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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1902-09-26 · Heft 39 (26.9.1902) · p. Seite 466

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
66 (1902)
Issue
Heft 39 (26.9.1902)
Date
1902-09-26
Page
Seite 466 (sequence 12)
Language
German
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466 ihr hübsch, gewandt und intelligent, aber sie hatte kein Geld. Während die ältere Schwester jeden Pfennig zusammengehalten hatte, um einmal einen Doktor heirathen zu können, war die jüngere mit ihren Ersparnissen dem Vater zu Hilfe gekommen, um das Hereinbrechen einer Katastrophe zu verhüten. Seitdem Sophie vertrauensvoll ihr Schicksal in meine Hand gelegt hatte, fühlte sie sich etwas unbehaglich in meiner Gegenwart. Es war ein prächtiges Mädchen, und ich hatte sie recht lieb gewonnen. Mein erster Gedanke war an sie, als Mr. Goldstein mich beauftragte, für ihn eine Passende Partie zu suchen. Er war wohlhabend und brauchte nicht auf eitle Mitgift zu sehen; die Hauptsache war nur, daß sie hübsch war und ihm gefallen mußte. Auf dem Rusfenball sollten der Arzt und Mr. Goldstein den Schwestern vorgestellt werden. Eine unerklärliche Unruhe quälte mich den ganzen Tag. Niemals war es mir bisher eingefallen, meine Privatsache dem Gebet einznfügen, aber heute bat ich den lieben Gott um seinen Beistand. Es war nach 8 Uhr Abends geworden, als ich meine Wohnung verließ. Malke trat zu mir und sagte in einem halb ernsthaften, halb ironischen Tone zu mir: „Wenn es nicht ganz nach Wunsch geht, brauchst Du Dich nicht zu grämen, Baruch! Gott wird helfen, er ist barmherzig!" Als ich den Ballsaal betrat, wiegten sich die maskirten Paare gerade nach den Klängen eines russischen Walzers. Mein Doktor war schon zur Stelle, und diese günstige Gelegenheit benutzte ich, um ihm noch einmal zu erklären, daß die Shermans sehr fein wären, und daß sie gewöhnlich erst sehr spät erschienen. Es war aber bald 10 Uhr, und ich begann nun doch etwas unruhig zu werden. Der Gedanke, daß Mr. Goldstein mich und Sophie Sherman im Stiche lassen könnte, war mir fürchterlich. Was sollte ich nur sagen? Irgend etwas Ernstes mußte ihm zugestoßen sein. Die Schwestern kamen meiner Instruktion gemäß ziemlich spät. Ich empfing sie an der Thür, und führte sie in die Garderobe. Dann erzählte ich ihnen so schonend als möglich, daß Herr Goldstein nicht anwesend sei. Aber der Doktor ist doch hier?" fragte Klara erregt. „Gewiß!" erwiderte ich. Klaras Augen begannen zu leuchten. Der Doktor war also da, um sie kennen zu lernen. Ich war Sophiens wegen sehr traurig und fühlte mich verpflichtet, ihr Gesellschaft zu leisten. Aber als ich wahrnahm, daß sie doch eine Menge Bekannte dort hatte, fühlte ich eine große Erleichterung. Ich setzte mich in eine Loge des Saales, und zwar so, daß ich die Fortschritte meiner Schützlinge genau beobachten konnte. Ich richtete meine Augen starr auf Klara und den Doktor. Alles andere im Saal erschien mir unwichtig und nebensächlich. Sie tanzten zwei Walzer. Dann stockte ihre Unterhaltung. Plötzlich schien dem Doktor eiu sehr kluger Gedanke gekommen zu sein. Er fragte sie, weshalb sie so spät und ohne Begleitung erschienen wäre. „Ich kam mit meiner Schwester," antwortete sie, und um weitere Erkundigungen uach dieser zu verhindern, brach sie hastig das Gespräch ab und gab demselben mit