Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 66 (1902)
- Issue
- Heft 40 (3.10.1902)
- Date
- 1902-10-03
- Page
- Seite 470 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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470 an euere Väter und Mütter I Nach der frommen Legende des Talmuds hing sogar über dem Nachtlager unseres Königs David eine Harfe, und wenn der Sturm über ihre Saiten dahinfuhr, dann erklang aus ihr das Lied der Glaubensinnigkeit, der Schmerzen und Hoffnungen Israels! So mag auch der Schofarruf am Roschhaschonoh die religiösen Saiten wieder in uns beleben, unser Innerstes aufrütteln zur Stärkung des religiösen Geistes und sittlich Guten, zum Gedächtniß der Väter. Kennte unsere Jugend die sittliche Hoheit, mit der unsere von der furchtbarsten Rohheit und Gewalt niedergebeugten Ahnen sich erhoben und vertheidigten, sie würde lächelnd über die papiernen Schlagworte des TageS hinweggehen. Was wir aber vor Allem verlangen müssen, ist, daß dem religiösen Gehalt unserer Glaubensgemeinschaft und der idealen Mission Israels wieder tiefe, nachhaltige Achtung verschafft werde. Uneben teo paekäeobo al Kol maaseeko, nzeosku cluiloin »guäo eebos! („So möge denn ein heiliges Erbeben vor dir, o Herr, alles Erschaffene durchdringen . . . daß alle Menschenkinder in Einen Bund sich zusammenschließen.") Das ist nicht zu erreichen, wenn die im Judenthum lebende religiöse Idee von der inneren Macht des echten Gottesbewußtseins in unserer Jugend nicht feste Wurzel gefaßt hat. Schön ist es, die geistige Erstarrung in belebende Frische umzusetzen, schön aber auch ist es, vom Markte des Tages, auf dem um allerhand Interessen gefeilscht wird, zurückzukehren in den Frieden des Hauses! Auf diesem Grunde erwuchsen uns einst die Männer, die im Rathe der Nation, unter der sie lebten, durch die Gediegenheit ihrer wissenschaftlichen Leistungen den Segen ihres bürgerlichen bescheidenen Wirkens und die Wucht ihres Ansehens, die Geseroth, die ja jeder Zeit uns nahe waren, niedertraten; denn alles Große ist bescheiden und keine Liebe giebt es ohne Zurechtweisung. Schaffet uns ein neues Herz und einen neuen Geistaber auf der alten sittlichen Grundlage! An Vereinen fehlt es uns nicht, an neuen und alte». Gedenket aber auch der ^Aiiclo oelios, von der unser Fest spricht und meidet den Neid der oberen und den Haß der unteren Schichten, vor allem aber lasset alle hohlen, tönenden Phrasen, an denen die Massen aller Art sich so gern berauschen! Der Geist der Verjüngung, der Gott sei Dank unsere Jugend belebt, er darf wahrlich nicht gehemmt werden, aber niemals sollen wir der Tage der Vorzeit vergessen. Das „neue Herz" der Jugend soll mit dem alten jüdischen Herzen der Eltern wieder eins werden in der gemeinsamen Pietät für die Vergangenheit unseres Judenthums und für alles Große und Edle um uns her. Vitjeosku ctrulom LKullo oelios, lasssot reronctm blsvvorv scbolam! („Und alle Menschenkinder werden in Einem Bunde sich vereinigen, um Deinen Willen mit ganzem Herzen zu vollziehen.") Eines der rührendsten Worte in dem Schriftabschnitt, der am zweiten Neujahrstage verlesen wird, ist das, welches von Abraham dem Stammvater und seinem Sohne Isaak erzählt: VV-ijoUtm solmolwm .jaebäov! („Und sie gingen beide zusammen!") Wenn die Väter und die Söhne, die Alten und die Jungen auch in unserer Zeit Zusammengehen, wo es gilt, den uralten Gottesglauben zu bekennen und diesem Opfer zu bringen, dann können wir dem Wandel der Zeiten mit ruhiger Zuversicht entgegensetzen! Die Woche. C-, Berlin, 