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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1902-09-26 · Heft 39 (26.9.1902) · p. Seite 3

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
66 (1902)
Issue
Heft 39 (26.9.1902)
Date
1902-09-26
Page
Seite 3 (sequence 17)
Language
German
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Nach vielen Berathungen und Mühen ist es endlich dem Kuratorium gelungen, dank dem Entgegenkommen der Stadt Seesen, ein billiges md doch sehr geeignetes großes Grundstück in bester und freiester Lage ui der Lautenthaler Chaussee zu erwerben und hier einen stattlichen, allen Anforderungen entsprechenden Neubau zu errichten, und zwar ganz aus eigenen! Vermögen, ohne jeden Zuschuß von anderer Seite. So soll nun, nachdem die Anstalt auf eine rühmliche 50 jährige Vergangenheit zurnckblicken kann, demnächst das neue Heim bezogen werden. Dieser Hinweis auf die bevorstehende Feier sei aber den alten Zöglingen und jedem Menschenfreunde eine Anregung, der bewährten Stiftung zu gedenken und ihr dazu zu Helsen, daß sie auch ernerhin in gleichem Maße und Umfange wie bisher segensreich wirken und noch manchen armen Waisenknaben zu einem tüchtigen, selbstständigen Bürger erziehen könne. ---- Düsseldorf, 20. September. Bereits seit vielen Jahren herrschte hier das Bedürfnis; nach einer neuen Shagoge in Anbetracht des stetigen Wachsthnms unserer Gemeinde, die jetzt zu den Äroßgemeinden gehört. So konnte unsere Gemeindeverwaltung sich den berechtichten Wünschen gegenüber, denen viele Gemeindemitglieder in einer im Jahre 1897 an den Vorstand gerichteten Petition Ausdruck gaben, nicht mehr passiv verhalten und faßte nunmehr den Entschluß, ein den Anforderungen der Neuzeit entsprechendes und unserer herrlichen Kunst- und Gartenstadt würdiges Gotteshaus zu errichten. Am 15. d. M. fand unter Theilnahme der Mitglieder des Vorstandes, der Repräsentanz und deren Stellvertreter sowie einiger Gemeindemitglieder und des Bauleiters, des Herrn Professors Kleesattel, die feierliche Grundsteinlegung des Shnagogenneubaues an der Kasernenstraße. in unmittelbarer Nähe der alten Synagoge, in einer herzerhebeudeu Weise statt. Nach einer von; Herrn Rabbiner Dr. David gehaltenen Ansprache, in welcher der Redner unter Anknüpfung an die bekannten Stellen im 1. Buch Mose Kapitel 28, Vers 11. 12, 16, 17, 18 und 22 die Bedeutung eines Gotteshauses darlegte, verlas der erste Vorsteher unserer Gemeinde. Herr I. Levison, die in den Denkstein auszunehmende Urkunde, welche sodann gemeinsam mit den am 14. d. M. erschienenen Ausgaben hiesiger Zeitungen in den Stein verschlossen wurde. Nun folgte das Einsetzen des Steines unter Vollziehung der üblichen drei Hammerschläge seitens der anwesenden Herren mit den bei dieser Gelegenheit üblichen Denksprnchen. worauf die Feier durch ein Gebet des Rabbiners und Gesang des Chores einen schönen Abschluß fand. 1. Bonn, 21. September. Ueberall, wo Inden wohnen, wird die Trauerkunde von dem Hinscheiden des allgemein bekannten und geschätzten Rabbiners Dr. Jsaac Nülf mit inniger Theilnahme ausgenommen werden. Dr. Nülf ist am 19. d. M. Abends infolge eines Schlagansalles verschieden. Der Verstorbene hatte eine Radtour unternommen und war in der Nähe der Gronau, als er einem Fuhrwerk answeichen wollte, mit dem Rade gestürzt. Ein Schutzmann, welcher den Vorgang beobachtete, brachte Dr. Rülf, welcher bei dem Fall nur eine leichte Schürfung der einen Hand erlitt, auf seinen Wunsch nach seiner in der Argelanderstraße belegenen Wohnung, woselbst der hochbetagte Herr, wohl infolge des vorangegangenen Schrecks, plötzlich verschied. Mit den; Fuhrwerk, welchem Dr. Rülf nach links ausweichen mußte, ist derselbe in keinerlei Berührung gekommen. Nach einer anderen Darstellung ist Dr. Rülf beim Fall gegen das Hinterrad des Wagens gestürzt, wobei er eine schwere Brnstguetschung und eine Daumenverletzung erlitt. Der so unerwartet Dahingeschiedene, welcher am 10. Februar 1901 unter Antheilnahme weiterer Kreise hier seinen 70. Geburtstag beging, hatte seine Laufbahn als Lehrer begonnen. Er studirte spater in Marburg und erwarb sich in Rostock den Doktorhut. Nachdem Nülf kürzere Zeit in Schwerin als Rabbiner thätig war, wirkte er etwa 30 Jahre lang in der gleichen Eigenschaft in Memel, woselbst er als Begründer und Leiter des „Memeler Dampfboot" Jahrzehnte lang auch im Interesse des Deutschthums im Osten eine segensvolle Thätigkeit entfaltete. In den Nuhestaudsjahren. welche Nülf hier in Bonn verlebte, beschäftigte sich der trotz seines hohen Alters immer noch rüstige Mann mit wissenschaftlichen Arbeiten. Jsaac Rülf war eine eigenartige Persönlichkeit. lSeine publizistische Thätigkeit kam