über ein jüngeres Geschlecht verbreitet, das beinahe öffentlich mit Ungestüm Orgel in der Synagoge und Frauenstimmen im Chor forderte. Noch mehr: es wurde sogar von diesen schändlichen Geistern — wahre Heiligthumsschänder! — für einen vollständig englischen Gottesdienst, den ein Jeder verstehen könne, agitirt. Unheimliches Murren gegen die alten Rabbiner schien sogar in der Atmosphäre dieses wohlhabenden jüdischen Viertel zu liegen. „O schamlose Unwissenheit der neuen Zeit," Pflegte S. Cohn zu klagen, „welche nicht weiß, wo „Ganzenglisch" seine Grenze hat." * * * Daß Simon in das Geschäft treten solle, stand ebenso fest, als daß das Geschäft prosperiren müsse, trotz Simons Abneigung. Seine Karriere war schon bestimmt, ehe seinem Vater auffiel, daß in Highbury ein Ehrgeiz sich zu zeigen begann, der viele Jünglinge zum Studium des Rechts und der Heilkunde antrieb. Trotzdem konnte man nur schwer den Gedanken aufgeben, Simons Erziehung für vollendet zu halten. Sein Wissen bestand in solchen Kenntnissen, wie sie die Söhne von Handelsleuten in den Schulen der Hafenstadt erhalten, indeß ein langer Kursus in haarsträubenden Erzeugnissen der Psenniglitteratur ihm eine ebenso absonderliche wie ausgedehnte Kenntniß des öffentlichen Lebens gegeben hatte. Die Elemente seiner Kenntnisse im Hebräischen lagen sicher aufbewahrt hinter einem Vorhang in einem verborgenen Fache seines Bücherschranks. In seiner Auffassung eines vollkommenen Engländers spielte das hebräische Elementarbuch keine Rolle. Oh, wie er sich des weiteren Ausblicks freute, den ihm der Horizont von London bot, so dicht mit Musikhallen, Billardzimmern und Restaurants besäet! „Wir sind jetzt emanzipirt," ries er aus, „wir haben zu viel Geist!" und in warmer Begeisterung verschluckte er die verbotene Auster. Diese Begeisterung erstreckte sich indeß nicht auf Schinken allein. Der blieb ihm in der Kehle stecken und wurde daher nur in der Selbstvertheidigung genommen, um nicht den Argwohn einer lustigen Gesellschaft zu erregen. Wenn er neben seinem Vater in der Synagoge saß — ein zweifelnder Sohn des alten Glaubens — verbarg sich der junge Engländer unter seinem Tallith (Gebetmantel), gerade wie vormals unter seinem Gebetbuch „Me?iratcs ok koclieli" sich verbergen mußten. Frau S. Cohn unterstützte diese verschleierte Existenz ihres Sohnes in keiner Weise, oder leistete ihr irgend welchen Vorschub, außer häufigen Geldgeschenken von ihrem eigenen Taschengeld. Sie würde indeß die Entrüstung ihres Mannes getheilt haben, hätte sie Simon Verbotenes schmausen sehen, und ein Schlaganfall, obwohl sie nicht zu einem solchen veranlagt war, möchte die unmittelbare traurige Folge eines solchen schrecklichen Anblicks gewesen sein. Was sie selbst anbetraf, so hatte es sich gezeigt, daß London ihr Leben eher beschränkt als erweitert hatte. Statt wie früher, sich als Theil einer Stadt zu fühlen, fühlte sie sich jetzt als Theil