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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1902-10-03 · Heft 40 (3.10.1902) · p. Seite 475

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
66 (1902)
Issue
Heft 40 (3.10.1902)
Date
1902-10-03
Page
Seite 475 (sequence 9)
Language
German
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475 jüdische Orthodoxie ist aber in stetem Konflikt mit den Erfordernissen des täglichen Lebens und des Broderwerbs, besonders der ärmsten Klassen. Ich fragte in Newyork einen jüdischen Straßenbahnschaffner, wie viele Juden es in seiner Kategorie von Arbeitern gebe. Er schätzte sie auf 560. Die Schätzung ist wohl eine sehr vage, aber so vage sie auch sein mag, Hunderte dieser Art von Arbeitern giebt es in Newyork gewiß. Die Zeitungsstände sind ebenfalls zum großen Theil in den Händen russischer Juden. Ich schätze sie auf Tausende. Bei allen diesen Berufen kommt der Sabbath nicht in Betracht. Mitten im Herzen des Ghetto ist ein Kaffeerestaurant, der Sammelpunkt der Newyorker „Maskilim". Es wird nicht koscher geführt und erhält sich doch ausschließlich von russisch - jüdischer Kundschaft. Die Konflikte mit dem Sabbath- und dem Speisegesetz sind nicht die einzigen Klippen, an denen die Orthodoxie der russischen Juden scheitert. Ich kenne aus eigener Erfahrung mindestens ein halbes Dutzend Fälle, in denen gerichtlich geschiedene Ehegatten, die zu orthodoxen Gemeindeil gehörten, sich ohne religiöse Ehescheidung wieder verheiratheten, weil entweder der andere Theil sich weigerte, in die religiöse Ehescheidung zu willigen, oder weil beiden die Sache nicht wichtig genug war. In Middletown, Ohio, ist eine kleine russisch - jüdische, selbstverständlich orthodoxe Gemeinde; in dem benachbarteil Hamilton wohnt eine Handvoll russischer Juden, die sich der dortigen, von deutschen Inden gebildeten Reformgemeinde nicht anschließen. Einer von ihnen klagte mir das Leid, daß er seinen Kindern keinen Religionsunterricht ertheilen lassen könne. Ich fragte: „Warum schließt Ihr Euch nicht an die Gemeinde in Middletown an, daß Ihr deren Chasan, Schochet und Lehrer initbenutzen könnt?" „Ja, das geht nicht. Wir lassen uns den Schochet aus Cincinnati kommen, denn der Schochet in Middletown ist nicht von dem Rabbi in Cincinnati autoristrt." „Warum?" „Er ßäft flach (to ssiklve --- rasiren), und da will ihm der Row kein Kabbolle mit gebbn, und er sogt, er muß stach ßäven, weil er geht Peddeln (hausiren); do konn er nit anders." Trotzdem sind die Orthodoxen von Middletown mit ihm zufrieden. Der Sohn des orthodoxen Rabbi von Syracyse, Newyork, hat sich offenbar mit Zustimmung seines Vaters an unsere entschieden liberale Anstalt um Aufnahme gewendet, und wiederholt haben wir schon Schüler aus diesen Kreisen gehabt. Man glaube auch nicht, daß sich etwa wie in Europa eine Orthodoxie des fyuagogalen Kultus entwickeln wird. Die Anzeichen beweisen daS Gegentheil. Die Sabbathschulen (Religivnsschulen) der Reformgemeinden zählen zahlreiche Schüler aus den Kreisen der russischen Juden, die selbst zu orthodoxen Gemeinden gehören. Ebenso nehmen diese Kinder an der Konfirmation Theil. Ja, noch mehr! Am letzten Schabuothfeste war ich in Newyork und besuchte den Abendgottesdienst in einer von polnischen Juden gebildeten Synagoge in der „oberen" Stadt, etwa dem Berliner Westend entsprechend, wo sich jetzt auch schon dichte Kolonien polnischer Juden befinden. Der Gottesdienst war ganz orthodox. Der Chasan sang sein „Maarabith" ganz nach polnischer Art, aber am Schluffe des Gottesdienstes ertheilte derRabbiner derGemeinde in deutscher Sprache den Segen; für den Morgengottesdienst, den