30. September. I (A^s/^l^an kann sich denken, daß die amerikanische Note über die Juden in Rumänien die europäische Presse noch immer lebhaft beschäftigt. Ueber die Haltung Deutschlands zur amerikanischen Aktion äußert sich dir „Köln. Ztg." offiziös wie folgt: „Deutschland ist als Einzelstaat an dieser Frage in keiner Weise betheiligt. Aus dem Umstand, daß der Berliner Vertrag in Berlin unterzeichnet wurde, erwachsen uns nicht mehr Verpflichtungen zu dessen Vertheidigung als anderen Nationen. Es ergiebt sich hieraus, daß wir keinesfalls in der Behandlung der von England und Amerika angeregten Frage zu einer führenden Rolle uns berufen suhlen. Dieses um so weniger, als wir uns über die Schwierigkeit der Unternehmung keinen Täuschungen hingeben dürfen. Andererseits ist nicht zu verkennen, daß ein gleichzeitiges Eingreifen zweier größerer Kulturstaaten Rumänien die Frage anfdrängt, ob es in feinem eigenen Interesse nicht besser gethan ist, seine auf die Juden bezügliche Gesetzgebung anders zu gestalten. Jedenfalls hat Rumänien selbst das größte Interesse daran, die Jndenfrage von der Tagesordnung verschwinden zu lassen." Die Antwort Frankreichs macht einen recht traurigen Eindruck. Aber man begreift alles, wenn man sich in Erinnerung bringt, daß das republikanische Frankreich vor allem in seiner auswärtigen Politik unter dem Einflüsse des reaktionären Rußland steht. Die Meldung der „Ag. Hav." lautet - „Die französische Regierung hat die Note des amerikanischen Staatssekretärs Hay bezüglich der Lage der Juden in Rumänien noch nicht beantwortet. Obgleich es unmöglich ist, gegenwärtig vorauszusagen, welche Entscheidung der Minister des Aeußern Delcassö treffen wird, glaubt man in diplomatischen Kreisen doch, daß der Minister Delcassö unter voller Anerkennung des edlen Beweggrundes, der den Staatssekretär Hay erfüllte, sich nicht vollkommen den in der amerikanischen Note dargelegten Ansichten anschließen wird." Nur Rußland schweigt noch. Aber Rußland muß auch schweigen. Das ist die Ironie der Geschichte. Am meisten war man natürlich auf die Antwort Rumäniens selbst gespannt. Diese ist zwar noch nicht eingetroffen, aber offiziös hat sich die rumänische Regierung auch bereits vernehmen lassen. Die Herren machen sich die Sache allerdings sehr leicht und scheinen anzunehmen, daß es ihnen gelingen werde, die unbequeme Angelegenheit aus der Welt zu schaffen, wenn sie sehr lauten Einspruch gegen die „fremde Einmischung" in innerpolitische Angelegenheiten erheben. Aber so einfach läßt sich die Angelegenheit doch nicht abthun. Jeder andere Staat kann sich mit Fug und Recht gegen fremde Einmischung in seine inneren Angelegenheiten wehren, Rumänien darf es nicht. Denn im Berliner Vertrag ist die Unabhängigkeit dieses Landes an eine Reihe von Bedingungen geknüpft, und dazu gehört die Verpflichtung, den Unterschied der Religionen und Bekenntnisse nicht als Grund der Ausschließung oder der Unfähigkeit gelten zu lassen, insoweit der Genuß der bürgerlichen und politischen Rechte, die Zulassung zu öffentlichen Aemtern, Funktionen und Ehrenstellen und die Ausübung der verschiedenen Gewerbe und Industrien in Frage kommt, an welchem Ort es auch sei. Ein Telegramm deutscher Blätter meldete ferner aus Bukarest, die rumänische Regierung habe „als Antwort auf die amerikanische und englische Note" alle Behörden angewiesen, den Juden keine Auslandspässe mehr auszufolgen. Das Telegramm besagt noch, daß infolge des ergangenen Befehls, Auslandspässe nicht mehr auszufolgen, die bereits auf