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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1902-10-03 · Heft 40 (3.10.1902) · p. Seite 473

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
66 (1902)
Issue
Heft 40 (3.10.1902)
Date
1902-10-03
Page
Seite 473 (sequence 7)
Language
German
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Die Rumänen sind griechisch-orthodox und daher auch den Katholiken feindlich, für sie will man offenbar nicht eintrete», aber die Juden möchte man auch nicht gern zu vertheidigen scheinen. Die sozialdemokratische Presse ihrerseits preist natürlich den Muth und das freie Wort der Republik im Gegensatz zu der Zaghaftigkeit der Monarchien Europas. Wichtiger ist die Haltung der Organe, denen mau Beziehungen zum Auswärtigen Amt uachsagt. Der „Hannoversche Courier" hat einen offenbar inspirirten Artikel, der die Intervention Amerikas abweist, die Unhaltbarkeit der rumänischen Zustände jedoch offen zugiebt. Dasselbe gilt von dem als offiziös allgemein anerkannten Entrefilet der „Kölnischen Zeitung". Wenn man in den maßgebenden Kreisen einsehen lernt, daß die Zustände in Rumänien unhaltbar sind, daß der Bundesgenosse des Dreibundes sich wirthschaftlich zu rniniren auf dem besten Wege ist, wenn dies vielleicht auch die Diskontogesellschast einsieht, dann würde den vereinten Anstrengungen es bald gelingen, eine Besserung herbeizuführen. Denn nicht allein die Rücksicht auf die Menschlichkeit, die Rücksicht auf den eigenen Nutzen geböte es diesen Instanzen, für die Juden einzutreten, und in dieser Erkenntniß liegt vielleicht die stärkste Hoffnung für eine Besserung des unglücklichen Looses unserer rumänischen Brüder. Die Ethik des Iudenthums. (A^ie Bestrebungen, das Wesen der jüdischen Lehre gegenüber der Fülle von positiven Vorschriften auf einige wenige Formeln zu bringe», haben eine lange Geschichte. Bekannt ist die Anekdote von Hillel, der dem Heiden auf das Verlangen, ihm, während er auf einem Fuße stehe, den Inhalt der jüdischen Religion beizubringeu, die Antwort gab: „Was Du nicht willst, daß man Dir thue, das thue auch Anderen nicht." Das sei der Inhalt der Lehre, alles übrige seien aussührende Bestimmungen. Wesen und Form werden iu der Antwort von Hillel nicht als Gegensätze gedacht, sondern die Formen verkörpern gewissermaßen die Idee und solleil dazu dienen, sie zu verwirklichen. Dies ist auch der Standpunkt, den die Evangelien ursprünglich Christus einnehmen lassen. Er will nicht das Gesetz auslöseu, es dient zur Verwirklichung der ethischen Grundsätze, welche er dem Volke predigt. Erst mit der Panlinischen Lehre wird der Konflikt zwischen Inhalt und Form geschaffen, der für das christliche Europa bezeichnend ist und auch manche moderne Bestrebungen kennzeichnet, eine Ethik des Judenthums zu kvnstrniren, welche nicht in den überlieferten rituellen Sitten und Gebräuchen wurzelt, sondern in der Luft des Aethers schwebt. Die Idee eines Konfliktes zwischen Inhalt und Form hat die Artikel inspirirt, welche Herr Dr. Jelski in dieser Zeitung hat er» cheinen lassen. Da diese Ideen zwar an Boden verloren haben, aber immerhin noch in weiteren Schichten getheilt werden, somit für gewisse Kreise typisch sind, verdienen sie eine eingehendere Besprechung. Inhalt und Form sind an sich nicht Gegensätze. Einem eigenthümlichen Inhalt entspricht auch eine besondere Form. Man kann sicher sein, daß die Baukunst auf einem niedrigen Standpunkt steht, wenn die Fassade, d. h. die äußere Form nicht organisch aus der» Grundriß sich ergiebt. Ebenso sind die Zeiten, in welchen die Maler davon ausgehen, daß es hauptsächlich auf die Idee eines Bildes ankomme, stets solche, in welchen schlecht gemalt wird. Idee und Ausdruck bedingen sich. Es giebt kein Wesen des Waldes, abgesehen von den Bäumen, und der Versuch, eine Ethik zu konstruiren unter Absehen von konkreten Vorschriften, kommt darauf hinaus, den Wald vor lauter Bäumen nicht zu sehen, oder zu behaupten, daß die Idee des Waldes mit den Bäumen nichts zu thun habe. Es läßt sich dies an dem Schicksal deutlich erweisen, welches die Ethik des Judeuthnms unter dem Einfluß des Paulinismus erlitten hat. Dr. Jelski erklärt die Fülle von rituellen Vorschriften, die für die Juden gegeben sind, „aus dem ganzen Wesen und Charakter der Theokratie, zu deren wesentlichster Eigenthümtichkeit es ja gehört, Irdisches und Göttliches zu vereinigen, das bürgerliche Gesetzbuch i» ein religiöses umzupresse», »nd umgekehrt den Priesterkodex auch zum Kanon für die soziale Ordnung zu bestimmen." Augenscheinlich ist in dieser Kritik die Theokratie als ein Vorwurf gedacht, und es wird für nicht richtig gehalten, Irdisches und Göttliches zu vereinigen. Diese Anschauung ist verfehlt. Sie ist allerdings in Europa heimisch, wo man selbst in den für religiös besonders geltenden Ländern sich an Wochentagen um den lieben Gott eigentlich nicht kümmert und ihm allenfalls am Sonntag eine Staatsvisite abstattet, aber sie ist inkonsequent und unlogisch.') Es ist logisch möglich, religiös vollständig indifferent zu sein; stellt man sich aber überhaupt erst auf einen religiösen Standpunkt, so ist es entschieden kein Tadel, sondern ein Lob, wenn mau alles Irdische vom Standpunkt der Religion betrachtet. Ich gebe zu, daß es in conersto nicht immer möglich sein wird, aber vom Standpunkt einer religiösen Weltanschauung muß diese Forderung gestellt werden. Es heißt das Wesen dieser Anschauung verkennen, wenn man Irdisches vom Göttlichem trennen will. Ganz besonders verfehlt ist solcher Dualismus vom Standpunkte der jüdischen Religion, welche einen so wesentlichen Werth ans die Gerechtigkeit, auf das Verhältnis; von Mensch zu Mensch legt. Ein Beispiel wird dies schneller erweisen als längere theoretische Ausführungen. Herr Dr. Jelski spricht von „spitzfindig erklügelten Menschenfatzmige», die keine» Grund lind keinen Sinn und keinen Zweck haben, wie z. B. das Verbot, am Sabbath z» fahren, der doch schon nach der Bibel eine Lust, aber keine Last sein soll." Fräulein (Frau) Gertrud Wolfs hat in dieser Zeitung mit Recht hervorgehoben, daß das Verbot, am Sabbath zu fahren, einen sehr tiefen Sinn und Zweck hat, nämlich dem Vieh und dem Knecht Sabbathruhe zu gewähren. Diese „spitzfindig erklügelte Menschensatzuug" ist direkt ausgesprochen in den zehn h Europa ist auch, wie unter Anderen Döllinger hervorgehoben hat, nicht religiös veranlagt; es ist bezeichnend, daß die Reformation, Europas religiöse Bewegung, ein jeder Religion spottendes Ergebniß zeitigte, daß nämlich der Landesherr die Konsession seiner Unterthanen bestimmen durste.

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