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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1902-10-03 · Heft 40 (3.10.1902) · p. Seite 471

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
66 (1902)
Issue
Heft 40 (3.10.1902)
Date
1902-10-03
Page
Seite 471 (sequence 5)
Language
German
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Das Aushören der Auswanderung würde als Beseitigung lediglich der direkten Streitfrage zwischen den Vereinigten Staaten und Rumänien betrachtet werden, und die Vereinigten Staaten müßten, obschon sie auch weiterhin tiefes Interesse für die Besserung der Lage der rumänischen Juden hegen mögen, sich einstweilen mit dem zufrieden geben, was geschehen sei." Die rumänische Regierung hat aber anscheinend den Beschluß, den Juden die Pässe zu verweigern, gar nicht gefaßt. Es wird nämlich berichtet: „London, 27.<September. Wie das „Büreau Reuter" erfährt, hat die rumänische Negierung durch ihren Gesandten in London der britischen eine längere Darlegung der Lage der rumänischen Juden, wie sie sich von ihrem Standpunkte aus darstelle, unterbreitet. Der Gesandte erklärte sich ermächtigt, auszusühren, daß seine Negierung nicht in der Lage sei, die Auswanderung von Juden aus Rumänien zu verhindern. Der Gesandte bat um Auskunft, ob die Ansichten der britischen Regierung sich mit denen des amerikanischen i Staatssekretärs deckten. Der Vollständigkeit halber geben wir schließlich auch noch das folgende Telegramm deutscher Blätter hier wieder: London, 27. September. „Reuters Büreau" erfährt, daß keine europäische Nation bisher aus Englands die Jndenfrage in Rumänien betreffende Note geantwortet hat. Angesichts der vielen unerfreulichen Beispiele von Unduldsamkeit, die wir alle Tage erleben, sei hier ein Fall von „Toleranz der That" erwähnt, über den Vikar Woi dau er aus Stanislau in Galizien in der Hauptversammlung des Gustav-Adolf-Vereius in Kassel berichtete. Er amtirt in einem hochgelegenen Torfe in den Karpathen, wo, als er vor! Jahren hinkam, die polnischen Nonnen die Kinder unter-! richteten und bald polonisirten und katholisirten. Mit Mühe ist es ihm gelungen, die Kinder wieder dem Deutschthum zurückzugewinnen. „Dank der thatkräftigen Hilfe edler Menschenfreunde, insbesondere der Juden, ist uns," sagte Moldauer, „das schwierige Werk gelungen, und wir haben jetzt eine eigene evangelische, deutsch sprechende Volksschule im äußersten slavischen Osten, bei einer Gemeinde von 900 Seelen und 90 Kindern." Wir verzichten auf eine Parallele zwischen der in anderen Kreisen üblichen Praxis und dem hier erwähnten Verfahren der vielgeschmähten galizischen Juden. Der große moralische Eindruck der amerikanischen Note i wird noch verstärkt durch eine Kundgebung aus England zu Gunsten der rumänischen Juden. Zahlreiche vornehme! Engländer, wie der Erzbischof von Canterbury, die Bischöfe > von London und Wakefield, Chamberlain, Herbert Gladstone,! Dilke, Lord Nipon, Lord Fortescue, Lord Kelvin, der Professor des internationalen Rechts Dicey, H. E. Lecky und andere , hervorragende Engländer, haben an ein rumänisches Blatt - Briefe geschickt, in denen sie ihre Sympathie für die rumänischen > Juden ausdrücken und die Verfolgungen von Seiten der rumänischen Regierung mißbilligen. Chamberlain schreibt: „Ich bin jeder Verfolgung aus religiösen Gründen durchaus abgeneigt, und ich bedauere tief die unvernünftigen Beeinträchtigungen der jüdischen Bevölkerung in so vielen Ländern. Die Geschichte beweist, daß die Juden, während sie mit außerordentlicher Zähigkeit ihre nationalen Charaktereigenschaften und die Lehrsätze ihrer Religion bewahrten, zu den loyalsten Unterthanen der Staaten gehörten, in denen sie ein Heim fanden, und es ist die Unklugheit einer derartigen Verfolgung fast noch größer als ihre Grausamkeit." Herbert Gladstone sagt: „Ich beklage jede Intoleranz gegen Juden, die dem Gesetz gehorchen, in welchem Lande sie auch immer wohnen mögen. Ich kann kaum daran zweifeln, daß die rumänische Regierung ihre Politik noch einmal in Erwägung zieht und vermeiden wird, Unrecht zu thun." Sir Charles Dilke urtheilt: „Ich bedauere tief die fortgesetzte antijüdische rumänische Gesetzgebung . . . und ich bin der Ansicht, daß eine derartige Gesetzgebung eine scheußliche Grausamkeit und einen Schandfleck für die moderne Civilisation darstellt." Niedriger gehängt zu werden verdient eine Korrespondenz verschiedener Antisemitenblätter, die „Das Judenthum im italienischen Kriegsmimsterium" behandelt und zum Zweck hat die Bloßstellung des italienischen Kriegsministers und den Nachweis, daß auch in der dortigen Armee der Antisemitismus und die Abneigung gegen die jüdischen Offiziere weit verbreitet sein. Derf ganze Artikel beweist, daß dem Verfasser die einschlägigen Verhältnisse durchaus unbekannt oder von ihm absichtlich entstellt find. Zunächst weiß der Verfasser nicht, daß Ottolenghi, bevor er auf Wunsch des Königs das Kriegsministerium übernahm, Korpskommandeur in Genua war. Um nicht auf einem Dreibundstaat die Schande zu lassen, daß er einen jüdischen Kriegsminister habe, wird General Ottolenghi zum getauften Juden gemacht. Nein, der wackere Offizier hat nie seine Ehre durch ehrlosen Abfall vom Glauben der Väter befleckt, vielmehr erst jüngst in einem von uns eingesehenen Privatschreiben mit Stolz bekannt, daß er die angestammte Religion nie abgeleugnet oder verheimlicht habe. Das Auftreten des Ministers im Parlament möchte jener Schreiber ebenfalls als recht klägliches und seine Politik als rin Dienste der jüdischen Senatoren und Abgeordneten (die alte Phrase!) stehende hinstellen. Demgegenüber muß festgestellt werden, daß die Gewandtheit und Schlagfertigkeit, mit der General Ottolenghi, ein Neuling im parlamentarischen Kampfe, sein Ressort in der Kammer vertrat, allgemein verblüfft haben, und daß sein schneidiges Eintreten für die Armee und den Militarismus ihm gerade auf Seiten der konservativen Partei, die das gegenwärtige Ministerium sonst hart befehdet, großen Beifall eingetragen haben. Was man aber heutzutage antisemitischen Lesern alles zu bieten wagen darf, lehren die Zeilen von der Verbindung des Ministers mit dem „Abgeordneten (in spe) von Triest und Istrien Saloatore rsets Sälomone Barzilai". Der vorzügliche Kenner der Verhältnisse weiß nicht, daß Barzilai seit Jahrzehnten die Stadt Rom in der Kammer vertritt und eines ihrer hervorragendsten Mitglieder ist. Als ganz besonderer Witz sollte die Fälschung des Vornamens imponiren; der unwissende Korrespondent versteht eben nicht so viel Italienisch, um zu wissen, daß Salvators die wörtliche Uebersetzung des hebräischen Namens Josua -- Jesus oder deutsch Erlöser ist. Nach diesen Proben ist zu ermessen, wie weit die daselbst weiter berichtete Maßregelung von italienischen Offizieren wegen antisemitischer Gesinnung

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