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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1902-10-03 · Heft 40 (3.10.1902) · p. Seite 476

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
66 (1902)
Issue
Heft 40 (3.10.1902)
Date
1902-10-03
Page
Seite 476 (sequence 10)
Language
German
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476 Die liberalsten Wohlthäter des «leveisii Hisolo^ieal Lominar^ ot' ^luvriea sind Mitglieder von Reforingemsinde». Die ersten 200 660 Dollars sind von drei Parteien gespendet worden, Jakob H. Schiff gab 160 000 Dollars »nd ein Haus, Leonard Lewisohn und die Familie Gnggenheimer je 50 000 Dollars. Ueber die religiöse Stellung der Guggenheimers weiß ich nichts, vermuthe aber, daß sie zu einer Reforingemeinde gehören; Leonard Lewisohn, der am 5. März d. I. in London starb, wurde vom Tempel Emannel, dem bedeutendsten Reformtempel Newports, bestattet; Jakob H. Schiff ist Mitglied der beiden hervorragendsten Tempel Newports, Bethel und Emannel. Die Frage ist nun, warum diese Liberalen ein orthodoxes Seminar unterstützen. Darüber kann ich freilich nur Konjekturen geben. Ich gebe sie jedoch mit großer Vorsicht und soweit als möglich auf Thatsachen gestützt. Newport ist numerisch und finanziell die stärkste Gemeinde des Landes. Es war naturgemäß, daß es danach strebte, auch die Metropole des geistigen Lebens zu werden. Isaak M. Wise hatte durch die Macht seiner Persönlichkeit das Ustn-orv Union College, das erste Rabbinerseminar Amerikas, 1875 in Cincinnati gegründet. Seine Zöglinge hatten einen phänomenalen Erfolg. Außer ihnen gab es nur wenige, der englischen Sprache vollkommen mächtige Prediger, und so erlangten sie die bedeutendsten Stellen und die Anstalt wurde sehr populär. Nach der 1885 in Pittsburg gehaltenen Rabbinerversammlung rafften sich die orthodoxen Elemente unter Führerschaft des Rabbiners Sabbato Morais in Philadelphia aus und gründete,! das „-levvisl, TlrsoIoKieal semmaiz" in Newyork, welches nur ein schattenhaftes Dasein führte. Es war immer Jacob H. Schiffs Wunsch gewesen, beide Anstalten zu amalgamiren und in Newpork zu etabliren. Der Wunsch, eine gut fundirte Anstalt in Newpork zu eröffnen, war also das eigentliche Motiv der neuen Gründung. Jakob H. Schiff ist der bedeutendste Philanthrop der Jetztzeit. Er verbindet die Großherzigkeit eines Baron Hirsch mit dem warmen religiösen Sinn eines Montefiore, ist jedoch frei von der steifen, sephardischen Frömmigkeit des Letzteren und besitzt den praktischen Sinn des amerikanischen 1m8sil>6s man. Alle die herrlichen Wvhlthätigkeitsinstitnte Newyorks werden von ihm ans das Reichlichste bedacht; besonderes Interesse nahm er an dem Siechenhause, Uoutokoio Homo kor Llironie lnvalnls und an dem der geistigen Hebung respektive der Amerikanisiruug der russischen Inden gewidmeten klelnerv-InLlitute. Seine Wohlthäligkeitsakte beschränken sich nicht auf jüdische Institute, er hat unter anderem auch Universitäten mit großen Stiftungen bedacht. Schiff wollte nun auch etwas für die jüdische Wissenschaft thun, und dazu war ein glänzend ausgestattetes Rabbinerseminar nothwendig. Sein erster Plan war, nach dem Tode Wises, das llsdrmv kluioi, kloiiogo nach Newyork zu verlegen. Dieser Plan scheiterte an der Pietät des Kuratoriums. So wurde denn die neue Anstalt unter den, Namen llmvisl, 'l'peolotzieal 8e,niiisi)- ok ^morien in Newyork gegründet. Da die Anstalt in Cincinnati einen ausgesprochen