der Frage, ob jetzt der Walzer „Donauwellen" gespielt würde, eine andere Wendung. Er hatte wohl ihre Aeußerung überhört, denn er sah sie ganz überrascht an. „Sie kamen mit Ihrer Schwester? Oh, es wäre mir sehr angenehm, Ihre Schwester kennen zu lernen. Stellen Sie mich doch, bitte, ihr vor." Arme Klara! Was muß sie dabei empfunden haben! Aber ihr blieb kein anderer Ausweg, sie mußte ihn zu Sophie führen und ihn vorstellen. „Warum that sie das?" fragte ich mich verwundert, und unwillkürlich ballte ich die Faust. Das Orchester intonirte einen neuen Walzer. Des Doktors Antlitz strahlte, er engagirte Sophie zum Tanze. Oh diese Tänzer — welche gefährliche Konkurrenten sind sie den Heirathsvermittlern! Klara zog sich indessen ganz verstört in eine Ecke zurück, wo sie sich niederließ. Fünf qualvolle Minuten vergingen. Klara schien einer Ohnmacht nah«, und ich eilte sofort zu ihr. „Miß Sherman, sind Sie krank?" fragte ich sie sanft. Sie erhob ihren Kopf und starrte mich au, als wenn sie mich verschlingen wollte. „Wie kommen Sie dazu, mir einen solchen Don Juan znzuführen?" fragte sie heftig erregt. Ich schwieg; das schien mir in diesem Falle das Rathsamste zu sein. Ich mußte den Doktor auf jeden Fall sprechen. Ein schwacher Hoffnungsstrahl war noch in meinem Herzen. In dem fürchterlichen Menschengewühl waren mir meine beiden Schützlinge verloren gegangen. Endlich fand ich sie. Er war wirklich nicht dumm, er schien sich bis über die Ohren in sie verliebt zu haben. Aber welchen Vortheil hatte es für mich? Sophie war arm, das war der Bräutigam auch. Der Doktor sprach mit Enthusiasmus von den guten Eigenschäften des Weibes, worauf Sophie bemerkt: „Oh neben den guten Eigenschaften kommt doch hauptsächlich etwas Anderes bei der Heirath eines Mädchens in Betracht." „Natürlich, ein gewisser Grad von Klugheit und — Schönheit, Eigenschaften, auf die Sie sehr stolz sein können," sagte der Doktor entzückt. „Nein, das meinte ich nicht; es ist etwas anderes, aber ich fürchte Sie zu verletzen —" Sie brach plötzlich ab, da ich mich in diesem Augenblick ihnen nähert«. „Auf ein Wort, Doktor," flüsterte ich ihm zu. „Entschuldigen Sie mich einen Augenblick," sagte der Doktor zu Sophie, indem er sich artig verbeugte. Sophie bat ich indessen zu Klara zu gehen, die sich nicht wohl fühle. „Fräulein Sophie Sherman hatte ganz Recht," sagte ich zum Doktor, als sie sich entfernt hatte. „Sie besitzt einen großen Fehler: sie hat kein Vermögen." Der Doktor wurde stutzig, biß sich auf die Lippen und brach in ein nervöses Lachen aus. Der Fehlgriff war nicht gut zu machen. . . . Auf dem Nachhausewege war ich sehr niedergeschlagen. Alle meine Hoffnungen waren wieder einmal in Rauch aufgegaugen. Die Schwestern waren in meiner Begleitung, keine von ihnen brach das Schweigen. Als wir uns vor der Wohnung Shermans trennten, rief die ältere Schwester mir mit vor Aerger verhaltener Stimme zu: „Sie können uns wieder einmal auffvrdern, Herr Purkin!" „Noch gebe ich die Hoffnung nicht ans" dachte ich mir, als ich ihnen Adieu sagte. „Du kannst nicht Schabbes machen mit Deinem Stolz!" wiederholte ich in Gedanken die Worte meiner Frau. Und als ich noch einmal die Einzelheiten dieses ereignißreichen Tages mir ins Gedächtniß rief, da fielen mir auch die Wort« eiu, welche Malke mir mit auf den Weg gegeben hatte:

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