ich in einer anderen Gemeinde besuchte, war Konfirmation von Knaben und Mädchen angesagt und — jetzt kommt das Interessanteste — in der orthodoxen Synagoge mit dem Maarabith singenden polnischen Chasan saßen Männer und Frauen zusammen, also noch mehr als in der Berliner Reformsynagoge. Das sind doch Thatsache», deren Interpretation sich Jedermann selbst machen kann. Schließlich darf man nicht vergessen, daß in Newyork mit seiner immensen russisch-jüdischen Bevölkerung, — sie wird auf 400 000 Seelen geschätzt — die fortwährend durch Einwanderung frischen Zuzug erhält, exzeptionelle Zustände herrschen, die höchstens in Chicago und Philadelphia und vielleicht noch in Baltimore und Boston schwache Analogien haben; aber außerhalb dieser Städte vollzieht sich der Amalgamirungsprozes; viel rascher, und die Scheidung zwischen orthodoxen und Reformgemeinden ist ein freundliches Nebeneinandergehen. Bei der Beerdigung von Isaak M. Wise ersuchte die Delegation einer aus südrussischen Juden gebildeten Gemeinde, die in ihrer Synagoge den chassidischen Minhag Sfard haben, um die Ehre, an dem Grabe das Gebet NN122 rezitiren zu dürfen. Unter der Delegation befand sich auch der orthodoxe Rabbi. Man denke sich etwa Malbim in solcher Situation an dem Grabe Geigers! Eine zumeist aus galizischen Handwerkern gebildeten Gemeinde in Cincinnati weihte kürzlich eine Synagoge ein und lud den Nachfolger Wises, Dr. Louis Großmann, und mich zur Abhaltung von Weiheredenein. Man stelle sich vor, daß so etwas in Berlin oder in Würzburg geschähe! Und doch trägt die Majorität der Besucher in jener Synagoge den Tallis über den Kopf gezogen, und einmal wohnte ich dem lustigen Schauspiel bei, daß ein Bräutigam zur Thora gerufen wurde, und man ihn mit Rosinen beschüttete, um die sich die liebe Jugend in der ergötzlichsten Weise auf den Boden balgte. Trotzdem fürchteten sie nicht, daß ich etwa den 118. Psalm meiner Weiherede zu Grunde legen und von seinem makkabäischen Ursprung sprechen würde. Moral von der Geschichte: Es ist nicht leicht, amerikanische Zustände nach Analogie der Deutschen zu beurtheilen, denn „dieses ist Amerika!" Schließlich darf man auch nicht vergessen, daß nicht etwa die ganze amerikanische Judenheit aus, sei es auch nur nominell, orthodoxen russischen Juden besteht. Im Gegentheil: fast Alles, was durch Vermögen, Bildung, soziale und Politische Stellung auf Bedeutung Anspruch machen kann, ist von amerikanischer oder deutscher Herkunft und gehört zu liberalen oder, wie mau gewöhnlich sagt, Reformgemeinden. Werden sich diese zurückreformiren? Schwerlich! Das Bestehende hat sich durch seinen Bestand schon das Recht des Bestandes erkämpft. Wird die „Neue Synagoge" in Berlin jemals den dreijährigen Cyclus aufgeben, den Priestersegen wieder von unbeschuhten Kohanim sprechen lassen, oder gar die Pijntim in ihre alten Rechte wieder einsetzen? Was Elchanan Rosenstein und Jakob Josef Oettinger vor fünfzig Jahren trotz ihrer Berufung auf Josef Kolons Gutachten über die Heiligkeit des Minhag nicht erhalten konnten, wird heute Niemand unter Berufung auf ihre Autorität reaktiviren. Ebensowenig werden die Reformtempel die Kopfbedeckung, das hebräische Gebetbuch und die zweiten Feiertage wieder einführen. Ich las einmal irgendwo, daß während des Kampfes der Frankfurter Juden um ihr unter französischem Regime erworbenes Recht, der Senator von Bethmann, einer der heftigsten Gegner der jüdischen Ansprüche, mit einem schlichten Bäckermeister die politische Lage besprach. Da sagte der Bäcker: „Herr von Bethmann, wenn die Wurst geplatzt ist, geht die Fülle nicht mehr hinein."

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