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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1902-09-26 · Heft 39 (26.9.1902) · p. Seite 468

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
66 (1902)
Issue
Heft 39 (26.9.1902)
Date
1902-09-26
Page
Seite 468 (sequence 14)
Language
German
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468 Eindrücken und Erlebnissen des Tages bot. So rein und frei wie die Luft, die wir hier athmeten, war auch das Gespräch des Tages. Wie oft mußte ich noch an diesen Tag zurückdenken, und welche Sehnsucht empfand ich auf meiner Reise noch manchmal nach einem solchen Gespräch, wenn ich, von den Bergriesen der Alpenwelt zu den Höhen und Hügeln des anmuthigen Schwarzwaldes wandernd, zunächst und überall die Erinnerung an den Mann in mir ausleben ließ, der vor nun gerade sechzig Jahren die Kinder dieses Schwarzwaldes von dessen tannendunkleu Wiesen in die deutsche Litteratur eingeführt und das Tuchwams und die Flechte in ihre alten dichterischen Rechte wieder eingesetzt hat. Auch er war ja ein Meister des Gesprächs wie wenige Andere. Aber ich kann es nicht leugnen, daß sich ein Gesühl von Wehmnth in diese Erinnerung einmischte. Auf Schritt und Tritt begegnet man im Schwarzwald den Erinnerungen an Scheffel. Nun will ich ja keine Parallele zwischen Sch es fel und Auerbach ziehen, aber es hat mich doch sehr schmerzlich berührt, daß ich nirgends auch nur die leiseste Erinnerung an Anerbach gefunden habe. Und auch dieses Gefühl konnte ich lange nicht los werden: Was hätte Berthold Auerbach wohl gesagt, wenn er heute in seinen geliebten Schwarzwald gekommen und etwa in St. Blasien an der Villa „Kehrwieder" vornbergegangeu wäre, deren Prospekt ausdrücklich erklärt: „Keine Israeliten". Das war doch vor sechzig Jahren nicht! Die „Israeliten" sollen freilich nicht die einzigen sein, die jenein Nus nicht entsprechen; und sie wissen sich auch darüber zu trösten, daß sie es nicht nöthig haben, nach dieser Villa wiederzukehreii, denn der Schwarzwald bietet ja genug stille Waidthüler, anmuthige Sommerfrischen und beliebte Badeorte, in denen sie willkommen sind. In Baden-Baden, Badenweiler, in Triberg und in Wildbad vor allem sind sie gern gesehene Gäste, und dort konnte ich auch manche interessante Beobachtung machen, die werth wäre, weiter ausgeführt zu werden. Was mir besonders anziehend war, ist der Unterschied zwischen nord- und süddeutschen Juden, der weit größer ist, als man gemeinhin annehmen möchte. Man sagt, daß die norddeutschen Juden mehr wissenschaftliche Bildung, die süddeutschen aber mehr Bildung des Herzens, wenn das Wvrt gestattet ist, besitzen sollen. Auch der Unterschied zwischen den Freien und Frommen ist in Nord- und Süddeutschland ein anderer. Von besonderem Interesse war es mir aber hier, die Umgangssprache der kleinen Leute zu verfolgen. Die Forscher, die dem Judeudeutsch ihre Aufmerksamkeit zuwenden, sollten diesen Unterschieden größere Beachtung schenken. Habe ich^doch selbst manches Wort, das ich in Restaurationen oder ans Spaziergängen ausfing. erst im Ten dl an, dessen „Sprüchwörter und Redensarten deutsch-jüdischer Vorzeit" noch immer ein sehr gutes Buch sind, suchen müssen, um es zu verstehen. Der polnische, österreichische oder norddeutsche Jude weiß wirklich nicht, was der süddeutsche sich darunter denkt, wenn er mit seiner „Tsille" „nach Schulen geht", um dort zu „oren", zu „omeru",zn „meinern", oder auch nachher zu „nachtleienen". Ueberhaupt hat er „alssort" mit der „Jiddischkeit" zu thun. Unser „Harjet" giebt ihm auch im Bade viel Beschäftigung. Unter solchen Umständen bildet sich natürlich nach berühmten Mustern eine Menschensorte aus, die aus dem