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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1902-10-03 · Heft 40 (3.10.1902) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
66 (1902)
Issue
Heft 40 (3.10.1902)
Date
1902-10-03
Page
[Seite] (sequence 3)
Language
German
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66. Jahrgang. Ar. 40. Berlin, 1. Oktober 1902 Allgemeine eitung oes Du-enchums. Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis.- Durch Buchhandel, Post oder direkt von der Expedition in Berlin unter Streifband bezogen vierteljährl.3 M. Redacterrr: Gustav Karpeles. Begründet von Rabbiner Dr LuLrvig PHMppson-Bonn Verlags-Grpedition: Berlin, Lerusalemerstr. 48/49. Alle Zusendungen für Redaktion und I Expedition sind an die Adresse: Verlag der I „Allgem. Zeitung des Judenthums". Berlin I 8VV., Jerusalemer Straße48/49 zu richten. I Verlag von Rudolf Moffe, Berlin. I Anlslltt. Leitartikel: Der Wandel der Zeiten. — Die Woche. — Der Üann gebrochen! Von W. Bambus. — Die Ethik des Iudenthums. — Vom Diesseits über das Jenseits. Amerikanische Briefe aus Oesterreich. Üon Professor Dr. G. Deutsch in Cincinnati III.— Der Antheil der Juden an dem Aufblühen der Seidenindustrie in Berlin im 18. Jahrhundert. Von 'llbert Cohn. I. — Feuilleton: S. Cohn L Sohn. Erzählung von Zangwill I — Litterarifche Mittheilungen. — Sprechfaul. Der Gemeindevote. Korrespondenzen und Nachrichten: Berlin, Lharlottenburg, Aus der Provinz Posen, Breslau, Glogau, Leipzig, Neudrandenburg, Hamburg, Lippstadt, Bonn, München, Wien, Pcnis. — Bon Rah und Kern. Aer Mandel der Jetten. Berlin, 1. Oktober. (y^^^as müssen unsere Väter sinkt gelitten haben in jener ^^5 alten Zeit, die man wohl mit Unrecht die „gute-' nennt, da in ihr öfters noch als heute das Böse triumphirte! Diese Frage sollten wir uns beim Abschied des alten und beim Beginn des neuen religiösen Jahres immer wieder vorlegen, zu unserer eigenen Erhebung in diesen Tagen, da unser Blick betrachtend und abwägend sich rückwärts wendet, und unser Herz oft bange fragt: Was wird die Zukunft bringen? In Einem haben auch die edelsten Männer des zeitgenössischen Judenthums, aber auch nur in diesem Einen die Vergangenheit Israels zurückgewünscht, und mit ihnen wir Alle, die wir aus Geschichtskenntniß keine Lobredner der Vergangenheit sind und sein können: das war das Familienleben unserer Altvorderen. Auch wir haben es noch gekannt und danken ihm das Beste, was in uns wurzelt, — das jüdische, still umfriedete Haus. Sorgen wir dafür, daß nicht an die Stelle der Zucht und Ordnung, der Milde und der idealen Erhebung, der Ehrerbietigkeit, die in Israels Häusern einst durchweg vorherrschte. Nachäffung der Tagesmoden, eitler Schimmer und Prunk trete, Oberflächlichkeit und freche Genußsucht, oft schon bei den zarten Sprößlingen in der heiligen Jugendzeit. Wie Mancher opfert heute dem Luxus, dem Moloch unserer Tage, das stille häusliche Glück, das unsere Väter und Mütter als das Höchste pflegten und mit den: sie im Stande waren, ein verklärtes, gottergebenes Gemüth sich zu bewahren, während oft draußen die Herrschaft der rohen Gewalt mit vernichtendem Grimme ihnen den Untergang drohte. Was ist der papierne Lärm unserer Tage, was ist die gesellschaftliche Kränkung im heutigen öffentlichen Leben gegen diese schwere Zeit des Mittelalters? Ueber Diejenigen, die da glauben, ein neues Ghetto thue uns noth, werden die Räder der geschichtlichen Entwickelung ohnehin hinweggehen, aber dringend ist es an der Zeit, das jüdische Haus und den jüdischen Geist wieder neu zu kräftigen in religiösem Sinne. Wer nur mit den Ellenbogen vorwärts drängt aus dem Markte des Lebens, mag wohl im Augenblick manches erreichen, und er will dann ungern erinnert sein an die schweren Leiden seiner Vorfahren. Könnten sie ihm doch, meint ev, vielleicht den stolzen Kampfesmnth des Eroberers schwächen. So sehen wir die heutige Jugend ganz im Geiste der Zeit kampfesfroh und voller Zukunftshoffnung. Und wir sind die Letzten, die den neuen Geist hemmen werden. Wo wir jetzt die Tagesblätter aufschlageil, hallt uns eine scharfe, schneidige Begeisterung entgegen, wo wir auch Redner heute öffentlich ihre Ideale (oft sind es auch nur ihre — Interessen) vertreten hören, sind es vielfach hitzige, klangvolle, große Worte, die uns entgegenschallen. Am meisten in den Vordergrund getreten ist seit etwa 40 Jahren das Schlagwort „national", und auch in unseren Reihen ertönt innerhalb der Jugend immer stärker dieses Wort, denn auch wir sind Kinder unserer Zeit. Dort wird eine Demonstration, die den Einen ihr Heiligstes, ihre Vergangenheit schützen soll, gebrandmarkt als Frevel an der eigenen Nationalität, und hier erschallt wieder in Tageszeitungen der Kampfesruf gegen angebliche und oft auch wirkliche Friedensstörer, die uns das Recht und die Möglichkeit der Entwickelung nehmen wollen. Absprechend wollen manche der Neuesten in unserer Mitte auch den religiösen Juden den Glauben an die ideale Mission Israels rauben. Aber wir wollen heute nicht rechten, denn an unserer religiösen Jahreswende schweige der Streit der Meinungen. Es sei nur unverbrüchlich allen denen, die für das Judenthum in erster Reihe streiten und die am Roschhaschonoh doch den Weg zu unserem Heiligthmne verschmähen, am Feste selbst wieder in Erinnerung gebracht, daß das Judenthum vor Allein eine Religion ist, und daß wir das Heilige, das Gemüthvolle in unserer Mitte von Niemandem zerbröckeln lassen wollen, auch nicht von denen, die es gut meinen, die aber den Blick in ihre religiöse Vergangenheit scheuen und oft deni Frieden des jüdischen Hauses, von dem unsere Väter und wir ausgegangen sind, ganz fern stehen. Gewiß sind in den letzten Jahrzehnten große Dinge in Folge der Neubelebung der nationalen Ideen in der Politik geschaffen, sogar Throne durch die Nationalitätsidee auf dem Grunde dieses Drängens der Völker errichtet worden, — wir Juden aber sollen daran denken, daß wir in erster Reihe nicht das Schwert an unserer Seite tragen wie Jene, und daß eine unserer Aufgaben auch die ist, die Waffen des Geistes zu führen. Gedenket am Roschhaschonoh der Tage der Vorzeit und leget nicht ein zu scharfes Schwert zwischen euch und das Gedenken

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