Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 66 (1902)
- Issue
- Heft 39 (26.9.1902)
- Date
- 1902-09-26
- Page
- [Seite] (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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Einige auswärtige Blätter melden anläßlich der Nachricht, daß Justiz rath Dr. Edmund Friede - mann als Kandidat der freisinnigen Volkspartei an Stelle Virchows I in: dritten Berliner Landtagswahlkreise aufgestellt werden soll, daß Dr. Friedemann „schon einmal bei der Hauptwahl im ersten Berliner Landtagswahlkreise (dem Thiergarte»viertel) Kandidat gewesen, damals aber dem Ansturm eines großen Theiles der jüdischen Wahlmänner unterlegen, denen er zu „jüdisch" war. Friedemann hatte nämlich kurz zuvor im Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens eine von jüdischem Selbstbewußtem getragene mannhafte Rede gehalten." Diese Nachricht ist absolut falsch, wie Jeder weiß, der die Berliner Verhältnisse kennt. Die Ausstellung eines jüdischen Kandidaten scheiterte damals an dem energischen Widerstand von nichtjüdischer Seite. 8. Berlin, 21. September. Wiederum konnte die hiesige jüdische Gemeinde einem neuen, großartig angelegten Humanitären Institut die Weihe geben lassen, nämlich der dritten Altersversorgungsanstalt in der Exerzierstraße. Zur Feier, die heute Mittag 12 Uhr in der festlich geschmückten Synagoge der Anstalt stattsand, hatte sich ein sehr zahlreiches, auserlesenes Publikum eingefunden. Als Deputirte des Magistrats waren die Herren Stadträthe Mielenz (als Vertreter des Oberbürgermeisters), Kalisch, Straß mann und Hübner anwesend, als Depntirre der Stadtverordnetenversammlung die Herren Stadtverordnetenvorsteher Lang erhans, Vorsteher-Stellvertreter Michelet, Justizrath Cassel und Crem er. Der Vorstand der hiesigen jüdischen Gemeinde war fast vollzählig zur Stelle, ebenso erschienen in großer Zahl die Repräsentanten. Die übrigen Gemeindeinstitute hatten Abordnungen entsandt, insbesondere die beiden bereits bestehenden Altersversorgungsanstalten, deren Vorstände und Ehrendamen sich zahlreich zur Feier eingestellt hatten. Auf dem Ehrensitze nahm die Gründerin des Hauses, Frau Ern a Pakscher, welche, wie wir s. Z. mittheilten, in hochherzigster Weise zur Errichtung des Baues 200 000 Mark gestiftet hat. Nach dem einleitenden Chorgesang: „Wie schon sind deine Zelte, Jakob", der von dem Chor der Lindenstraßensynagoge in bekannter Klangschönheit und mit vollendeter Präzision ausgeführt wurde, begrüßte der Vorsteher der hiesigen jüdischen Gemeinde die Erschienenen. Er wies an der Entwickelung der Altersversorgungsanstalten, deren Anfänge bis in die Zeit des großen Kurfürsten zurückreichen, daraus hin, daß zu allen Zeiten bei dem größten Theite der Glaubensgenossen, gewissermaßen angeboren, das ernste Pflichtgefühl bestanden hätte, dem Nebenmenscheu beiznstehen, dem Armen zu helfen und den Schwachen zu stützen. Die gesummten Kosten zur Errichtung der Anstalten sind durch freiwillige Beiträge ausgebracht, die Errichtung der zweiten Anstalt durch eine ansehnliche Schenkung des Manheimer'schen Ehepaares ermöglicht worden. Beinahe dritthalb hundert Personen find in der ersten und zweiten Anstalt untergebracht. Der Redner dankte alsdann vor allem der Kaiserin, die ein Geschenk von 2000 Mark überwiesen hat, dann den Behörden der Stadt, welche bekanntlich das Terrain schenknngsweise überließ, Herrn Moritz Manheimer. dessen Anregung und Bemühungen es gelang, das Grundstück der Gemeinde zu sichern, und durch dessen Hilfe namhafte Beiträge dem neuen Institute zuflossen, und den vielen Stiftern, welche durch Zuwendung von Beiträgen und Hausgegenständen sich verdient gemacht haben. Besonderen Dank sprach er der Gründerin der Anstalt Frau Pakscher aus, die nunmehr die Stelle der Vorsitzenden der Ehrendamen des Instituts einnehmen soll, und giebt der Hoffnung Ausdruck, daß wie in den beiden anderen Anstalten auch in dieser neuen das gleiche Maß von Liebe und Theitnahme den Insassen entgegengebracht werden möge. Nach abermaligem Chorgesang, in dem Fräulein Sarrü mit warmem, volltönendem Alt das Solo sang, bestieg Rabbiner Dr. Maybaum zur Weiherede die Kanzel. Er bezeichnete den Tag der