religiösen Leben eine gewisse Passion macht. Der süddeutsche Dialekt hat merkwürdigerweise gerade dafür eine Anzahl sehr charakteristischer Sprichwörter. Der Zaddik im Pelz ist namentlich in den Bädern zu Hause. Ich habe auch manchen gesehen, der sich nichts daraus machte „ä Loch in den Schabbes zu mache", im Gegensätze hierzu aber auch sehr viele „Kodesch- Hupper" und manche Frau, von der man mit Recht sagen konnte, sie mache auch „den Fußschemel jontefdick". Das starre Festhalten dieser Leute au veralteten Formen kennzeichnet wieder ihr eigenes Sprichwort: „Worum sagt mer Jekum-Purkan zwaamol? Weils zwaamol steht." Als das werthvollste Argument eines solchen „Frommen" gegen alle Einwendungen ist mir aber der Satz in Erinnerung geblieben: „Nit glaabe is kaan Kunscht, glaabe is e Kunscht". Wenn man aber meint, daß er und seinesgleichen nicht auch des Lebens Freuden zu genießen wissen, dann irrt man sich sehr. Ja, ich muß sagen, daß er für gewisse Vergehen sogar eine mehr als übergroße Milde au den Tag zu legen Pflegte. Nach der Staatsaktion des Mesumen-Benschens, die im Badeleben dieser Leute eine Hauptrolle spielt, hörte ich manche Witze, die vielleicht selbst sür den „Simplizissimus" zu gepfeffert wären. Von einem Ehepaar, das schon auf der Promenade sich etwas auffallend benommen hatte, sagte mein „Omen-Säger": „Er esst Rettig, un sie Radiescher!" Und als Pendant erzählte ein anderer Genosse der Tafelrunde von einem Manne, der eine sehr häßliche Frau hatte, eine Anekdote, die ich meinen Lesern auch nicht ersparen kann. Der Mann eilte einmal über die Straße: „Wo jagst Dn hin?" ruft ihm sein Freund zu. „Zum Doktor," antwortet der Mann, „meine Frau gefallt mir ebbes uit!" - „Wart, ich laaf mit Dir, meine gefallt mir aach uit." Unter solchen und ähnlichen Gesprächen war dann die Zeit gekommen, wo meine Tischgenossen wieder „nach Schulen" gingen, was wohl ihre angenehmste Zerstreuung war, und wo sie sich über alle Fährnisse des Lebens, über Abfall, Antisemitismus, Indifferentemus und manches andere „mus" freudig Hinwegselsten in der felsenfesten Ueberzeugung: „Und Wenns nur zwaa Jehudim get, kloppt aaner Schul, un aaner geht Schul!" Als ich am Bahnhof vor der Abreise einen dieser Schulen-Geher traf, rief er mir zu: „Ja, ja, 's Hörnche lässt sich höre!" und mahnte mich dadurch, daß es an der Zeit sei, nach der Heimath zurückzukehren. Meinem freundlichen Mahner und allen, die es ehrlich meinen, wenn sie „nach Schulen gehen," ein glückliches neues Jahr! tl. X. Litterarische Mitteilungen. — Aus unserem Büchertisch hat sich während der Ferienzeit eine wahre Fülle von Büchern augehänft, die alle der Besprechung harren: Die Schriften von S. R. Hirsch, neue Werke von Ziegler, Blau, Grunwald, Gutmann, Peters, Jossel u. v. A. Für heute verzeichnen wir nur die erfreuliche Thatsache neuer Auflagen von mehreren Werken, die wir schon bei ihrem ersten Erscheinen mit Anerkennung besprochen haben. Es sind dies die vortreffliche deutsche Übersetzung der Werke von Flavins Joseph ns aus dem Verlage von Otto Hendel in Halle, der allgemein beliebte Roman von Elise Orszeszko: Meir Ezofoviez, der schon in dritter Auflage vorliegt <H. Minden in Dresden), und die innerlich wie äußerlich prächtigen Gesäuge „Juda" von B. v. Münchhausen und E. Lilien. — Auch werthvolle Kataloge über ältere oder neuere Erscheinungen der jüdischen Litteratur sind ans den rührigen Antiquariaten von C. Boas, Nachf. in Berlin und J.Kaufsmann in Frankfurt a. M. hervorgegangen, die uns beweisen, daß auch diese Art des Bücherbetriebes bei uns erfreuliche Fortschritte macht. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.

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