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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1902-09-26 · Heft 39 (26.9.1902) · p. Seite 2

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
66 (1902)
Issue
Heft 39 (26.9.1902)
Date
1902-09-26
Page
Seite 2 (sequence 16)
Language
German
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2 Rundgang durch die Anstalt anschloß. In gesunder, freier Gegend im höchsten Norden der Stadt gelegen, erhebt sich der zweistöckige gefällige Rohziegelbau des Hauses, das die Inschrift trägt: „Gestiftet zum Andenken an David Pakscher von Frau Erna Pakscher." Im Souterrain befinden sich die Küche, deren praktische Einrichtungen das Herz jeder Hausfrau erfreuen würden, und die Schlafräume für das niedere Personal, im Parterre die Büreallräume und die Wohnung des Inspektors, während in den beiden oberen Etagen die Wohnräume der Insassen liegen. In der zweiten Etage befindet sich außerdem die einfache, aber würdig ausgestattete Synagoge. In jeder Etage stehenden Einwohnern zwei geräumige, offene Veranden zur Verfügung, die einen weiten Blick über das zum Theil noch unbebaute Terrain dieser Gegend ermöglichen. Ein umfangreiches Gartenstück erstreckt sich zu beiden Seiten und zur Rückfront der Anstalt, das später zur Errichtung zweier seitlichen Anschlüsse au den jetzt fertig stehenden Mittelbau bestimmt ist, welcher 35 Personen ein behagliches Unterkommen bietet. o? Posen, 22. September. Zu der Meldung verschiedener Blätter, der Posener Stadtverordnetenvorsteher Iustizrath Dr. Lewinski bewerbe sich um den Posener Oberbürgermeister-Posten, seine Wahl sei auch sicher, theilt Herr Iustizrath Dr. Lewinski nun den „Pos. N. N." mit, daß er diesen Meldungen vollständig fernstehe, und daß er sich weder um den Oberbürgermeisterposteu beworben, noch in der Lage seirr werde, ihn anznnehmen, falls er ihm überhaupt angetragen werden sollte. Im Nebligen wird bei dieser Gelegenheit daran erinnert, daß es in der Provinz Posen schon einmal einen jüdischen Bürgermeister gab, und daß auch früher der verwaiste Posener Oberbürgermeister-Posten einmal interimistisch durch einen jüdischen Stadtrath vertreten wurde. Die Stadt Jarotschin hatte nämlich 12 Jahre hindurch eitlen jüdischen Oberbürgermeister, und zwar war das Herr Goldeuriug, der vor sechs oder sieben Jahren starb. Gehalt hat allerdings Herr Goldenring nicht bezogen. Ebenso hatte einmal in Posen ein Stadtrath, und zwar der Stadtrath Eduard Kaatz, der vor etwa zwölf Jahren starb, den Posener Oberbürgermeister längere Zeit amtlich vertreten. Es war dies in den: Interregnum, das zwischen dem Tode des Oberbürgermeisters Kohleis und dem Amtsantritte des Oberbürgermeisters Müller lag. Es wurde damals auch dem amtlichen Stellvertreter des Oberbürgermeisters, Herrn Kaatz. eine Entschädigung zugebilligt, die derselbe jedoch persönlich nicht annahm, sondern sie einer wohlthätigen Stiftung überwies. (sotlblts, 15. September. Eine erhebendeFeier vereinigte heute die Glieder unserer Gemeinde mit den Vertretern der städtischen Behörden. Leitern der höheren Lehranstalten und sonstigen angesehenen Bürgern unserer Stadt. Die mit vielen Opfern durchgesührte Einrichtung eines eigenen Gotteshauses sollte ihren weihevollen Abschluß finden. In einer der