Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 66 (1902)
- Issue
- Heft 40 (3.10.1902)
- Date
- 1902-10-03
- Page
- Seite 472 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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472 auf Wahrheit beruht. Wir haben an Ort und Stelle Erkundigungen eingezogen und erhalten darüber aus Florenz folgenden Bescheid: „Genaue Nachforschungen haben ergeben, daß in keinem Blatt in Piemont etwas Aehnliches wie der erwähnte Vorgang berichtet wurde. Mein Gewährsmann hat sich an unterrichtete Kreise gewandt und erhielt den Bescheid, daß es sich um ganz niederträchtige Lügen handelt und all der ganzen Sache der Maßregelung italienischer Offiziere wegen antisemitischer Gesinnung keil: wahres Wort ist." Der Bann gebrochen! Von W. Bambus. eit mehr als zwei Jahrzehnten darf der kleine Staat an der Donaninündung, dies Rumänien, das erst der Berliner Vertrag zu einem unabhängigen Königreich umgeschaffen hat, die Erfüllung seiner feierlichen Versprechungen verweigern, soweit sie die Juden angehen, darf den Bedingungen, die an seine Unabhängigkeit im Berliner Vertrage geknüpft worden sind, Hohn sprechen und unter dem listig ersonnenen Vorwände, daß die Juden in Rumänien Fremde seien, dieselbe bedrücken, ihnen die Existenzmittel abschneiden, ihnen den Zugang zur Schule unmöglich machen und sie durch allerlei Kunstgriffe zur Auswanderung zwingen. Alles dies lhut der kleine Staat ungestraft vor den Augen der Großmächte, die den Berliner Vertrag unterzeichnet haben, ohne daß eine der Großmächte seit langem sich zu einem entschiedenen Worte aufgerafft hat, geschweige denn durch Thaten bekundet hat, daß sie sich diese Verhöhnung der feierlichsten internationalen Verpflichtungen nicht weiter gefallen lassen wolle. Den aus dem Laude der Barbarei fliehenden armen Juden sperrt man die Grenzen, aber den Bojaren dort unten wagten die stolzen Großmächte nicht entgegenzutreten. Kaum daß sich das stolze Albion hier und da einmal zu mündlichen Vorstellungen bei dem Bukarester Machthabern entschlossen hat, aber auch dann nur ganz sacht und leise, womit natürlich dort kein Eindruck zu machen ist. Wie ein dumpfer Druck lag es auf der Kulturwelt, daß die Barbarei solch eines kleinen Raubstaates stillschweigend hingenomlnen wurde. Wohl hat die jüdische Presse unausgesetzt auf die Greuel, die in der Moldau und Walachei geschahen, hingewiesen, wohl haben die liberalen Zeitungen in Westeuropa, wen» die Vorgänge gar zu arg wurden, wenn wieder und wieder Tausende zur Auswanderung gezwungen waren und mit Hilfe ihrer westlichen Brüder durch Europa zogen, um sich nach der neuen Welt einzuschiffen, wohl haben daun tapfere unabhängige Zeitungen die öffentliche Meinung manchmal ivachgerusen, auch bei uns in Deutschland haben sich einige Zeitungen, das „Berliner Tageblatt" und die „Frankfurter Zeitung" voran, große Verdienste um die Wachrüttelung der öffentlichen Meinung erworben, aber immer wieder hat mau de» Eindruck gehabt, daß die hohe Diplomatie an dem Loose der Hunderttausende Unglücklicher vorübergehe, weil es Juden sind, weil kein staatlicher Machtsaktor hinter ihnen steht, weil sie nicht über Bajonette und Kanonen verfügen, so daß die Menschlichkeit im hohen Rathe der Völker zu einer tzmuitite Iiegti^eal'lo geworden erschien. Jetzt endlich ist der Bann gebrochen, die Vereinigten Staaten von Nordamerika haben an Rumänien und an die Signaturmächte des Berliner Vertrages jene Note gerichtet, über deren Inhalt bereits in diesem