Einweihung als einen wahren Festtag, nicht nur darin, weil in den Kranz der Wohlthätigkeitsanstalten eine neue köstliche Blüthe eingefügt werde, sondern auch darin, weil die Glaubensgemeinde wiederum gezeigt hätte, daß in ihrer Mitte Religion und Humanität aufs Innigste verknüpft seien nnd Gottesverehrung und werkthälige Liebe die gleiche Pflege und Sorgfalt genießen. Es sei überaus bezeichnend für den Geist, der sich in der hiesigen Gemeinde kund gebe, daß die Verwaltung derselben, welche jetzt dem hilflosen Greisenalter ein neues Obdach eröffne, demnächst eine neue Mädchenschule in Angriff nehme und die Errichtung eines neuen Gotteshauses im Norden der Stadt bereits in die Wege geleitet habe. Hierin liege einerseits ein Zeugnis; für die umfassende Fürsorge, welche den Ausgaben der Werktätigen Liebe gewidmet werde, und welche wie dem Alter so auch der Jugend gerecht zu werden suche, und andererseits sei ersichtlich, daß nur zu allem die Anregung aus der Gottesverehrung schöpfen. Aber so viel immer auch dem Gerechtigkeitssinn der Stadt Berlin und der Hochherzigkeit der Stisterin, die, für sich selbst bedürsnißlos, ihre ganze Zeit und Kraft seit Jahren in den Dienst der Menschenfreundlichkeit gestellt, zu danken sei, die umfassende Fürsorge für das hilfsbedürftige Alter, die gerade bei den Juden unstreitig sich der eifrigsten Pflege erfreue, müsse ihren Grund in der Sache selbst haben, und, wenn irgendwo, sei auch hier ein allgemein menschlicher Grund zu finden. Die Antwort gebe das ergreifende Gebet, das bei Beginn eines neuen Jahres gebetet werde: „Verwirf uns nicht im Greisenalter, verlaß uns nicht, wenn unsere Kraft vorbei ist." Das rechte, glückliche Greisenalter. wie es Abraham beschieden worden fei, gehöre heute zu den Seltenheiten; es werde von Allen erstrebt, aber nur von den Lieblingen Gottes erreicht. Das Greisenthum, das nicht greisenhaft sei, das vielmehr Ehrfurcht und Bewunderung einflöße, dieweil es als Verkörperung der Weisheit erscheine, könne nur aus dem Wege der Tugend erworben werden. Weit häufiger als die innere Kraft und Würde fehle uns äußere Unabhängigkeit, um unser Alter sriedvoll und glücklich zu gestalten. Zu keiner Zeit seien jedoch so große Anstrengungen gemacht worden zur Verbesserung der Erziehung wie jetzt, und Religion und Sittlichkeit stehen überall im Vordergründe des Interesses. Nur die wenigsten Menschen brauchen auf eine Wüstenei zurückzublicken, die meisten hätten vielmehr neben trüben auch lichte Erinnerungen, die sich wie die Regenbogenfarben von dem dunklen Horizonte ihres Lebens abheben. Was sie aber gleichwohl mit tiefer Besorgniß erfülle, das sei die Unsicherheit im Hinblick auf die Znkunst. Denn der Kampf ums Leben sei schwer geworden. und die soziale Arbeit zur Entlastung der Schwächeren befinde sich noch in ihren Anfängen. Die äußeren Vorbedingungen eines fröhlichen Lebensabends sollen den Greisen und Greisinnen in dem neuen Hause erfüllt werden, die Befreiung von der Sorge um die Nothdnrft des Lebens sollen sie hier finden. Aber die innere Voraussetzung, die Rnhe des Gewissens, die erst am Abend des Lebens die sonnige Klarheit verleihe, sie könne der Greis nicht in der Anstalt erst suchen, sie müsse er selbst mitbringen. Die Aufnahme in das Haus sei nicht sowohl eine Versorgung, sondern geradezu eine Auszeichnung für die Greise- Es liege darin ein Zeugniß, daß die Aufgenommenen in den Stürmen des Lebens sich wacker und treu gehalten, daß sie das Bewußtsein ihres inneren Werthes und die Achtung in den Augen der Mitmenschen niemals verloren hätten. Die Ehren, die dem Alter zukommen, werden den Insassen des neuen Hauses nicht fehlen. Dafür sorge der Geist der Verwaltung, der sich bereits in den früheren Anstalten zu einerlebendigen Tradition herausgebildet habe. Der Redner weihte alsdann die Anstatt im Namen der Religion, deren Frucht sie ist, mit denselben Worten, mit denen einst Mose das Heiligthum der Religion geweiht: „Möge die Huld des Ewigen unseres Gottes über uns walten, möge er unserer Hände Werk fördern und durch seinen Beistand festigen für und für!" Mit der Ertheilung des Segensspruches und abermaligem Chorgesang (Psalm 115) endete die würdige Feier, an die sich ein