neuesten Straßen erhebt sich in edlem Renaissancestil der schölle Bail, der in jedem seiner Theile Zeugniß ablegt von dem. opferfreudigen und gemeinnützigen Sinn unserer Glaubeusgemeinde. Die Mitglieder der Gemeinde versammelten sich in dem schönen, festlich erhellten Gebetsraume, die Vertreter der Gemeinde liebst den geladenen Ehrengästen, dem zweiten Bürgermeister, Stadträthen und Stadtverordneten, dem katholischen Geistlichen. Direktor des Gymnasiums und der Realschule in der schön geschmückten Vorhalle. Hier überreichte mit schlichten, zu Herzen gehenden Worten der den Bau leitende Architekt den Schlüssel zur Synagoge dem Gemeiiidevorstande, dieser dem Bürgermeister, der ihn dem aus Görlitz zur Feier berufenen Rabbiner Dr. Freund niit der Aufforderung übergab, das Gebäude nunmehr seinem heiligen Zwecke zu weihen. In festlichem Zuge begaben sich die Versammelten sodann in das Innere des Gotteshauses. Der Frauenvereiu und einzelne Familien hatten gewetteifert, durch Stiftung von Vorhängen, Thoramänteln und Gebetstlschdecken in Prachtvollen, künstlerisch ausgeführten Paramenten — sännntlich aus dem bekannten Atelier von Geschwister Bleichrade- Berliu — zur Verschönerung der Synagoge beizutragen. Nachdem die Versammelten Platz genommen, erscholl das ureweg-schöne Urcki-tanwu voll dem zu diesem Zweck eigens -znsammengetretenen, durch Schüler aller Konfessionen verstärkten, unter der bewährten Leitung des Kantors Bernstein trefflich eingeübten Chor. Daran schloß sich das Ausheben der.Thorarolleu, ihr Umzug und Einheben unter den üblichen Gesängen. Sodann entzündete Herr Rabbinatskandidat Cohn die ewige Lampe, mit einer warm empfundenen Ansprache die heilige Handlung begleitend. Psalm 115, 12—15, vom Chor meisterhaft vorgetrageu, leitete zur Festpredigt über, deren Worte und Gedanken wohl jedem Hörer sich fest ins Herz prägten. Glaube, Licht und Liebe, so führte Herr Dr. Freund aus, sollen von dem neu erstandenen Heiligthnm ausstrahlen, das jedem Beladeneil eine Stätte des Trostes, jedem Erfreuten eine Stätte der Veredelung sein möge. Zuletzt flehte der Prediger, selbst sichtlich ergriffen, den über Salomos Tempel ausgesprochenen Segen auf das neue Gotteshaus herab und schloß mit dem Gebete für Kaiser und Reich, für Stadt und Gemeinde. Die Jubelhymne Psalm 150 beschloß den gottesdienstlichen Theil der Feier. — An de»n nun folgenden offiziellen Festessen betheiligtensich wiederum neben Mitgliedern unserer Gemeinde zahlreiche Ehrengäste, so der katholische Geistliche, der Bürgermeister, Stadträthe und Stadtverordnete rc. Der Vorsitzende des Vorstandes eröffnete dasselbe mit dem Kaiserhoch und der Begrüßung der Gäste. In mehreren von Herzell kommenden und zu Herzen gehenden Worten nahmen die einzelnen Vertreter der Körperschaften Gelegenheit, ihrer Freude all dem Gelingen des heiligen Werkes, all dem würdigen Verlauf der Einweihnngsfeier und der selten einmüthigen Festesfreude aller Bekenntnisse Ausdruck zu der. leihen. Ein schönes Zeichen dieser Festesfreude war der reiche Ertrag einer für die Stadtarmen veranstalteten Sammlung. — Abends fand noch ein Essen für die ganze Gemeinde statt, bei welchem auch mancher Trinkspruch gehalten wurde, und das einen schönen Abschluß der denkwürdigen Feier bildete. L. Ryvttik, 