liberalen Charakter trug, so mußte naturgemäß die neue Anstalt aus konservativer Basis errichtet werden. Diese Opposition ist aber keineswegs das einzig ausschlaggebende Moment gewesen. Es läßt sich nun einmal nicht leugnen, daß die Reform in erster Linie ein politisches Motiv hatte. Man wollte dem Judenthum das Fremdartige abschleifen, darum war die Reformbewegung in den Vierziger- Jahren zur Zeit des kräftigsten Ringens um politische Rechte am mächtigsten, und aus demselben Grunde erschlaffte sie, als die deutsche Reichsverfassung den Juden volle Bürgerrechte gegeben hatte. Man hat das Vertrauen in die Reform verloren und sieht überdies, daß das erhoffte Ziel, die Jugend den, religiösen Leben zu erhalten, nicht in dem erwarteten Maße eingetreten ist. Ein fernerer Faktor sind die russischen Juden. Die öffentliche Stimmung ist der Einwanderung russischer Juden nicht günstig. Wären sie in ihrer geistigen Bildung sowie in ihrer Lebensweise dem amerikanischen Volke nicht so fremdartig, so gäbe es — so meint man wenigstens — keinen Antisemitismus. Um sie zu civilisireu, soll die Synagoge mithelfen. Sie würden das „viclckisi," und das Cheder ausgeben, wenn sie gebildete Rabbiner besäßen, denen sie Vertrauen schenken könnten. Rabbiner aber, welche am Sabbath mit der Straßenbahn fahren, trepha essen und 1NUX nicht auswendig kennen, werden das Vertrauen dieser Leute nicht erwerben, erzo müssen wir gebildete orthodoxe Rabbiner haben. Ob dieses Räsonnement richtig ist, wird die Zukunft lehren. Wahrscheinlich ist es mir nicht, denn so weit ich sehen kann, besorgt das die Zeit und der wachsende Wohlstand von selbst. Der orthodoxeste russische Jude läßt seinen Kindern eine gute Schulbildung zu Theil werden, und wie rasch dieser Fortschritt sich vollzieht, kann aus der Thatsache gefolgert werden, daß das gelesenste Jargonblatt, die „Jüdische Gassetten" sich genöthigt sieht, ein englisches Supplement herauszugeben. Aer Antheil der Juden an dem Aufblühen der Seidenindustrie in Berlin im 18. Jahrhundert. Von Albert Cohn. 1. ie Anfänge der Seidenindustrie Berlins fallen in die Regierungszeit des Großen Kurfürsten. Indessen waren die wiederholt unternommenen Versuche dieses Fürsten die Seidenmannfaktur in Brandenburg einzubürgern, vergeblich; denn wenn auch bekanntlich durch die Einwanderung der sranzösischeu Flüchtlinge das gewerbliche Leben Brandenburg- Preußens eine außerordentliche Förderung erfuhr, — die Seideniudustrie wollte sich vorläufig noch nicht entwickeln. Selbst ein französischer Unternehmer, der von, Kurfürsten reichlich unterstützt wurde, und mit dem erhaltenen Gelde 18 Seidenwebsttthle in Gang setzte, sah sich schon nach einigen Jahren - ob aus Untüchtigkeit oder weil die Verhältnisse für das Gedeihen des Werkes zu ungünstig lagen, möge »»erörtert bleiben — gezwungen, seinen Betrieb einzustellen (1690), und in der Folgezeit hören wir zwar verschiedentlich von neuen Bemühungen in dieser Richtung, von Erfolgen aber gar nichts. Erst die Negierungszeit Friedrich Wilhelms I. brachte der neuen Industrie wieder stärkere Impulse, denn dieser Herrscher, welcher von den Geschichtsschreibern häufig recht falsch beurtheilt worden ist, konzeutrirte keineswegs, wie ihm oft nachgesagt wurde, seine ganzen Bemühungen auf die Ausbildung und Organisation des Heeres, sondern er wandte auch einen recht großen Theil seiner Sorge und seiner Arbeit der Für-

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