wesentlich dem „Memeler Dampfboot" zu gute. Rülf hatte jahrelang eine leitende Stelle bei dem vstpreutzischen Blatte und trat wacker und mit viel Geschick für den Liberalismus ein. In Memel hatte Rülf ausgiebige Gelegenheit, die Noth der ärmeren russischen Juden zumal in den Grenzprovinzen des Zarenreiches kennen zu lernen. Er machte es zu seiner Aufgabe. nach Möglichkeit dieserNoth zu steuern. Erging zum Studium der Lage der Juden in Rußland wiederholt in das Nachbarland und schuf gemeinsam mit Anderen in Memel Wohlthätigkeitsanstalten znm besten russischer Auswanderer jüdischen Glaubens. Durch die Schriften „Meine Reise nach Kowno" und „Drei Tage im jüdischen Rußland" lenkte er die Aufmerksamkeit weiterer Kreise auf die Noth des großen Theils der russischen Juden. Einer seiner Lieblingsgedanken war, durch Verpflanzung in andere Gegenden die Nothleidenden in bessere Lebensbedingnngen zu bringen. Seit den achtziger Jahren widmete sich Rülf philosophischen Studien. Rülf versuchte, ein festgeschlossenes System der Philosophie herzustellen, und er meinte, daß ihm dies gelungen sei. Seine Anschauungen legte Nülf zuerst in einer übersichtlichen Fassung 1880 in der Schrift „Der Einheitsgedanke als Fundamentalbegrifs" nieder. Eingehend begründete er seine Lehre in einem mehrbändigen Werke „Wissenschaft des Weltgedankens und der Gedankenwelt", mit dem Nebeutitel „System einer neuen Metaphysik". Die einzelnen Bände behandeln die Wissenschaft des Weltgedankens, die Wissenschaft der Gedankenwelt, die Wissenschaft der Krafteinheit, die Wissenschaft der Geisteseinheit. Schließlich beschäftigte sich Rülf auch mit sozialpolischen Studien. 1893 erschien von ihm eine Schrift „Das Erbrecht als Erbübel". In den letzten Jahren widmete sich Rülf mit dem Feuereifer, der ihm nun einmal zu eigen war, den zionistischen Bestrebungen in Wort und Schrift. Mit ihm scheidet eine dermarkantesten Persönlichkeiten des deutschen Rabbinerstandes, deren Bedeutung im Einzelnen noch zu schildern sein wird. Sein Andenken wird unvergessen fortleben'. (Auch wir widmen dem verehrten Manne, dem treuen Mitarbeiter, den Zoll dankbarer Erinnerung und werden sein Andenken stets in Ehren halten. Friede seinem hehren Geist! D.Red.) Honnef, 15. September. Am Freitag und Samstag fand die feierliche Einweihung der hiesigen Synagoge statt. Das Gotteshaus, früher eine evangelische Kapelle, ist einer völligen Umgestaltung unterworfen worden. In dem Gottesdienst, an dem außer der zahlreichen israelitischen Gemeinde die Vertreter der evangelischen Gemeinde und der Behörden theilnahmen, hielt nach den feierlichen Ceremonien der Thoraverlesung und einen! weihevollen Fürbittegebet für Kaiser und Vaterland, Ort und Gemeinde Herr Rabbiner Dr. K a l is ch er - Bonn eine gedankenreiche Predigt über das Wort des Trvstpropheten (Jesaia 54, 10): „Es sollen Berge weichen und Hügel fallen, aber meine Gnade I weicht nicht von dir, und der Bund meines Friedens fällt nicht, spricht! dein Erbarmer, der Ewige." Er begrüßte die That der Evangelischen von Hvnnef, die ihr Gotteshaus der israelitischen Gemeinde übergeben haben, in einer Zeit, wo die Nebel der Vornrtheile über der Menschheit lasten, und er dankte allen Wohlthätern; er beglückwünschte die Männer, deren Mühe und opfervollem Wirken es gelungen ist, den Israeliten in Honnef ein Haus des Friedens zu schaffen, in dem Gott wohnt und sein Gesetz verkündet wird; er zeichnete die ernsten, heiligen Pflichten, die dem Volk Gottes erwachsen und die in Handel und Wandel zu bethätigen sind; er schaute zuletzt in die große, ewige Friedenszeit hinein, in der aller Streit verstummt sein und nur Gerechtigkeit und Friede herrschen sollen. Merkwürdig erschien es den Evangelischen Honnefs, daß die Losung des Weihetages der Synagoge in der bekannten Losung der Brüdergemeinde mit Psalm 122, 6 lautete: Wünschet Jerusalem Glück, es müsse wohl gehen, die dich lieben. — Uebrigens bedarf die kleine und arme israelitische Gemeinde in Honnef noch mancher Hilfe, daß sie die übernommene Schuldenlast tragen kann. — Straßbuzg i. E., 19. September. Die von uns bereits wiederholt erwähnte, von Herrn Oberlehrer Dr. Lewy in Mülhausen in die Wege geleitete Agitation zum Zwecke der Verbesserung der israelitischenKultusverfassnng in Elsaß-Lothringen hat einen guten Erfolg gehabt. Von den etwa 120 Gemeinden haben in mehr als 80 theils die Gesammtheit, theils die Mehrzahl der Mitglieder sich damit einverstanden erklärt, daß ein Oberkonsistorium geschaffen, die Zusammensetzung der Konsistorien eine gerechtere, die Gemeinden selbstständiger und die Stellung der Gemeinderabbiner verbessert werde. Wie aus

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