15. September. Eine selten edle Frau, die buchstäblich nach den Worten „Immer sei ein Mensch — gottesfürchtig im Stillen" gelebt. Frau Louise Haase, ist heute einem Schlaganfalle erlegen. Ein Herz, das nie des Guten genug Lhun konnte, ein wahrer Quell des Lebens ist versiegt, hat aufgehört zu schlagen. Als vor Jahren ihr Gatte, der Fabrikbesitzer Ferdinand Haase, die Idee hatte laut werden lassen, die Gründung eines Waisenhauses zu ermöglichen, war sie die eifrigste Förderin des erhabenen Gedankens. Und als sie vom Ausschuß des Verbandes der Shnagogengemeinden des Regierungsbezirks Oppeln zur Ehrendame gewählt worden, da nahm sie diese Ehre wie ein verantwortungsvolles Amt hin. Unzählige Male bewegte sie sich wie eine Mutter unter den Waisenkindern; unausgesetzt öffnete sie ihnen ihr reines, lauteres, gütiges Herz; Jahr um Jahr trug sie dazu bei, daß die zur Entlassung gekommenen Zöglinge die erste Wegzehrung erhielten. Aber auch zahllose andere arme Mädchen beweinen die Gründerin ihrer eigellen Häuslichkeit. Eine Reche von Vereinen beklagt den Verlust einerreichen Spenderin. Und alles, was diese herrliche Frau all reinem Menschenthum geübt, geschah so, daß es die Welt nicht wußte: im Stillen hat sie gelebt und gewirkt. Im Stillen nahte ihr der Engel des Todes und ries sie sanft -- im 72. Lebensjahre — aus ihrem großen Familienkreise, dessen Aeste in viele Gemeinden Oberschlesiens ragen, aus der Schaar ihrer Verehrer, denen sie ein treffliches Muster an Seelengröße gewesen; aus der Mitte der Bürger der Stadt Rybnik. die ein liebes, immer freundliches Antlitz vermissen wird. Und wie ihr Leben ein Segen war, so möge die Erinnerung an sie allezeit ein Segen werden. i. Seesen, 15. September. Nachdem vor Jahresfrist die hiesige Jacobsonschnle unter großer Beteiligung von nah und fern das Fest ihres 100 jährigen Bestehens begangen hat, rüstet sich jetzt die Jacobson'! che Waisen an statt hier, um am 14. Oktober auch ihrerseits das 50 jährige Stiftungsfest und die Einweihung ihres neuen Heims zugleich zu feiern. 1852 hat der älteste Sohn Israel Jacobsons, Meyer Jacobson, sie ins Leben gerufen. Gleich seinem Vater von einem lebhaften Triebe zur Wohlthütigkeit und allgemeinen praktischen Nächstenliebe beseelt, wollte er sich besonders der vaterlosen Kinder aunehmen und schus aus eigenen Mitteln diese gemeinsame Erziehungsstätte für jüdische und christliche Waisenknaben. Seitdem hat die Anstalt reichen Segen gewirkt und manchen armen Knaben befähigt, in ehrenhaftem Erwerb den Weg durchs Leben zu machen. Nlcht nur in häuslicher Pflege, in Spiel und Arbeit sind ihre Zöglinge vereint, sondern in der angegliederten vollständigen Volksschule, die auch von mehreren Schülern aus der Stadt besucht wird, genießen sie ebenso gemeinsamen Unterricht, abgesehen von den Religionsstunden, die beiden Konfessionen getrennt ertheilt werden. Den Begabteren und Strebsameren öffnet sich die Jacobsonschule zu weiterer Ansbilduug, die Meisten aber treten nach vollendetem 14. Lebensjahre sogleich in eine gewerbliche oder kaufmännische Lehre ein. Die Anstalt ist bisher ganz ans ihr ursprüngliches Stistnngsvermögen angewiesen, und dieses gewährt bei dem gesunkenen Kapitalwerth nicht mehr die Zinserträge

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