Blatte berichtet wurde. Die Note hat einen gewissen Widerhall gefunden sogar bei der hohen Diplomatie, denn schon hat England sich angeschlossen, und es sind ähnliche Schritte auch von Italien und anderen Mächten zu erwarten. Soweit das Thatsächliche, was zu dieser Note zu berichten ist. Aber deren Bedeutung liegt gar nicht oder doch nicht zumeist in dem, was die Diplomatie jetzt thut oder unterläßt. Wir sind nicht optimistisch genug, um anzunehmen, daß bei den diplomatischen Schritten etwas Wesentliches für unsere Leidenden herauskommen wird. Rumänien wird den klaren Sachverhalt leugnen, es wird bestreiten, die Juden zu benachtheiligen. und wenn es der Lügen überführt wird, wird es zu beschönigen suchen. Der größte Theil der Großmächte aber wird sich gern zufriedenstellen lassen, mit einigen Redensarten wird man seine Unthätigkeit bemänteln und froh sein, wieder für möglichst lange Zeit Ruhe zu haben. Dennoch ist die amerikanische Note nicht nur ein Stück Papier und Fraß für die Mäuse. Die Vertheidiger der Humanität werden neuen Muth fassen; sie werden sich sagen daß diese amtliche Anerkennung der guten bürgerlichen Qualitäten der Juden, wie sie der Staatssekretär Hay in seiner Note ausspricht, die beste Widerlegung aller jener Bestrebungen ist, die darauf ausgehen, die rumänischen Jude» als sittlich verwahrlost, als geistig und körperlich degenerirt hinzustellen und so die Tyrannei der rumänischen Bojaren zn entschuldigen. Dieses Bewußtsein wird den Kämpfern für Recht und Gerechtigkeit neuen Muth geben, immer wieder und immer wieder von neuem an das öffentliche Gewissen von Europa, an die Presse zu appelliren und hier und vielleicht auch in den Parlamenten Westeuropas das Unrecht, das an den Juden Rumäniens verübt wurde, zu schildern, ihre unselige Lage darzustellen und zu zeigen daß ihre Emanzipation der einzige Ausweg ist für sie, wie für das unglückliche Land, das die gewissenlose Selbstsucht einer kleinen herrschenden Clique seiner besten Bürgerberaubt. Steter Tropfen höhlt den Stein, und allmälig werden diese Anstrengungen doch zu einem guten Ende führen. Aber solche Aufklärungsarbeit ist mühevoll und nicht immer sobald, wie es der gute Wille wünschte, ein Erfolg zu sehen. Daruin begrüßen wir so freudig den Schritt der Vereinigten Staaten, iveil er geeignet ist, uns und unseren Freunden neuen Muth einzuflößen. Von besonderem Interesse ist es bei dieser Gelegenheit, sich die Haltung der deutschen Presse näher zu betrachten. Die antisemitische Presse, die verschämte wie die unverschämte, tritt natürlich eifrig für Rumänien ein. Begreiflich genug; erfüllt doch Rumänien geradezu ihr Ideal, ist seine Politik doch ebenso reaktionär wie die ihre. Man weiß, daß diese Gruppe von Zeitungen die Organe der konservativen Partei umfaßt und auch noch ziemlich weit in das nationalliberale Lager reicht. Dann giebt es eine weitere Gruppe von Zeitungen, die sich von einem instinktiven Haß gegen Amerika verblenden lassen, die da glauben, sich auf den Standpunkt stellen zu müssen, daß Amerika in Europa nicht hineinzureden habe. Ist denn die Menschlichkeit nur auf Europa beschränkt? Oder giebt es eine Humanität für Amerika besonders? Es ist erstaunlich, daß selbst ehrlich liberale Zeitungen, dieser Auffassung huldigen. Leider giebt es auch liberale Zeitungen, in denen zweierlei Standpunkte zu Tage treten, die heute gegen Rumänien schreiben, iveil es die Inden bedrückt, die klarstellen, wie groß die Verluste sind, die das Land durch die Auswanderung der